Die Raben, Foto: (c) Film and Art Affairs

59. Nordische Filmtage Lübeck
Zu guter Letzt

Gerda VorkampVon

... die pure Tristesse – nicht nur, was das Wetter im realen Lübeck am Sonntagmorgen angeht, sondern leider auch im gemeinsamen schwedischen Abschlussfilm „Die Raben“ (Regie: Jens Assur), den ich für C. & A. (für Noch-nicht-Eingeweihte: Schwager und Schwägerin) und mich ausgeguckt habe und auf den wir noch sehr gespannt sind.

Ebenso „meine verehrten Holländer“, die ich im Kinosaal zufälligerweise treffe, die sich aber zum ersten Mal im Vorfeld zu diesen NFL bei mir gemeldet haben und mit denen ich nun also doch noch einen Film teilen kann, nachdem wir bisher keine Überschneidungen fanden.

Sie freuen sich nicht nur, dass zum ersten Mal eine holländische Produktion dabei war („Das Entschwinden“ – von H. Kistenmacher bereits kommentiert), sondern dass diese gleich so erfolgreich abgeschnitten hat. Und das zu Recht! Wir begegneten uns, als ich völlig in Tränen aufgelöst aus der Vorführung kam und zu einem Gespräch noch nicht wieder in der Lage war. Selten war ich dermaßen tiefgehend aufgewühlt. Auch so viele Tränen sprechen natürlich immer für einen Film, aber auch für sehr persönliche Erfahrungen, an die dieser auf schmerzliche Weise rührt, ganz offensichtlich nicht nur bei mir. Für mich sind es fast zu viele erinnerungsträchtige Bilder, die hier zusammenkommen. Aber trotzdem (oder gerade deswegen) steht der Film für mich dieses Jahr an der Spitze aller gesehenen und hat damit „Ein(en) Augenblick im Schilf“ abgelöst.

Letzteren habe ich mit C. & A. ein zweites Mal angeschaut (auch ein Novum dieser Tage) und mich etwas gewundert, dass doch einige Menschen, eher ältere, den Saal verließen. Sexszenen zu heftig oder die anderen zu gedehnt? Ich hätte mich gerne mal danach erkundigt. B., wahrlich nicht prüde, sagt heute: „Ich hatte dieses Mal einfach keinen Bock auf küssende Männer.“ Das ist zu akzeptieren. C. & A. jedenfalls teilen meine Begeisterung, wenn auch nicht völlig, so doch weitgehend. Ihr Sitznachbar kritisiert, dass für zwei Männer wohl typischerweise wieder alles im Drama enden muss, und greift entgeistert in seine leere Popcorn-Box. Dass er ihren gesamten Inhalt während des Films unbeabsichtigt, vor allem aber unbemerkt, wie er nicht müde wird zu behaupten, hinter sich in der Sitzrille verteilt hat, beschäftigt ihn nun mehr als der markante Film-Inhalt.

Überhaupt verging dieses Mal kein Spielfilm (für Erwachsene) ohne Sex & Drugs (Rock 'n' Roll leider weniger), wenn man – abgesehen von Party-Drogen, die oft nebenbei wie selbstverständlich eingeworfen werden – auch das starke Rauchen als Droge wertet. Hilfe, was wird hier gequarzt auf Deubel komma raus! Ist das ein neuer Trend im Norden? Vom anderen Treiben mal ganz zu schweigen. Gehört die Verfilmung dessen inzwischen einfach irgendwie dazu? Diese geballte Ladung des einen wie des anderen ist jedenfalls nicht nur mir aufgefallen. Man möchte fast selbst anfangen zu japsen – aus welchem Grund auch immer.

Aber zurück zu den „Raben“ und den holländischen Gästen. Wir verabschieden uns vorsichtshalber schon vor dem Film voneinander (am Ende wird zu wenig Zeit sein), bis spätestens zum 60. NFL-Jubiläum im kommenden Jahr. C. & A. sind inzwischen auch eingetroffen, nach einer kurzen Plauderei mit „dem lieben S.“, der, gesundheitlich angeschlagen, uns wenigstens zwischen Tür und Angel einmal drücken wollte. Ja, tatsächlich, sogar das hat geklappt und uns ganz froh gemacht. Die NFL taugen immer auch zu einem Wiedersehen nach langer Zeit. Nun also auf zur letzten Runde für dieses Jahr.

