Hauschka, Foto (c) Vidas Cerniauskas

Hauschka „What If“
Willkommen in der Zukunft

Jennifer BalthasarVon

Für die Filmmusik zum Kinodrama „Lion“ war er dieses Jahr zusammen mit Kollege Dustin O’Halloran für den Oscar und den Golden Globe nominiert. Er komponierte für das MDR-Sinfonieorchester und improvisierte mit Solisten der Münchner Philharmoniker. Sein Markenzeichen: das präparierte Klavier. Mit „What If“ hat der Düsseldorfer Pianist und Klangkünstler Hauschka alias Volker Bertelmann ein weiteres Soloalbum vorgelegt.

Wie der Titel verrät, dreht sich alles um die Frage: Was wäre, wenn? Wenn wir tausend Jahre alt werden würden. Wenn unsere Kinder auf dem Mars lebten. Oder, viel wahrscheinlicher, wenn das Konzept von der ewig wachsenden Wirtschaft scheitert und die Natur zurückschlägt. Die treibende Kraft hinter diesen Spekulationen ist die Unsicherheit, die das Leben in der heutigen Zeit und der Gedanke an die Zukunft mit sich bringen. Schnelllebigkeit, Umbrüche, das Gefühl von Heimatlosigkeit und vom Ausgesetztsein in der Fremde. Wo soll das alles hinführen?

Artefakte dieser verrückten Zivilisation finden sich in Hauschkas präpariertem Flügel wieder: Klebebandrollen, Schrauben und Alufolie neben Radiergummis, Kronkorken und Tischtennisbällen – um nur einige Beispiele zu nennen. All diese Objekte verfremden beim Tastenanschlag den natürlichen Klang des Klaviers. Es entstehen klickende, klirrende und ratternde Geräusche sowie trällernde, zirpende und surrende Töne, die charakteristisch sind für Hauschkas Stil – für seinen gedämpft elektronischen Sound, den er akustisch erzeugt. Für „What If“ geht der Künstler allerdings einen Schritt weiter. Er will sich lösen von der allzu harmonischen Filmmusik der vergangenen Jahre, mehr in Richtung Clubmusik gehen, Synthesizer und Beats einbauen.

Der gesellschaftskritische Ansatz wird in „Constant Growth Fails“ besonders deutlich. Immer schneller, immer weiter, immer mehr, suggeriert der multi-rhythmische Highspeed-Track. Das kann nicht gut gehen. Die Diagnose am Ende: Maschine kaputt. Keine Melodie mehr, kein Beat, nur noch klägliches Zirpen. Aussagekräftiger für das Album als Ganzes, für seinen mysteriös-spacigen Klang, sind die Stücke „Familiar Things Disappear“ und „I Can’t Find Water“. Was passiert, wenn unsere gewohnte Umgebung einfach verschwindet, und schlimmer noch, wenn wir kein Trinkwasser mehr finden können? Als Zuhörer fühlt man sich manchmal wie ein kleiner, verlorener Satellit, der aus seiner Umlaufbahn gefallen ist. Weit entfernte Klänge, Vakuum.

Doch keine Angst, wir werden wieder aufgefangen. Neue Harmonien nähern sich, integrieren sich in den vorgegebenen Rhythmus. Hauschka weiß, was er tut. Nicht umsonst wird er immer häufiger mit Steve Reich verglichen, dem ersten großen Vertreter der Minimal Music. Als Pionier hatte Reich in den 1960er Jahren begonnen, afrikanische Trommelrhythmen auf westliche Instrumente zu übertragen. Typisch für seine Musik ist die konstante Repetition musikalischer Themen, also die ständige Wiederholung bestimmter Muster mit nur leichter Variation und einem tranceartigen Effekt.

Diese Merkmale finden sich auch auf Hauschkas Album „What If“. Seine Klangexperimente sind ohne Frage abstrakt, eindringlich und alternativ. Doch bleiben sie melodisch und in sich stimmig. Mit „I Can’t Express My Deep Love“ ist zur Halbzeit sogar ein sanftes, lyrisches, fast reines Klavierstück dabei. Insgesamt wirken die Soundcollagen klärend, ordnend und auf hypnotisierende Weise beruhigend – futuristische Meditationsmusik, in die man geradezu hineingezogen wird.

Hauschka: What If, City Slang (Universal Music), 31. März 2017, Amazon

Auf Einladung von Star-Mandolinist Avi Avital komponierte Hauschka auch eigens ein Werk für das Schleswig-Holstein Musik Festival, das gemeinsam mit dem „vision string quartet“ uraufgeführt wird. Zu bewundern ist „Flood & Drought“ am 7. Juli in der „halle400“ in Kiel (K 14) und am 8. Juli in der Rotunde der Lübecker Musik- und Kongresshalle (K 21).

 

Jennifer Balthasar
Jennifer Balthasar
Publizistin M.A., Magisterstudium der Publizistik, Psychologie und Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Freiberuflich tätig in den Bereichen Journalismus, Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation. Ihre Schwerpunkte bei „unser Lübeck“ sind moderne Klaviermusik, Alte Musik, Weltmusik und Crossovers sowie klassischer und moderner Tanz.
Weitere Artikel

Kommentar schreiben

Unsere Kommentare werden moderiert!
Wir bitten um Verständnis, dass wir Kommentare löschen oder nicht freischalten, die werblichen, strafbaren, beleidigenden oder anderweitig inakzeptablen Inhalts sind.


Sicherheitscode
Aktualisieren