Herrmann Schmitz, Foto (c) Dr. Alexander Risse

Ein Fels in der Brandung der philosophischen Modeströmungen
Hermann Schmitz

Stefan DiebitzVon

Bin ich schon so schrecklich alt? So viele Philosophen habe ich kommen und gehen sehen, so viele Philosophien waren der letzte Schrei und schon bald wieder vergessen …

Auf der Schule wurde ich mit Camus und Sartre auf der einen Seite, mit Bloch und Adorno auf der anderen bekannt gemacht, und obwohl meine Liebe zu ihnen auch nicht für immer anhielt, hinderten sie mich doch, mich für den Kritischen Rationalismus von Sir Karl zu erwärmen. Später erschrak ich vor dem Jargon des Strukturalismus, aber noch schlimmer schien mir die Analytische Philosophie. Von schnaufenden Philosophie-Gurus aus Karlsruhe oder Schönlingen, die im Jogi-Löw-Look im Spätprogramm des ZDF Frauen seufzen lassen, wollen wir gar nicht erst reden.

Der Gehirn-KnaufDer Gehirn-KnaufUnd heute? Ganz unbedingt en vogue ist Gehirnforschung, und es gibt nicht wenige „Philosophen“, die auf dieser Modewelle reiten und ganz furchtbar stolz darauf sind, Wolf Singer duzen zu dürfen. Mir fällt dabei immer „Die Unsichtbare Loge“ des genialen Jean Paul ein, ein Roman von 1793, in dem ein gewisser Ottomar ein interessantes Gedankenexperiment anstellt. Weil er wie ein großer Teil der heutigen Philosophen denkt, dass „den eigentlichen Körper der Seele nur Gehirn und Rückenmark ausmachen“, entscheidet sich Ottomar dafür, einer Person in Gedanken die Haut abzuschinden, ihr ferner die Knochen herauszuziehen und sich endlich das Fleisch und Gedärm wegzudenken, „bis nichts mehr auf der Ottomane saß als ein Mark-Schwanz mit einem Gehirn-Knauf oben dran“. Damit trifft der Dichter des ausgehenden 18. Jahrhunderts so ziemlich präzise die Weltsicht der Hirnforscher unserer Tage, die Feuilleton und Nachtprogramm gleichermaßen dominieren und in deren Werken sich der Leib mit einer bloßen Statistenrolle begnügen muss. Oben im Schädel wohnt das Gehirn, aber das war es dann auch schon.

Die Philosophie von Hermann Schmitz nun allerdings stellt so ziemlich das Gegenteil dieser gegenwärtigen Mode dar, denn das Gehirn spielt in seinen Überlegungen bestenfalls eine Nebenrolle. Vielmehr ist Schmitz seit Jahren, was sage ich: seit Jahrzehnten der Philosoph des Leibes.

Hermann Schmitz, geboren 1928 und seit 1958 erst Assistent, später Professor in Kiel, ist der Begründer einer eigenen Schule und Verfasser einer riesigen Anzahl von Büchern. Zwischen 1964 und 1980 veröffentlichte er die zehn schwergewichtigen Bände seines Systems der Philosophie, mit denen er die Neue Phänomenologie begründete, und ließ im Anschluss noch eine ganze Reihe von Einzelstudien folgen. Bis heute hat er mehr als fünfzig Bücher geschrieben – und es sind ja keine Liebesromane, sondern anspruchsvolle Studien, die sich nicht aus dem Ärmel schütteln lassen. Seine umfassende Bildung wie seine Gelehrsamkeit kann man nur bewundern.

Und die Treue zu seinem Konzept ebenfalls. Eingangs des ersten Bandes seines Systems der Philosophie hat er 1964 den weiteren Fortgang des Unternehmens skizziert und ihn dann wirklich und wahrhaftig umgesetzt. Erst staunt man über diese Voraussicht wie über die Ausdauer, aber manchmal stutzt man auch und fragt sich, ob der Autor nicht gelegentlich Anlass gehabt hat (hätte haben sollen …), sich zu korrigieren oder sein Konzept zu erweitern.

Schmitz hat viele Autoren und Wissenschaftler angeregt, darunter auch einige prominente, und es gibt sogar eine seiner Philosophie gewidmete Stiftungsprofessur in Rostock, aber trotzdem ist er bis heute der einzige namhafte Vertreter seiner eigenen Schule. Angesichts seines hohen Alters hat er im vergangenen Jahr einen lesenswerten Rückblick auf sein Leben und vor allem seine Philosophie vorgelegt, die zugleich als eine Einführung in sein Denken und eine Zusammenfassung seiner wesentlichen Resultate dienen kann.

 Ein erstes Resümee seines Hauptwerks gab Schmitz bereits 1990 in „Der unerschöpfliche Gegenstand“, aber dieses Buch ist trotz späterer Auflagen längst vergriffen. Jetzt also, am Abend eines sehr langen und produktiven Lebens, legt er unter dem merkwürdigen Titel „Ausgrabungen zum wirklichen Leben“ eine Bilanz vor, in der er nicht allein zusammenfasst, sondern auch von seinen gelegentlichen Selbstkorrekturen berichtet.

