Dieser Artikel gehört zur Themenseite "51. Nordische Filmtage"

Filmkritik und Interview zum antidepressiven Offroad Movie "Nord"
Von Marvin
Samstag, 7. November 2009
Anders Baasmo Christiansen (Jomar)
Mit Nord ist Rune Denstad Langlo ein ganz besonderes Debut im Spielfilmsektor gelungen. Auch wenn der typische "nordische Film" kaum zu definieren ist - wer Nord gesehen hat weiss, dies ist genau so einer! Der Film ist kommerziell gesehen in Norwegen enttäuschend gestartet, hat aber auf den Festivals umso mehr Widerhall gefunden.

Jomar ist nach einem Unfall vor vier Jahren gescheitert. Die Skisportkarriere fand damit ein jähes Ende, seine Frau brannte mit seinem besten Freund durch, er hat eine massive klaustrophobische Angst vor Tunneln und gibt sich als Liftwärter dem Schnaps und dem Selbstmitleid hin - bis sein ehemaliger bester Freund auftaucht. Nach einer Begrüßungsschlägerei eröffnet er Jomar, dass dieser einen 4-jährigen Sohn hoch im Norden hat. Als Jomar betrunken versehentlich die Lifthütte abfackelt, macht er sich auf den Weg. Er hat keinen Pfennig für Bus o.ä., also fährt er, nur mit einem 5l Kanister voll Schnaps mit dem Scooter los.

Wie es sich für ein anständiges Road Movie (in diesem Fall: Offroad Movie) gehört, reihen sich die skurrilsten Episoden aneinander, die aber aufeinander aufbauen und einen bestimmten Punkt ansteuern. Gibt anfangs Jomar trotz seiner eigenen Desolatheit eher den Anstoß, dass seine "Gastgeber" anfangen, ihre Situation zu überdenken (Die Großmutter des bei ihr wohnenden in der Einsamkeit fast umkommenden Teenies überlegt, doch in die Stadt zu ziehen), ist es zum Ende hin vor allem der alte Sami Ailo, der es schafft, kurz vor seinem Tod Jomar auf die Beine/die Skier zu stellen und sich für seinen Sohn zu entscheiden.

Dazwischen gibt es viel Vergnügliches, Nachdenkliches zu sehen: z.B. einen Bauerssohn, der mit Schnaps-getränkten Tampons auf aufgeschmirgelter Kopfhaut die presystemische Elemination umgehen möchte, um Schnaps zu sparen und sich dabei ständig so aggressiv homophob gebärdet, dass er wohl nur schwul sein kann - was sich dann auch zeigt. Bei den Dreharbeiten stieß das Team auf einen Truppenübungsplatz und beschloß spontan, auch eine solche Episode aufzunehmen. Dafür holte Rune aus Trontheim 2 Akteure aus einem früheren Dokufilm (99%Honest, ebenfalls auf den NFL zu sehen) als Panzerfahrer. Es ist schon ein Zeichen des besonderen Humors, dass diese "Norwegischen Panzerfahrer" ein Bosnier und ein Pakistani sind.



Der Film ist z.T. unter extremsten Bedingungen entstanden. Hierzu mehr auf der nächsten Seite in dem ausführlichen Interview mit Regisseur Rune Denstad Langlo und Produzent Brede Hovland.

Nord
Norwegen 2009, OmdU, 79 Min., R: Rune Denstad Langlo, D: Anders Baasmo Christiansen (Jomar), Kyrre Hellum (Lasse), Marte Aunemo (Lotte), Mads Sjøgård Pettersen (Ulrik), Lars Olsen (Ailo), Astrid Solhaug (Mari), Even Vesterhus (Thomas), B: Erlend Loe


Vorraussichtlicher Filmstart in Deutschland: 4.1.2010

Interview mit den Machern von "Nord"

Rune Denstad Langlo
Ich traf mich unmittelbar nach der Vorstellung von Nord mit dem Regisseur Rune Denstad Langlo und dem Produzenten Brede Hovland im alten Zolln in Lübeck. Es war ein sehr entspanntes und unterhaltsames Gespräch, leider wurden im Verlauf die Umgebungsgeräusche so stark, dass der ursprüngliche Plan, das Interview auch als Audiofile anzubieten, fallengelassen werden musste. Das Interview wurde auf englisch geführt.





