Paris Bordone: Ein venezianisches Liebespaar

„Die Poesie der venezianischen Malerei“ in der Hamburger Kunsthalle

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Die Kunsthalle in Hamburg eröffnet das Ausstellungsjahr 2017 mit einem Paukenschlag: Zum ersten Mal seit sieben Jahren zeigt das Haus eine Schau der Alten Meister aus der Blütezeit venezianischer Malerei.

Die Republik Venedig war im 16. Jahrhundert eine der reichsten Handelsmetropolen in Europa und eines der Kunstzentren südlich der Alpen. Die Künstler Paris Bordone, Palma il Vecchio, Lorenzo Lotto und Tizian gehören zu den prominentesten Vertretern der venezianische Schule, welche in ihren Gemälden den Reichtum und Mythos der Lagunenstadt inszenierten.

Paris Bordone: Junge Dame mit Spiegel und MagdParis Bordone: Junge Dame mit Spiegel und MagdIm Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Werke des um 1500 in Treviso geborenen Paris Bordone. „Erstmalig werden die Hauptwerke Paris Bordones in einer Schau zusammengeführt – eine derart umfangreiche Würdigung seines facettenreichen Werkes ist bisher einmalig“, so Kuratorin Sandra Pisot. Bordones Œuvre umfasst rund 140 Gemälde, darunter „Junge Dame mit Spiegel und Magd“ sowie „Bathseba am Brunnen“, die heute zum Bestand der Hamburger Kunsthalle gehören.

Die Hamburger Schau präsentiert Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafik unterteilt in acht Themenbereiche: von mythologischen und allegorischen Themen, Architekturrezeptionen über weibliche Aktbilder, Porträts von Frauen und Männern bis hin zu Venedigs Kontakten zu Künstlern nördlich der Alpen. Als Bildmotive dienten Quellen aus der antiken Mythologie, der italienischen Dichtkunst sowie die in den Vitrinen ausgestellten Originalwerke von Giorgio Vasari, dem Biographen italienischer Künstler, und die Gedichte von Ovid.

Bordone, ein ehemaliger Schüler Tizians, malte mehr als zwanzig mythologische oder allegorische Bildthemen, beliebte Sujets, die bei Adligen, reichen Patriziern und dem Klerus großen Anklang fanden. Landschaften, Quellnymphen und Satyre, göttliche Liebespaare der Antike: Die leuchtenden, reich kolorierten Bildszenen mit teilweise halbnackten oder prächtig kostümierten Protagonisten sind eingebettet in eine arkadische Ideallandschaft, in der Menschen und Tiere im Einklang mit der Natur leben: „Mars und Venus, von Vulkan überrascht“; „Venus, Cupido und ein Satyr“ oder „Eine Mythologische Szene“.

Paris Bordone: Die Tiburtinische SibylleParis Bordone: Die Tiburtinische SibylleÜberwältigend sind Paris Bordones großformatige Architekturbilder, entstanden zwischen 1545 und 1552. In akribischer Detailtreue malt er antike Idealarchitekturen mit Treppen und Steinböden, Rundbögen, Reliefschmuck, Säulen, Arkaden und Loggien. In diese Scheinarchitektur bindet er alttestamentarische und mythologische Themen ein: „David und Bathseba“; „Die Verkündigung“ oder „Die Tiburtinische Sibylle erscheint Kaiser Augustus“.

Ein Ausstellungsraum widmet sich dem liegenden weiblichen Akt, ein äußerst begehrtes Bildmotiv Mitte des 16. Jahrhunderts. Es ist Venus, die Göttin der Liebe und Schönheit, die ihren nackten Körper präsentiert und männliche Betrachter zu erotischen Phantasien verleitet und um „das erkaltete Blut der Alten wieder in Wallung zu versetzen“. Venus’ verführerischer Nacktheit huldigen nicht nur Bordone, sondern auch seine Malerkollegen Tizian, Palma il Vecchio oder Lambert Sustris. Liegt bei Bordone Venus schlafend auf rotem Brokatstoff in einer arkadischen Landschaft, räkelt sich Sustris‘ Liebesgöttin lasziv auf dem Bett in ihrem Boudoir. Waren es Hochzeitsbilder? Zierten die Gemälde die Innenseiten von Hochzeitstruhen oder hingen sie in den Räumen venezianischer Palazzi?

Jacopo Palma il Vecchio: Ruhende Venus Jacopo Palma il Vecchio: Ruhende Venus

Im späten 15. Jahrhundert etablierte sich in Venedig die Porträtmalerei als Statussymbol der reichen venezianischen Gesellschaft. Als Dreiviertelporträt oder als Halbfigur gemalt, geben die männlichen Porträts Auskunft über den Charakter, die Individualität und über die gesellschaftliche Stellung des Porträtierten. Neben Paris Bordone widmen sich auch Tizian sowie Palma il Vecchio oder Lorenzo Lotto diesem neuen Genre: Detailliert, in geradezu fotorealistischer Manier modellieren sie die Gesichtszüge, die anatomisch korrekte Wiedergabe des Körpers, der Hände und Haare sowie die Faltenwürfe der kostbaren Gewänder aus Samt und Brokat oder die mit Pelz besetzten Mäntel. Beigefügte Attribute wie Spiele, Briefe und Bücher, Handschuhe, Waffen und Rüstungen weisen auf die Noblesse seiner Träger hin. Diese sind entweder vor dunklem Bildhintergrund positioniert oder vor schmückenden Ideallandschaften, Interieur- und Architekturelementen: Zwei Schachspieler von Paris Bordone oder sein Bild „Porträt eines Jungen Mannes“. Tizian schuf das Porträt eines Mannes in Rüstung und Porträt eines Freundes von Tizian (Marco Mantova Benevides).

