Die Briefe der Manns – ein Familienporträt

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Beim ersten Anblick auf dem Ladentisch ist das Buch entschieden zu dick, um es unbefangen in die Hand zu nehmen und darin stöbernd zu blättern. Man sollte es dennoch tun und – ziemlich weit hinten – mit dem Lesen des Nachwortes anfangen.

Auf Seite 659 beginnt eine knapp 40-seitige Darstellung der Geschichte der Familie von Thomas und Katia Mann aus der Feder des Hauptherausgebers Tilmann Lahme. Nach Zeitabschnitten gegliedert, die entweder familiär oder politisch begründet sind, werden die im Hauptteil des Buches abgedruckten 199 Briefe in biografische, familien- und zeitgeschichtliche Zusammenhänge gestellt, beginnend 1919, endend 1981. Mit diesem Rüstzeug solide ausgestattet, kann sich der Leser von den acht sehr verschiedenen Brief-Stimmen von Thomas und Katia, Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael einfangen lassen.

Die Auswahl von 199 aus derzeit ca. 2.000 vorhandenen Familienbriefen orientiert sich an Zielsetzungen wie Vielfalt, Ausgewogenheit, Kontrast und Neuheit. (Hundert Briefe werden erstmals oder erstmals im vollen Wortlaut publiziert.) Mitherausgeber Holger Pils und Kerstin Klein kommentieren sparsam, aber hinreichend ausführlich, zum Beispiel den Familienjargon in Bezug auf die Namen: Mielein (Katia), Pielein (Vaterle, Zauberer, Z), Eri, Aissi oder das so wichtige Wort „üsis“. Die Kommentatoren lassen es Klaus Mann erläutern: „Das Wort spielte eine enorme Rolle in unserem Sprachschatz. Ursprünglich von putzig abgeleitet und über ‚usig‘, ‚üsig‘, zu seiner endgültigen Form ‚üsis‘ sich entwickelnd, wurde es zunächst auf Puppen und Tiere angewendet. Es bezeichnet auf vage und zärtliche Weise alles, was ungeschickt, rührend, bemüht, großäugig-drollig, ungelenk-sympathisch auf uns wirkte. Kälber und Füllen könnten ‚üsis‘ sein, Puppen und kleine Kinder mit erstauntem, hilflosen Ausdruck im Gesicht; in seltenen Fällen sogar Erwachsene.“ Mutter Katia flicht es gerne in Briefe an ihr „Reh“, „mein Stern“ (Pielein) ein, wenn sie ausführlich Erlebtes zu Papier bringt.

 Als Thomas Mann 1936 in einem Brief an den „Aississohn“ Klaus für dessen „anmutige“ Besprechung des dritten Bandes des Josephs-Romans in einer Zeitschrift dankt, fällt der Satz: „Hast bei aller Verderbtheit eben doch einen guten Fond.“ Der Kummer der Eltern über „das Kleinbürgerliche“, die Rauschgiftsucht im Leben des hochbegabten Sohnes, findet in der Formulierung des „Zauberers“, der 1936 seit mehr als einem Jahrzehnt im „reinen Osten“ „Patriarchenluft“ „kostet“, einen zugleich deutlich-harten, aber bei aller Verzweiflung immer noch hoffenden Ausdruck.

Viel an Familienkorrespondenz ist verlorengegangen. Dass die Auswahl der Herausgeber also bei aller Umsicht fragmentarisch bleibt, ist dem Lektüregenuss nicht abträglich. Im Gegenteil: Von manch allzu intimem Geschwister-Geschnatter (Erika und Klaus) wünscht man nicht mehr zu erfahren; von den spannenden politischen Debatten, z. B. im Zeitraum der Ausbürgerung zwischen 1933 und 1936, wünscht man gelegentlich noch mehr brieflichen Austausch – aber das Lückenhafte steigert wiederum die Leselust. Also: Auch wenn das Familienporträt in Briefen vom Umfang her abschreckt, der Lektüregewinn durch diese im Buchinneren schlank präsentierte philologische Kraftanstrengung wird jeden beherzten Zugriff reichlich belohnen.

Die Briefe der Manns – ein Familienporträt, herausgegeben von Tilmann Lahme, Holger Pils und Kerstin Klein, S. Fischer Verlag Frankfurt/M 2016, 720 Seiten

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen Buchfink, ProsaArno Adler, Langenkamp, maKULaTUR, Buchstabe und auf Amazon erhältlich.

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Kommentare  

# BuchkritikKistenmacher Holger (24.07.2017, 16:57)
Hallo Manfred Eickhölter, schön, dass Dir die Mann-Briefe auch gut gefallen. Allerdings habe ich das Buch bereits im Dezember 2016 hier rezensiert (siehe "Weihnachts-Buchempfehlungen 2016"). Vielleicht sollte man das vermerken, damit der Leser den Vergleich hat und damit noch mehr Gründe, das Buch zu lesen. Kollegiale Grüße von Holger Kistenmacher
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