Unser Lübeck: Rune Denstad Langlo, Gratulation zu Deinem Spielfildebut mit Nord! Der Film hatte einen guten Start: Opener auf der Berlinale 2009, ausgezeichnet mit dem FIPRESCI-Preis, dem EUROPA CINEMA LABEL und dem Publikumspreis der Filmkunstmesse Leipzig 2009. Hast Du diesen internationalen Erfolg erwartet oder war es mehr eine erfreuliche Überraschung?

Rune Dengstad Langlo: Ich würde eher sagen, eine erfreuliche Überraschung. Ich hatte nichts davon im Sinn, als ich den Film machte - so war es für uns ein riesiger Bonus zu merken, dass dies ein Film ist, den auch das internationale Publikum mag.

UL: Worin liegt Deiner Meinung nach das Geheimnis dieses Erfolges?

RDL: Ich glaube, es liegt in der universellen Geschichte, die innerhalb einer exotischen Landschaft erzählt wird. Ich glaube, das ist der Hauptgrund.

UL: Ihr habt viel unter unbeschreiblichen Umständen gedreht - 500 km nördlich des Polarkreises, in echten Schneestürmen, einmal hättet Ihr fast einen Stuntmen verloren. Warum habt Ihr Euch entschieden, unter so beschwerlichen Bedingungen zu drehen und nicht mit Hilfe des Hollywoodzeugs wie Kunstkulissen und künstliches Wetter?

RDL: Der Hauptgrund ist, dass sich die Filmindustrie größtenteils in Hollywood befindet, aber da herrscht Sonnenschein und kein Schnee. Darüberhinaus ist der Hintergrund der Hauptfigur, dass er ein Free Rider ist und die Geschichte ja darum handelt, dass er zurück auf die Skier kommt. Das ist ein Riesenpunkt der Geschichte, dass er es schafft, seine Depression zu überwinden und anfängt, wieder die Natur zu spüren.

UL: Also nicht nur, dass er zu seinem Sohn findet, sondern auch zurück zu seinen Skiern?

Brede Hovland: Und damit auf seine Füße und zurück ins Leben!

RDL: Aber es ist auch so, dass ich den Winter liebe und ich weiss, dass nicht viele Menschen in der Welt Winter haben. Halt Nordeuropa, Kanada, Rußland, Teile von Deutschland - ich denke, dass Winter etwas ist, dass wir haben, aber nicht viele Andere.

UL: Während der Dreharbeiten hast Du Dich spontan entschlossen, ein paar Szenen mit dem Militär in den Film aufzunehmen. Wie hast Du das mit Deinem Drehbuchautor Erlend Loe geregelt?

RDL: Mit Erlend kann man sehr einfach arbeiten. Wir kooperierten eng mit der Geschichte und trafen uns jeden Freitag, um die einzelnen Szenen zu besprechen. Wenn wir während des Scouts ihn anriefen, dass wir eine besondere Location oder Ortschaft gefunden haben und ihn baten, eine Szene dafür zu schreiben, war er nie pikiert, sondern machte es.

UL: Alkohol spielt eine große Rolle in Nord. Liegt das daran, dass persönliche Krisen und Alkohol zusammen gehören, oder sollte das in einem Land, in dem eine starke Anti-Alkohol-Lobby vorhanden ist, der Figur einen Anstrich von Bohème verleihen?

RDL: Das Trinken ist nicht die Hauptcharakterisierung von Jomar - er trinkt, um die Welt draußen zu halten. Er ist isoliert und flüchtet sich in den Alkohol. Allerdings trinken alle im Film, alle, sogar das kleine Mädchen trinkt. Wenn Du hoch oben in Norwegen, Schweden, Finnland, Rußland lebst, unter diesen Bedingungen jeden Tag im Winter, mußt Du trinken, weil es so deprimierend ist - jeder sitzt da und trinkt, um aus dieser Depression zu entfliehen.

