| "Die Musik steht im Vordergrund" - No Hay Banda im Interview |
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Donnerstag, 16. September 2010
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![]() Jazzformation No Hay Banda Unser Lübeck: Sabine, wo kommt euer ungewöhnlicher Bandname her, was bedeutet „No Hay Banda“? Sabine Wenzl: „No Hay Banda ist spanisch und ein Filmzitat aus dem Film „Mulholland Drive“ von David Lynch. Wir haben immer viele Filme zusammen gesehen und dieser Film war immer einer unserer absoluten Favoriten. Als wir dann die Band gründeten, dachten wir, dass „No Hay Banda“, was soviel bedeutet wie „Es gibt keine Band“, ein guter Name wäre, denn er rückt nicht so sehr die einzelnen Musiker bzw. das Kollektiv in den Vordergrund, sondern vielmehr die Musik. Das mag esoterisch klingen, aber wir sehen uns mehr in einer Transmitterfunktion. Die Musik ist das Wesentliche. Unser Lübeck: Ihr habt euer Album von Marco Birkner produzieren lassen. Wie seid ihr ausgerechnet auf ihn gekommen? Birkner war ja einer der Hip-Hop-Pioniere in der ehemaligen DDR und brachte dort 1989 das erste englischsprachige Album auf den Markt. Javier Reyes:Ich weiß nicht, ob er heute noch Hip-Hop macht. Der Bassist Johannes Fink, mit dem ich öfter gespielt habe, hat uns Marco und sein P1-Studio empfohlen. Johannes gab mir die Telefonnummer, wir haben uns mit Marco verabredet und uns das Studio angesehen. Wir haben ihm unsere Musik vorgespielt und obwohl er bis dato erst wenige Jazzproduktionen betreut hatte, konnte er sich eine Zusammenarbeit mit uns gut vorstellen. Völlig unbeleckt ist er auch nicht, unter anderem hat er mit dem Saxophonisten Daniel Erdmann gearbeitet und einige Free-Jazz-Sachen hat er auch schon gemacht. Sabine Wenzl: Wir haben uns auch teurere Studios angesehen, aber bei Marco stimmte es einfach. Wir haben sofort einen guten Draht zueinander entwickeln können. Außerdem konnten wir im P1 alle zusammen in einem Raum aufnehmen. Das war uns besonders wichtig. Nimmt man getrennt voneinander auf, fehlt einfach das Interplay. Der direkte Blickkontakt ist essentiell. Für die Musik ist es immer besser, wenn sie gemeinsam aufgenommen wird. Marco ist darüber hinaus auch ein absolut entspannter Typ, der unglaublich gut zuhören kann und eine tolle Arbeitsatmosphäre schafft. Javier Reyes: Wir haben die Gesamtproduktion, also Recording, Mixing und Mastering zusammen gemacht. Unser Lübeck: Beim Konzert heute gibt es ja eine personelle Veränderung. Euer Gitarrist, Kalle Zeier ist nicht dabei. Für ihn spielt Moritz Sembritzki. Ist dies eine dauerhafte Umbesetzung? Sabine Wenzl: Nein, Kalle ist weiterhin Gitarrist bei „No Hay Banda“. Er hat aber in diesen Tagen andere Verpflichtungen mit dem Andromeda Mega Express Orchestra, deshalb mussten wir umdisponieren. Mit Moritz haben wir schon Konzerte gespielt, deshalb wussten wir, das es funktionieren würde. Unser Lübeck: Wie und wo habt ihr euch kennengelernt? Wie ist die Band entstanden? Javier Reyes: Wir haben uns an der Hochschule der Künste in Berlin kennengelernt. Wir waren alle Studenten am dortigen Jazz-Institut-Berlin. Sabine Wenzl: Genau. Wir waren auch beide zufällig zur gleichen Zeit auf Wohnungssuche und sind dann letztendlich in einer 3er WG zusammengezogen. Morgens sind wir häufig zusammen aufgestanden, haben zusammen geübt oder gejamt und auch schon gemeinsam komponiert. (Saxophonist) Roman