Der Band gliedert sich in fünf große Kapitel, „Subjektivität“, „Mannigfaltigkeit“, „Leib und Gefühl“ und endlich „Welt“ überschrieben; das letzte Kapitel nennt sich „Rückblick auf das Abendland“ und meint eine Kurzfassung der europäischen Philosophiegeschichte. Alle Überlegungen von Schmitz sind höchst komplex, das heißt nicht in jedem Fall kompliziert, aber in- und miteinander verwoben, so dass man keinen Teil ungestraft überspringen darf – sonst wäre es ja kein System. Eben hierin liegt auch eine der Schwierigkeiten, wenn es darum geht, den Inhalt seines Buches zu referieren.

Ich will mich hier auf seine Leibphilosophie konzentrieren, denn schließlich gibt es keinen anderen Denker, der so sehr wie Schmitz vom Leib ausgeht, und deshalb gibt es auch keinen anderen, der kompetenter wäre, dem Unsinn der Gehirn-Knauf-Philosophie zu widersprechen.

Ein „ungeheures Reich“ nannte er schon 1966 den Leib, „das Nächste und Schicksalhafteste“. Seine philosophische Methode – die Neue Phänomenologie – ist ohne eine ausgearbeitete Philosophie des Leibes überhaupt nicht zu denken, ja sie nimmt sogar ihren Ausgang von einer Analyse der Leibempfindungen.

Schmitz unterscheidet den Leib vom Körper. Der Leib ist für ihn das, was wir auch ohne Zuhilfenahme von Sinnesorganen spüren, wogegen sich unser Körper ertasten oder in einem Spiegel anschauen lässt. Zu unserem Leib können unter Umständen auch Phantomglieder gehören, und so ist er etwas, das sich zwar gelegentlich oder vielleicht gar zumeist mit dem Körper deckt, keinesfalls aber mit ihm identisch ist. Anders als der Körper besitzt der Leib keine Fläche, wohl aber Volumen. Den Leib zeichnet eine Art dynamische Tiefe aus, die sich aus immer wieder neu bildenden und auflösenden „Leibesinseln“ zusammensetzt.

Der Leib ist das, in dem wir unbewusst zu Hause sind und in dem wir uns deshalb mit manchmal traumhafter Sicherheit bewegen. Das Lieblingsbeispiel von Schmitz hierfür ist das geschickte Ausweichen, mit dem ein Mensch fast tänzerisch eine dicht gedrängte Masse durchquert, ohne einen anderen Menschen zu berühren.

 Jedem, der sich besonders für die Philosophie des Leibes interessiert, sei der entsprechende Band aus den „Grundthemen Philosophie“ des De Gruyter Verlages ans Herz gelegt, für den Hermann Schmitz als Autor gewonnen werden konnte und in dem er seine Leibphilosophie als den Kern seines Systems erläutert.

Zunächst fasst Schmitz alle leiblichen Regungen entweder unter den Stichworten Weitung oder Engung beziehungsweise Schwellung oder Spannung zusammen und exemplifiziert seine Argumentation an Schmerz und Angst.

Ergänzend dazu der zweite Gegensatz. Protopathisch ist das Verschwimmende und sich Verlaufende, epikritisch das Spitze, genau Lokalisierbare und Scharfe. „Der dumpf ausstrahlende Bauch- und Eingeweideschmerz ist protopathisch, der hellere, schärfere Stich- und Zahnschmerz epikritisch.“

Es versteht sich von selbst, dass sich Schmitz entschieden gegen die materialistische Marginalisierung der heutigen Philosophie wenden muss. Schließt sich die Philosophie in der Sicht zahlreicher Autoren wie etwa Michael Pauen oder Thomas Metzinger ganz an die Hirnforschung an, ja beschränkt sie sich allzuoft auf die bloße Ausdeutung von deren Ergebnissen und reduziert sich damit selbst auf die traurige Rolle einer Magd der Hirnforschung, so spielt das Gehirn in Schmitz’ Argumentation keinerlei Rolle und wird nur beiläufig erwähnt, wenn er in der Hirnforschung platonische Tendenzen entdeckt. Und es ist wirklich wahr: Steckte für Platon die Seele im Gefängnis des Körpers, so befindet sich in der Sicht des Hirnforschers das Gehirn in einem Körper, der ihm weitgehend fremd und unverbunden bleibt. Insofern ist Hirnforschung ein materialistischer Platonismus, der den Leib nicht einmal mehr von ferne wahrnimmt, und das Bild des auf dem Sofa hockenden Gehirn-Knaufs mit Markschwanz kann das Weltbild eines Wolf-Singer-Jüngers schön illustrieren.

Es ist die Leibphilosophie von Hermann Schmitz, die nur selten die Universitätsphilosophen, aber sehr oft Autoren aus dem Randbereich der Philosophie zu eigenen Arbeiten anregte. Und anregend sind seine Bücher wirklich – selbst dort, wo man ihre meist in einem sehr autoritären Ton verkündeten Ergebnisse ablehnt.

