Ein Augenblick im Schilf, Foto: (c) Wild Beast Productions

59. Nordische Filmtage
"Ein Augenblick im Schilf" – Finnland entdeckt seine queeren Filme

Holger KistenmacherVon

Bisher war das Filmland Finnland nicht gerade für Produktionen aus der schwulen oder queeren Szene bekannt. Ausgerechnet jetzt sind gleich drei Filme zum Thema Homosexualität am Start.

Wobei die Verfilmung der Geschichte des schwulen Comiczeichners „Tom of Finland“ bereits in den deutschen Kinos angelaufen ist und für Furore gesorgt hat. Jetzt wurden bei den Filmtagen zwei weitere Filme mit schwulen Protagonisten gezeigt. Zunächst den sehr leichten und lockeren Coming-Out-Film „Screwed“ von Niils-Erik Ekblom, der in der Kinder- und Jugendfilmsparte läuft und bereits von meiner Kollegin gewürdigt wurde.

Ein Augenblick im Schilf, Foto: (c) Wild Beast ProductionsEin Augenblick im Schilf, Foto: (c) Wild Beast Productions

In der Spielfilm-Sektion kam jetzt „Ein Augenblick im Schilf“ zur Vorführung und dürfte Chancen bei der Verteilung der Filmpreise haben. Der junge finnische Regisseur Mikko Makela, der in London lebt, schafft gleich mit dieser kleinen, aber feinen Debüt-Produktion, die keine finanzielle Unterstützung aus Finnland erfuhr, eine Filmperle, die mit Wahrhaftigkeit und Authentizität der Figuren und Geschichte glänzt.

Der junge Leevi (Janne Puustinen), der zum Studium nach Paris gegangen ist, besucht den konservativen und knorrigen Vater in der finnischen Provinz, um ihm beim Restaurieren des Ferienhauses zu unterstützen. Dabei trifft er auf den Syrien-Flüchtling Tareq (Boodi Kabbani), der eigentlich Architekt ist, sich aber als Handwerker in Finnland über Wasser hält und vom Vater engagiert wurde. Welten, Kulturen und Sprachen treffen aufeinander.

Ein Augenblick im Schilf, Foto: (c) Wild Beast ProductionsEin Augenblick im Schilf, Foto: (c) Wild Beast Productions

Als der Vater zu seiner Firma in die Stadt fährt, beginnt eine sehr zarte und vorsichtig gesponnene Liebesgeschichte zwischen den beiden jungen Männern. Mit improvisierten Dialogen und wunderbaren Kameraführungen entspinnt sich eine ganz langsam inszenierte, zerbrechliche sommerliche Idylle. Wunderbare, ehrliche Schauspieler, eine schwierige Beziehung und Landschaftsbilder, die zum Träumen bringen, vervollständigen das Bild. Natürlich sind beide Helden des Films verliebt, aber bekommen keine Chance, diese Liebe auch auszuleben.

Tareq muss sich als Flüchtling in Finnland etablieren und gleichzeitig von seiner traditionellen Familie in Syrien abgrenzen, während Leevi genauso geflüchtet ist nach Paris, um sein Schwulsein ausleben zu können und sich von den konservativen Ansichten seines Vaters zu lösen. Heimat ist für beide eine fremde Welt.

Ein Augenblick im Schilf, Spielfilm, Finnland/ Großbritannien 2017, 107 Min., engl., finn. OF, engl. UT

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
Weitere Artikel

Kommentar schreiben

Wir freuen uns über konstruktive Kommentare, die die Nettiquette beachten. Unsere Autoren schreiben ehrenamtlich für "unser Lübeck". Bitte schreiben Sie nur, was Sie dem Gegenüber auch ins Gesicht sagen würden. Für ein kultiviertes Internet!

Unsere Kommentare werden moderiert! Wir bitten um Verständnis, dass wir Kommentare löschen oder nicht freischalten, die werblichen, strafbaren, beleidigenden oder anderweitig inakzeptablen Inhalts sind.


Sicherheitscode
Aktualisieren