Tizian: Porträt einer jungen DameTizian: Porträt einer jungen DameDrückten männliche Porträts Ansehen und gesellschaftlichen Status aus, ging es bei den weiblichen Bildnissen um die Anmut, die jugendliche Schönheit sowie um eine erotische Ausstrahlung – gemeint ist der Typus „schöne Frauen“, die „belle donne“. Ein schönes Gesicht, alabasterweiße Haut, prachtvolle Kleidung, offenherzige Dekolletés und entblößte Brüste, kunstvoll geflochtene oder offene Haare, Schmuck und andere Accessoires zeigen ein weibliches Schönheitsideal, das den männlichen Wunschvorstellungen der damaligen Zeit entsprach. Als „bella donna“ verehrt, malte Paris Bordone zahlreiche Variationen dieses Idealtypus: „Venezianische Frauen bei der Toilette“ oder „Porträt einer jungen Frau“. Etwas züchtiger in grün changierendem Mantelkleid gestaltet Tizian dagegen sein „Porträt einer Dame“.

Der Raum „Venedig und der Norden“ bildet den Abschluss der Ausstellung. Venedig – die Serenissima – war nicht nur eine pulsierende Wirtschafts- und Handelsstadt, sondern auch Zentrum eines intensiven kulturellen Dialogs zwischen venezianischen und nordalpinen Künstlern. Albrecht Dürer ging nach Venedig, um seine Malkunst zu vollenden. Der Österreicher Jakob Seisenegger, der Niederländer Jan van Scorel oder Barthel Beham aus Nürnberg adaptierten in ihren Porträts und Aktbildern stilistische und kompositorische Elemente der Venezianer. Ebenso Lucas Cranach d. Ä., in dessen Werkstadt eine Variation der liegenden Venus entstand: „Quellnymphe“. Neben der Malerei war es aber auch die Buchdruckkunst, welche die Bildthemen vervielfältigte, verbreitete und Kupferstecher wie Cornelis Visscher und Lukas Vorstermann d. J. aus den Niederlanden inspirierte.

Barthel Beham: VanitasBarthel Beham: VanitasDie Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle beeindruckt mit Leihgaben hochkarätiger Meisterwerke aus nationalen und internationalen Museen. Zu den Leihgebern gehören: Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Alte Pinakothek, München; Städel Museum, Frankfurt a. M.; Kunsthistorisches Museum Wien; Rijksmuseum Amsterdam; National Gallery London; Scottish National Gallery, Edinburgh; Musée du Louvre, Paris; Staatliche Eremitage, St. Petersburg; Pushkin Museum, Moskau; Pinacoteca di Brera, Mailand; Galleria degli Uffizi, Florenz.

Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog mit wissenschaftlichen Essays und Texten (Hirmer Verlag, 304 Seiten). Die Publikation ist im Museumsshop zum Preis von 30 Euro erhältlich und kann online über www.freunde-der-kunsthalle.de bestellt werden.

„Die Poesie der venezianischen Malerei“ ist bis zum 21. Mai 2017 in der Hamburger Kunsthalle zu besichtigen.

Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 10-18 Uhr, Donnerstag von 10-21 Uhr, Montag geschlossen.

Abbildungen:

1) Paris Bordone (1500–1571) Ein venezianisches Liebespaar (Detail) Öl auf Leinwand, 80,5 x 86 cm Pinacoteca di Brera, Mailand  © bpk / Scala - courtesy of the Ministero Beni e Att. Culturali

2) Paris Bordone (1500–1571) Junge Dame mit Spiegel und Magd, um 1535–1540 Öl auf Leinwand, 87 x 72 cm Hamburger Kunsthalle © bpk / Hamburger Kunsthalle  Foto: Elke Walford

3) Paris Bordone (1500–1571) Die Tiburtinische Sibylle erscheint Kaiser Augustus, um 1550 Öl auf Leinwand, 165 x 230 cm The State Pushkin Museum of Fine Arts, Moskau  © The State Pushkin Museum of Fine Arts, Moskau 

4) Jacopo Palma il Vecchio (1479/ 1480–1528) Ruhende Venus, um 1518–1520 Öl auf Leinwand, 112 x 186 cm Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden © bpk / Staatliche Kunstsammlungen Dresden / Elke Estel / Hans-Peter Klut

5) Tizian (1488/90–1576) Porträt einer Dame, um 1555 Öl auf Leinwand, 97,8 x 74 cm National Gallery of Art, Washington, Samuel L. Kress Collection  © Courtesy National Gallery of Art, Washington

6) Barthel Beham (1502–1540) Vanitas, 1540 Öl auf Holz, 58,5 x 42 cm Hamburger Kunsthalle  © bpk / Hamburger Kunsthalle  Foto: Elke Walford

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