Ott hat auch damals in unserer WG gewohnt, so dass man sagen kann, das der Kern der Band sich in dieser Wohnung getroffen hat. (Bassist) Andreas Waelti kam dann mit einem Erasmus-Stipendium nach Berlin. Anfangs hatten wir noch einen Pianisten in der Band. Der konnte dann einen Gig nicht mit uns bestreiten und so kam Kalle Zeier in die Gruppe. Dabei sind wir dann geblieben. Unser Lübeck: Eine gute Entscheidung, wie ich finde. Kalles' geschmackvoller Einsatz von Effekten versieht die Musik mit unkonventionelleren Klangfarben. Besonders seine beklemmend-klaustrophobische Klangskulptur in „Im Gefängnis“ ist beeindruckend. Wie kam es zu diesem Titel? Javier Reyes: „Im Gefängnis“ geht zurück auf einen Traum den ich hatte. In diesem Traum befinde ich mich in einem Gefängnis und ich höre ständig eine Melodie, die mich nicht mehr losließ. Woher auch immer sie gekommen sein mag. Ich bin also um 4:30 aus dem Bett gekrabbelt, habe mir die Melodie notiert und mich am nächsten Morgen gleich an die Ausarbeitung dieser Idee gemacht. Unser Lübeck: Eurer Musik haftet eine faszinierende visuelle Qualität an. Wie gestaltet sich eure kompositorische Zusammenarbeit. Gebt ihr als alleinige Hauptkomponisten alle Details vor, oder entwickelt die Band eure Ideen weiter? Javier Reyes: Es ist unterschiedlich. Meistens kommen Sabine oder ich mit Melodiefragmenten oder Akkordlinien bzw. einem Lead-Sheet, mit diesen Bausteinen arbeiten wir dann gemeinsam. Es kann auch passieren, das sich z.B. die gedachte Form eines Stückes durch das gemeinsame Proben verändert. Sabine Wenzl: Auch das Arrangement eines Stückes kann sich verändern. Gerade im Livekontext kann es passieren, dass beispielsweise Kalle etwas auf der Gitarre spielt, was so gar nicht vorgesehen ist, wir als Kollektiv aber darauf reagieren. Roman oder auch ich improvisieren dann etwas zu der Gitarrenlinie, das dann später zu einem durchaus wesentlichen Bestandteil der Urkomposition werden kann. Ein Stück kann sich also in der Konzertsituation quasi selbst neu erfinden. Je länger wir als Band zusammen spielen, desto häufiger passieren uns solche Momente. Der Zuhörer mag dann denken, dass die Arrangements ja ganz schön ausgefuchst sind, dabei ist alles mehr oder weniger reine Improvisation und Antizipation. Je besser Musiker sich kennen, desto intensiver und spontaner ist ihr Zusammenspiel. Gerade das macht das Live-Spielen für uns ja so spannend. Unser Lübeck: Abschließend eine Frage zu eurer Alltagssituation. Wie kommt man als Jazzmusiker in wirtschaftlich schweren Zeiten wie diesen über die Runden? CD-Umsätze können heute kein alleiniges Auskommen mehr bescheren. Wie sieht eure Strategie aus? Sabine Wenzl: Wir alle geben Unterricht. Das kann privater Unterricht sein, aber auch Unterricht in organisierter Form. Ich habe einen Job am Berliner Goethe-Gymnasium und leite dort ein Big-Band-Projekt. Javier ist mittlerweile selbst Dozent für Schlagzeug am Jazz-Institut-Berlin. Außerdem spielen wir alle auch in anderen Bands. Man darf sich nicht zu schade sein für das Spielen auf Hochzeiten oder anderen Familienfeiern oder hochnäsig auf andere Musikstile herabschauen. Punk bringt auch Geld. Mit Jazzmusik alleine kann man heute nicht mehr über die Runden kommen. Unser Lübeck: Sabine und Javier, danke für das nette Gespräch. Foto: © Andree Möhling
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