UL: Was machen denn die Abstinenzler?

RDL: Oh, wir haben eine religiöse Bewegung, da ist alles anders. Die norwegische Trinkkultur unterscheidet sich sehr von der deutschen - Wir trinken an den Wochenenden - und dann viel, und so ist das seit tausenden von Jahren.

BH: Wir haben keine Trinkkultur. (Beide: wir sind schlechte Trinker, schnelle Trinker)

UL: Viele sehen eine Verbindung zwischen Nord und David Lynchs The Straight Story - besteht diese Verbindung?

RDL: Ich denke, The Straight Story ist ein wundervoller Film und es gibt viele Ähnlichkeiten.

BH: In der Tat gab es viel Inspiration, allerding wurde kein ähnlicher Film beabsichtigt. Es ist ja auch eine völlig andere Geschichte. Die Hauptgemeinsamkeit ist die Reise mit völlig unorthodoxen Fahrzeugen - Jomar hat kein Geld - nicht mal für den Bus - also nimmt er den Scooter, und so ähnlich ist das mit dem Burschen in The Straight Story. Der Rest ist sehr unterschiedlich.

RDL: Dort war das ursprünglich auch gar nicht beabsichtigt. Im ersten Entwurf reiste er mit dem Auto, dem Zug und dem Küstenexpress. Erst nachdem unser Skript fertig war, kamen Leute und sagten, hey, das ist ja wie The Straight Story.

UL: Brede, nach Agent Cody Banks, Filmstjerer, Kalde Fötter, Kubisten und Manen som elske Yngve, der sechste Film, an dem Du in der Produktion tätig warst - stellen die letzten beiden, Yngve und Nord das Genre da, in dem Du zukünftig tätig sein wirst?

BH: Das hängt immer vom Projekt ab. Wir von Motlys sind eine kleine Firma und machen nur Filme, die wir auch selber gerne sehen möchten. Wir sind keine Firma, die Blockbuster entwickelt. Wir möchten echte wahrhaftige Geschichten, die die Leute bewegen anstelle vom irgenwelchen Hypes.

UL: Nord war bis jetzt kein Blockbuster - Du sagtest, der kommerzielle Erfolg in Norwegen war bisher enttäuschend. Liegt das eventuell daran, dass der Film zu früh in die Kinos kam, bevor er auf internationalen Festivals gute Preise und Kritiken einheimsen konnte?

BH: Das war nicht der Hauptgrund. Allerdings hätten wir die Berlinale abwarten sollen. Für diese Art von Filmen brauchst Du in Norwegen eine öffentliche Aufmerksamkeit, und wir hatten keine große Marketingkampagne und das wäre wichtig gewesen.

UL: Du hast einen Stunt selber gemacht - welcher war das und warum hast Du das selber gemacht?

BH: Ich war der alte Sami, der im See versank. (Anm.: angekettet am Scooter im Eisloch)

UL: Wie kamst Du da raus?

RDL: Haha, wir wollten eigentlich, dass er unten bleibt.

BH: Na, es waren 3 Anläufe, es war sehr kalt aber ich hatte einen Trockentauchanzug, wir hatten aber geschnitten und in einem flachen Seeabschnitt weitergemacht.

UL: Anders Baasmo Christiansen ist der einzige Profischauspieler im Film - war das Absicht oder hatte das einen finanziellen Hintergrund?

BH: Wir wollten eine Geschichte mit echten Leuten drehen und hatten nur darüber diskutiert, Anders zu engagieren. Wir haben auch über Alternativen nachgedacht, aber alle in Frage kommenden waren zu der Zeit in die Dreharbeiten zu Max Manus eingebunden, so dass wir gar keine Optionen hatten...