Aber mit diesem Film, der 1978 spielt, ist es von A bis Z schier nicht zum Aushalten, erst recht nicht bei dem Grad an Müdigkeit, den wir inzwischen erreicht haben: arbeitsreiche und trostlose Landwirtschaft, die ein Mann bis zur Erschöpfung betreibt, der eigentlich im Leben etwas ganz anderes hatte machen wollen und jetzt seinem Untergang entgegensieht, seine Frau, die mit liebevollen Ansätzen zu retten versucht, was nicht mehr zu retten ist, zwei Kinder, die nicht sprechen, weder miteinander noch mit den Eltern, aufgequollene Tierleiber von auf rätselhafte Weise umgekommenen Kühen, verzweifelte Selbstverstümmelung des Vaters, die nicht zum erhofften Ziel führt, nämlich seinen linkischen Sohn zur Mithilfe zu bewegen, anstatt auf Vogelbeobachtung zu gehen, ja selbst außereheliche Freuden reihen sich ins ewig trostlose Bild und wirken eher wie ein Termin, der auch noch abzuarbeiten ist – „la vie en gris“ auf allen Ebenen.

Die Raben, Foto: (c) Film and Art AffairsDie Raben, Foto: (c) Film and Art Affairs

Am Ende schleppt der Vater in letzter Anstrengung einen wuchtigen Feldstein auf frostigem Weg zum Wasserlauf und versenkt sich mit seinem Ballast sang- und klanglos im eisigen Nass. Hätte er das nicht schon nach der ersten quälenden Viertelstunde des Films tun können? Es hätte uns vieles erspart. Raben als notorische Unglücksboten spielen im Film gar keine so große Rolle; da hätte er genauso gut „Die Rohrdommel“ heißen können, denn ihre dumpfen Rufe sind mehrfach aus dem Röhricht zu hören und wirken in diesem Zusammenhang ebenfalls unheilverkündend. Nein, oh nein ... „Die Vögel“ sind ein Meisterwerk, „Die Raben“ leider nicht.

Da möchte ich kurz an die dokumentarische Meisterleistung vom Vorjahr erinnern, die mir sofort in den Sinn kommt: „Im Herzen des Landes“ (hier Finnland) – die filmische Umsetzung derselben Thematik, aber auf so anrührende Weise, dass es kaum auszuhalten und mir bis jetzt im Detail in Erinnerung geblieben ist.

Die Holländer sind verschwunden. Vorzeitig gegangen? Bedröppelt gehen wir hinaus in den Regen, auch unser Abschied naht. Film und Wetter machen ihn immerhin etwas leichter nach insgesamt doch großartigen Filmtagen. Ich darf und muss mich jetzt ein wenig ganz profaner Hausarbeit, der Bürgermeisterwahl und der Fahrradrückgabe an E. (danke, es lief super!) widmen und steuere anschließend noch auf meinen allerletzten Film dieser NFL-Saison zu, „Thelma“ (von Joachim Trier). Hochgelobt und preisgekürt – es kann ja nur noch besser werden als am Mittag. Eigentlich. Mit mir in ähnlich großer Erwartung treffe ich in der Kinoschlange auf alte Bekannte („Du hast hier gezeltet, oder?“, werde ich gefragt), mit denen ich jetzt nicht mehr gerechnet hatte. Wie schön!

Thelma, Foto: (c) MotlysThelma, Foto: (c) Motlys

Dann ergattere ich im Saal auch noch meinen Lieblingsplatz und kann – stressfrei! – einen Platz neben mir für H. freihalten (kleinlaut gebe ich zu, dass ich am Vortag lautstark mindestens sechs Leute über drei Reihen hinweg mit gleich vier Platzreservierungen genervt habe – sehr unschön, auch für mich). Einen einzigen Film wollen wir wenigstens Seite an Seite anschauen; mehr hat nicht sollen sein, aber immerhin. Zur anderen Seite sitzen ehemalige Nachbarn, hinter mir Freundinnen. Wir haben noch Zeit und schwatzen munter drauflos, die Stimmung ist wieder prächtig. Ach, dieses Ende muss ja super werden, zumal mir mittags ein Bekannter zuraunte, ganz großes Kino (im großen Kino) würde da auf uns warten und „Thelma“ sei sein einsamer Favorit dieser NFL. Tja, und dann?? Diesen Film hätte ich vorzeitig verlassen. Einzig die liebenswerte Gesellschaft von H., deren Unmut aber auch schon fast körperlich neben mir zu spüren ist, hält mich davon ab. Punkt.

