Marseille Today

Karin BuchholzVon

Die letzte Etappe meiner Spätersommerreise ist erreicht: Marseille. Die Heimat von Bouillabaisse und Seife beherbergt ein buntes Hafentreiben, aus luftiger Höhe gleichermaßen überragt wie beschützt von La Bonne Mère (der Guten Mutter), wie die Marseillaise ihr Wahrzeichen, die Wallfahrtskirche La Notre-Dame de la Garde, liebevoll nennen.

Foto: Karin BuchholzFoto: Karin BuchholzMarseille ist die zweitgrößte Stadt Frankreichs und quirliger melting pot zahlloser Nationalitäten, und Soldaten dieser Stadt waren es übrigens, die einst beim Einmarsch in Paris die Marseillaise sangen – die Urväter der Nationalhymne also. Voilá! Viel "echtes Frankreich" an einem Ort...
Nach ruhigen Tagen in der Provence war Marseille also ein Finale wie ein Paukenschlag, und diese Stimmung habe ich zum Abschluss wiederum in einem Gedicht eingefangen. Bonne dégustation jetzt also beim Grande Finale:

Marseille

Die Stadt ist voll von tausend Schritten.
Menschen um Almosen bitten.
Taxis, Lärm und Auspuffgase.
Essensduft umspielt die Nase.
Gespräch, Gesang in vielen Sprachen.
Gestikulieren, lautes Lachen.
Dazwischen Karussellmusik...
ein schönes Bild – très romantique!
Bars, Brasserien ungezählt.
Auch ich hab meinen Platz gewählt
und schau von hier auf das Gewimmel.
Kobaltblau spannt sich der Himmel
über diesen Frühherbsttag
und diesen Samstagnachmittag.

Segelyachten, weiß und strahlend,
extrovertiert von Reichtum prahlend,
andere ganz still-bescheiden
und normal: die mag ich leiden.
Im alten Hafen träumen sie
voll Fernweh und Melancholie
in einem Bild des Übertreibens,
des Wimmelns, Wartens, Geh'ns und Bleibens;
Mienen in Stein gehau'ner Wesen
lassen mich in ihnen lesen.
Hoch obendrüber segnet, wacht
La Notre Dame und lächelt sacht
vom Berg hinab auf ihre Stadt,
die tausendeins Gesichter hat.

In abertausend kleinen Gassen
kann die Kulturen ich nicht fassen,
die hier zusammenfinden, leben
und jedem seinen Freiraum geben.
Araber, Türken und Chinesen,
ganz Europa kann ich lesen
in Farben, Sprachen und Gesichtern -
die einen forsch, die andern schüchtern.
Die Welt scheint schneller sich zu dreh'n
beim durch-die-Stadt-Spazierengeh'n.
Hier wechselt alles wie im Flug,
hier hält nichts an, ist's nie genug.

Mit prallgefülltem Kopf und Sinnen
meine Stunden schnell verrinnen.
Ein Tag nur, doch gefühlt wie Wochen,
mein Herz beginnt im Takt zu pochen:
so schnell, so laut, so ohne Rast –
nun war ich lang genug zu Gast.
Ich sehne mich nach Raum und Zeit,
nach Ruhe und Gelassenheit;
nach Platz zum Innehalten, Bleiben...
Adieu, Marseille voll buntem Treiben!            

© Karin Buchholz, 2015

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Fotos: Karin Buchholz

Karin Buchholz
Karin Buchholz
Karin Buchholz: Jahrgang 1963, Autorin - Kolumnistin - Leuchtturmbewohnerin. UL-Autorin seit 2007 mit über fünfzig Kolumnen aus verschiedenen Ecken der Welt. Erfinderin und Initiatorin der KULTURgedanken-Kampagne 2011. www.karin-buchholz.com
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