RDL: ... und für den Rest des Castings wollte ich keine bekannten Schauspieler haben, weil - Du kannst eine solche Geschichte nicht mit bekannten Schauspielern glaubwürdig rüberbringen - ein berühmter Schauspieler, der den alten Mann am See oder das kleine Mädchen spielt ist einfach unglaubwürdig - da brauchst Du Leute, die keiner kennt. Auf der anderen Seite ist Anders sehr bekannt, und das ist sehr gut - Du kannst auf ihn bauen und den Rest mit Amateuren machen.

UL: Du meinst, dass z.B. Depardieu als norwegischer Großgrundbesitzer in Dina nicht authentisch durchgeht?

RDL: Ja, Du kannst das einfach nicht glauben - und das war uns halt sehr wichtig.

BH: Wir waren in der glücklichen Lage, dass wir nach den Rollen besetzen konnten und nicht nach Namen, und in diesem Film haben wir das dann auch gemacht. Nur bei Jomars Rolle wäre das nicht gegangen - die war viel zu schwer.

RDL: Das Mädchen, Lotta, hat unter den Amateuren den besten Job gemacht und die kam nur zufällig zum Casting. Eigentlich wollte sie einkaufen und machte dann spontan einmal mit. Und sie lebte auch noch in genau so einem Ort wie im Film. Sie konnte schon Snowboard mit vier Jahren fahren. Du konntest es im Film sehen - sie ist das Schneemobil weit besser gefahren, als Anders.

UL: Wird sie weitermachen?

Beide: Sie geht zur Drama-Schule, das wird aber hart für sie.

UL: Kannst Du mal umreißen, was das für eine Arbeit war, im tiefen Winter im hohen Norden all die Ausrüstung hinzubringen und zu benutzen?

BH: Nicht alle Stürme waren echt - wir haben auch mal Paragliderpropeller benutzt, in die jemand Schnee schaufeln mußte. Aber um hinzukommen, brauchten wir viele Schneemobile, aber nicht viele Trucks, da wir z.B. keine Beleuchtung brauchten, bzw. aufgrund unseres kleinen Budgets keine wollten.

RDL: Im Winter hast Du da allenfalls 6 h Licht zum Drehen und für die Nachtszenen nur 1 h in der Dämmerung (...) Der Hauptverdienst für das Drehen gebührt Philip und seiner Gruppe. Großartige Leute, und die hatten auch Erfahrung in Drehen im Schnee, und ich kann mir kaum einen anderen Kameramann vorstellen, der das hätte schaffen können - Du brauchst Erfahrung.

BH: Er ist halt sehr gut, hat viele Preise bekommen, u.a. für Kitchen Story, und ist 60 Jahre alt - aber das sieht man ihm absolut nicht an. Während der Dreharbeiten hatten wir einen einzigen technischen Ausfall an der Kamera - und das unter diesen Bedingungen.

UL: Ihr habt nur eine kleine Firma, die internationale Finanzkrise betrifft jeden Bereich des öffentlichen Lebens. Hattet Ihr deshalb Probleme, das Budget zusammen zu bekommen?

BH: Wir waren vor der Krise mit der Finanzierung fertig und dieser Film hatte die einfachste Finanzierung, die wir je hatten. Letztlich finanzierten wir den Film innerhalb von 2 Wochen. Also sehr, sehr schnell. Aber gegenwärtig ist es sehr schwer, Filme ins Ausland zu verkaufen, vor allem Spanien, USA und Asien.

UL: Wie sieht es mit den zukünftigen Plänen aus?

RDL: Ich arbeite gerade mit Erlend an einem Film über wütende Laute, also das ziemliche Gegenteil von Nord, allerdings sind wir mit dem Buch noch weit nicht zufrieden. Wir brauchen noch etwas Zeit aber dann würden wir ihn auch gerne wieder hier in Lübeck zeigen.

UL: Da freuen wir uns schon drauf. Rune, Brede vielen Dank!

Fotos: (c) Memento Films

Dieser Text ist mir etwas wert: [?]