Umso lieber denke ich an die morgendliche Perle im selben Kino zurück, „Darling“ (Dänemark, Regie: Birgitte Stærmose), den ich gar nicht auf dem Zettel hatte, sondern der quasi als Ausweichfilm dient. Aus diesem Grund nicht auf den letzten Drücker, sondern schon sehr zeitig im Kino, gehe ich noch mal zur Toilette und bekomme vom Mann an der Tür den sogenannten „Klo-Chip“ in die Hand gedrückt, der einen zweiten Einlass ohne Ticket ermöglicht. „Viel Spaß!“, sagt der Mann dazu völlig mechanisch und sicherlich zum tausendsten Mal in diesen Tagen, besinnt sich einen kleinen Moment, um sich dann mit den Worten zu entschuldigen: „Oh, sorry, ich bin noch im Bett.“ „Na, wer ist das nicht um diese Uhrzeit nach diesen Tagen?“, antworte ich belustigt.

Darling, Foto: (c) ZentropaDarling, Foto: (c) Zentropa

Aber auf eben jenem WC geht’s ja nun seit Jahren auch schon mal spaßig zu. Die ewigen Handtuchgeschichten erspare ich uns ausnahmsweise (es gab tatsächlich die gleichen wie zuvor). Nun rannten immer wieder Frauen in die letzte Toilette hinten links, die aber zum Papier-Vorratsraum umfunktioniert wurde. Man, nein frau kommt sich einfach ganz blöd vor, unerwartet vor diesem zugebauten Klo zu landen! Die Tür wurde irgendwann denn doch abgesperrt. Bisher noch nie gesehen habe ich, wie eine Frau vom Helfer-Team vor den Spiegeln im Waschraum ausgiebige und ausladende Gymnastikübungen veranstaltet. „Das muss einfach zwischendurch sein“, sagt sie auf meinen verwunderten Blick hin. „Ich schwinge mich aufs Rad“, entgegne ich ihr (es kamen ca. 80 NFL-Radel-km zusammen, by the way). „Auch gut“, sagt sie und turnt munter weiter. Da fehlt fast nur noch die Ballettstange, und das war jetzt Überleitung und Rückkehr zu „Darling“.

Mein Ausweichfilm entpuppt sich als Glanzstück: ein spannendes Psychodrama, angesiedelt in der Welt des klassischen Balletts in Kopenhagen (gedreht in Göteborg), dargestellt von erstklassigen bekannten SchauspielerInnen und einer Profi-Tänzerin, deren ebenfalls große Kino-Schauspielkunst hier zum ersten Mal zur Geltung kommen darf. Auch dieser Film beschränkt sich, wie etliche andere in diesem Jahr, auf nur wenige Charaktere, deren Geschichte in eindrucksvollen Bildern mit oft formatfüllenden Details in langen Einstellungen geschildert wird.

Irgendjemand meinte im Anschluss an „Der Charmeur“ (Dänemark, Regie: Milad Alami), Siegerfilm neben „Was werden die Leute sagen“ (Norwegen, Regie: Iram Haq), das nordische Kino würde offenbar mehr und mehr zu seinen Wurzeln zurück- und sich damit wieder von Hollywood-ähnlichen Produktionsstilen abkehren. Den Eindruck kann ich bei meiner Auswahl an Filmen gut teilen. Es wäre nicht das Schlechteste.

Der Charmeur, Foto: (c) Jason AlamiDer Charmeur, Foto: (c) Jason Alami

Nach dem letzten Film, „Thelma“, der niemanden um mich herum so richtig glücklich gemacht hat, hilft nur ein Schlummertrunk im Lokal nebenan. Ich lasse mich dankbar von einem mir unbekannten Freundesgrüppchen um H. herum sozusagen als Fremdkörper mitschleppen. Wir sind alle irgendwie jenseits von Gut und Böse, aber schon wieder fröhlich. Der ebenfalls sichtlich geschaffte Kellner fragt nicht nur nach unserm Getränkewunsch, sondern sofort auch, wie viele Filme wir gesehen haben (H2. schießt mit 19 den Vogel ab) und redet H. ständig mit „Frau Präsidentin“ an, warum auch immer. Ich glaube, er hätte sie gerne als Bürgermeisterin. Ich auch!

C. von C. & A. hat einen Wunsch und Vorschlag für die 60. NFL und meldet hiermit Urheberrechte für diese Idee an: Der beliebte und unverzichtbare Tango-Trailer wird vor dem Film unten vor der Leinwand live vorgetragen, beispielsweise von Studierenden der Musikhochschule. Vor welchem Film? Na, am besten vor jedem, zumindest aber vor dem Eröffnungsfilm.

Gerda Vorkamp
Gerda Vorkamp
Geboren 1958 in Herford, Lehramtsstudium, Angestellte im Fremdsprachendienst, freiberuflich tätig als Lektorin. Bei Unser Lübeck seit Beginn als Autorin und seit 2016 als Redakteurin dabei.
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