Aber eben damit, mit seinem gelegentlich fast in Sendungsbewusstsein übergehenden Selbstgefühl, erregt Hermann Schmitz immer wieder Anstoß bei seinen Kollegen. Über seine Philosophie sagt er, sie habe den Leib „gerade erst aus der Gletscherspalte jahrtausendelanger Vergessenheit hervorgezogen“, und von seiner Theorie der Gefühle, dass diese „ein jahrtausendealtes Missverständnis der Gefühle“ zu überwinden hilft. Wie man sieht, macht er es nicht unter Jahrtausenden, und die ganze Menschheit hat sich geirrt, bis endlich Hermann Schmitz gekommen ist. Was aber, wenn seine Theorie der Gefühle falsch ist? Nach Schmitz ist das Gefühl eine von einem Einzelmenschen unabhängige Macht, die diesen so ergreift – von außen!! –, dass dieser sie an seinem Leib spürt. Schmitz spricht mit einem merkwürdigen Ausdruck von dem „Fühlen eines Gefühls“. Es ist eine außerhalb des Menschen befindliche Atmosphäre, die „den Betroffenen ergreift und damit sein eigenes, von ihm übernommenes Gefühl ist“. Diese Vorstellung empfinde ich als bizarr und ganz und gar falsch, und so bin ich davon überzeugt, dass zumindest in diesem Fall doch die Jahrtausende recht behalten, nicht Hermann Schmitz.

 Ein anderes Charakteristikum dieses Autors ist sein Hang zur Systematisierung, was auch immer bedeutet, dass er versucht, ein Phänomen in allen, aber auch wirklich sämtlichen Aspekten zu beschreiben und terminologisch zu erfassen. Er findet dann kein Ende und argumentiert mit teils äußerst subtilen Unterscheidungen. Ich bin mir nicht einmal sicher, dass eine derartige Kasuistik hilfreich ist, aber auf jeden Fall macht sie die Lektüre höchst anstrengend.

Es wäre anmaßend, ein so bedeutendes und differenziertes Lebenswerk in wenigen Worten nicht allein zusammenzufassen, sondern sogar zu bewerten. Wahrscheinlich werden erst die nächsten Jahrzehnte erweisen, ob die Neue Phänomenologie Bestand haben wird. Aber mag man auch manche ihrer Ergebnisse für falsch halten – auf jeden Fall sind alle Bücher von Schmitz enorm anregend. Die „Ausgrabungen zum wirklichen Leben“ geben eine ganz ausgezeichnete und so lesens- wie empfehlenswerte Einführung in das Gesamtwerk eines wichtigen Philosophen, und nach seiner Lektüre kann ja jeder für sich entscheiden, ob er sich noch anderen seiner Bücher zuwenden möchte. Die Einführung in seine Leibphilosophie kann ebenfalls vorbehaltlos empfohlen werden.

Hermann Schmitz: Der unerschöpfliche Gegenstand. Grundzüge der Philosophie, Bouvier Verlag, 3. Auflage 2007, 528 Seiten 
Hermann Schmitz: Der Leib, De Gruyter 2011, 208 Seiten
Hermann Schmitz: Ausgrabungen zum wirklichen Leben. Eine Bilanz, Alber Verlag 2016, 400 Seiten

Die Bücher sind in den inhabergeführten Buchhandlungen Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR, Buchstabe erhältlich.

Titelfoto: Hermann Schmitz, (c) Dr. Alexander Risse, CC-BY-SA 4.0

Stefan Diebitz
Stefan Diebitz
Stefan Diebitz, geboren 1957, freier Autor. Feuilletonistische und wissenschaftliche Arbeiten (Literaturwissenschaft, Philosophie, Kunst- und Kulturgeschichte), dazu vier Bücher: Seelenkleid. Beiträge zur Phänomenologie und Theorie von Angst und Scham (LIT-Verlag 2005); Glanz und Elend der Philosophie (Verlag der blaue Reiter 2007); Spiel und Widerspiel. Der Mensch in seiner Natur (Verlag der blaue Reiter 2009); Leonardos Entdeckung. Eine Philosophie des Ausdrucks (Graue Edition 2012)
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Kommentare  

# Schmitz hilftRonald Wellach (27.09.2017, 15:47)
Danke, lieber Stefan Diebitz,
für diesen schon ziemlich weitgehenden Einblick in die Gedankenwelt des letzten lebenden deutschen (Leib-) Systemphilosophen. Wenn man die leibphänomenologischen Ansätze aufs Grundsätzliche zurückführt, kann man mit ihnen übrigens ganz praktische (auch beratende) Philosophie treiben. So etwas versuche ich selbst bei entsprechenden Gesprächen in meiner Philosophischen Praxis in Lübeck und in meinem Blog dort. Als ehemaliger Kieler Schmitz-Schüler freue ich mich immer, wenn dieser große Ernst des Philosophierens von einzelnen Kultur-Individualisten als Fels in der Brandung des postpostmodernen Technizismus- und Ironie-Irrsinns (an-) erkannt wird.
Carpe diem!
Ronald Wellach
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