London Grammar „Truth Is A Beautiful Thing“
Aus den Tiefen der Seele

Jennifer BalthasarVon

Es ist Pop, es ist melancholisch und doch ist es anders als jedes Klischee, das man jetzt erwartet. Das liegt vor allem an Sängerin Hannah Reid und ihrer kraftvollen, zugleich sanften Stimme, die nicht nur unter die Haut geht, sondern bis ins Innerste vordringt.

„Truth Is A Beautiful Thing“ heißt das zweite Album des britischen Indie-Pop-Trios London Grammar. Eine junge Frau zwischen Liebeskummer und Selbstzweifeln, auf der Suche nach der Wahrheit und nach sich selbst. Soweit nichts Besonderes. Der Unterschied liegt in der Umsetzung, denn der Stil ist bestechend einfach und unkompliziert. Es geht um die Musik, um natürlichen Charme und echte Gefühle, nicht um die große Bühnenshow. Kennengelernt hatten sich Sängerin Hannah Reid und Gitarrist Dan Rothman 2009 beim Studium in Nottingham. Zusammen mit Keyboarder Dominic „Dot“ Major starteten sie zunächst als Coverband, bevor ihnen Ende 2012 mit ihrem eigenen Song „Hey Now“ der Durchbruch auf YouTube gelang. Das Debütalbum folgte 2013.

 Es sind Begegnungen mit Menschen, die Reid zu ihren Texten inspirieren. Intensive Begegnungen. So intensiv wie ihre Träume, in denen sie oft auf Lord Voldemort trifft – jene dunkle Macht, gegen die Zauberlehrling Harry Potter sieben dicke Bände lang kämpfen musste. Reids Gesang ist von ergreifender Tiefe und erstaunlicher Reichweite in den tiefen wie in den hohen Lagen. Eine dunkle, charismatische Stimme, die den Hörer gefangen nimmt und erst wieder gehen lässt, wenn der letzte Ton verklungen ist. Dabei wirkt Reid frischer und weniger melodramatisch als die fast gleichaltrige Sängerin Adele, an deren Volumen und Präzision sie allerdings nicht heranreicht. Umhüllt wird der Gesang von leichten Elektrosounds und zarten Gitarrenklängen. Wie eine Wolke tragen sie die Melodien und heben die traurige Grundstimmung. Hin und wieder spielt auch das Klavier eine Rolle. Dennoch: Das entscheidende Element in der Musik des Trios bleibt Reids durchdringende Stimme. Sie baut die charakteristische Spannung auf, die sich durch das ganze Album zieht.

So ist es nicht verwunderlich, dass der erste Song „Rooting For You“ mit sehr dezenter musikalischer Begleitung beginnt. Ein tiefgehendes Lied, das die Beweglichkeit und die Kraft von Reids Stimme ausschöpft. Ähnlich beeindruckend, aber typischer für London Grammars Sound ist die Ballade „Hell To The Liars“ – Gänsehaut garantiert. Perfekt ist das Album dennoch nicht. „Leave The War With Me“ fehlt der zündende Funke, „Bones Of Ribbon“ ist zum Großteil einfach nur laut. Zum Glück gibt es genügend einfühlsame, sinfonische Stücke wie „Oh Woman Oh Man“ und den Titelsong „Truth Is A Beautiful Thing“, die diese Schwächen überspielen. Nach und nach setzt sich das „Big Picture“ zusammen. „Diese Narben sind in Ordnung“, singt Reid und man glaubt ihr. Die Wahrheit mag manchmal bitter sein, doch es erleichtert, ihr ins Gesicht zu sehen und sie zu teilen. Besonders, wenn sie mit so viel Kraft und Gefühl aus tiefster Seele gesungen wird.

Zugegeben, das Album verharrt in seiner melancholischen Atmosphäre, etwas Abwechslung könnte nicht schaden. Doch das Konzept funktioniert. „Truth Is A Beautiful Thing“ vermittelt Hoffnung, trotz des eher düsteren Klangs. In jedem Fall ist es eine überzeugende Weiterführung des Debütalbums „If You Wait“ – und das wurde immerhin mit Doppel-Platin ausgezeichnet.

London Grammar: „Truth Is A Beautiful Thing“, Virgin, Ministry Of Sound Recordings (Universal), 09. Juni 2017, Amazon

Jennifer Balthasar
Jennifer Balthasar
Publizistin M.A., Magisterstudium der Publizistik, Psychologie und Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Freiberuflich tätig in den Bereichen Journalismus, Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation. Ihre Schwerpunkte bei „unser Lübeck“ sind moderne Klaviermusik, Alte Musik, Weltmusik und Crossovers sowie klassischer und moderner Tanz.
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