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[Offener Brief] Thomas-Mann-Preis - Unser Lübeck an Prof. Dieter Borchmeyer, München Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Unser Lübeck
Samstag, 25. Oktober 2008
M. Klingel 'Th. Mann', Linde
Wir veröffentlichen einen Brief von Unser Lübeck an den Präsidenten der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Professor Dr. Dr. h.c. Dieter Borchmeyer. Anlass ist der Thomas Mann-Preis, der neuerdings nicht nur in Lübeck, sondern auch in München verliehen werden soll.

Sehr geehrter Herr Prof. Borchmeyer!

Es wird gemeldet, dass Sie sich gemeinsam mit Herrn Martin Walser hinter die chinesische Mauer begeben haben. Hoffentlich ist es wahr! Der Zeitpunkt eines Aufenthaltes hinter ihr wäre schon darum ein besonders glücklicher, als sich mit einer leitkulturellen Angelegenheit wie jene um den „Thomas-Mann-Preis“ an den Fersen, die man, wie gleichwohl gemeldet wird, inzwischen „Städtekrieg“ getauft hat, jetzt vielleicht das unverbindlich freundliche Lächeln der Chinesen eigentlich verstehen lässt, mit dem sie jene Mauer sowohl einst gebaut als nun geöffnet haben.

Wir wollen zwar nicht vorgreifen, doch könnte Ihnen dieser Aufenthalt andererseits auch als ein therapeutischer zur Stärkung einer gewissen Auffassung in Bezug auf Markenware im Mutterland dieser Auffassung ausgelegt werden - in der Regenbogenpresse. In Lübeck wird man wohl eher zu der Ansicht neigen, dass Sie womöglich unterrichten, nein, man muss ja wohl schon davon ausgehen anstiften...schleppen...

Lübeckerseits kann man leichter auf diese Tätigkeiten schließen, weil Sie den Herrn Walser dabei haben. Denn das „Ultimo“, ein Lübecker Stadtmagazin, hat im Juli als „Zitat des Monats“ folgendes gebracht: „Optimismus ist nur ein Mangel an Informationen!“, was an und für sich schon Seezunge für den Gourmet ist, aber das stand darunter: „Harald Schmidt (ursprünglich von Heiner Müller)“! Anständig, nicht?

Diese sonderbare Quellenangabe, welche wohl einen ersten vorsichtigen Schritt ins Zeitalter der Digitalisierung auch des Zitierens markiert, fiel nicht weit vor einem Interview von unserem Mirco in unserem „Unser Lübeck“ mit dem Titel „Mirco fragt Fremde: Kormoran“. In diesem Interview gibt ein Chinese zum Thema Mindestlohn als Gleichnis zum Besten die Eigenart des Kormorans, nicht nur für den chinesischen Fischer mit geschnürtem Hals Fische zu fangen, sondern „wenn de Komoran hat zhehn Fihg gebrahgt, will nihgt mehr“. Dann muss der Fischer ihm einen Fisch überlassen, ehe der Kormoran bereit ist, weiter zu machen: „Fahngt wiede zhehn Fihg. Dann will niehgt mer. Figher gihb ihm wiede en Fihg uhnd immer so ganze Tag. Dhas is Komoran Mindeght-hohn. Gutt, ne?“.

Kurzum, Mirco, in jener chinesischen Woche die neue befreiende Technik des Zitierens im Kalkül, erwog die Möglichkeit, „Mirco Bell: Buddenbrooks (ursprünglich von Thomas Mann)“ in China für die Chinesen auf chinesisch drucken zu lassen! Haahhh!!! Nein, erwog es! Als Lübecker denkt er natürlich nicht im Traum daran, dergleichen zu realisieren. Aber schon der Gedanke kann die nun ausgebrochene Mannhaftigkeit sensibilisiert haben.

Wenn nun die Münchner „Akademie für Schöne Künste“ ihren Großen Literaturpreis in „Thomas-Mann-Preis“ umbenannt hat, Sie als deren sie „nicht nach Gutsherrenart“ verwaltender Präsident einen ehrlichen Stellungskrieg um eine unaufschiebbare Reise ausgerechnet mit Martin Walser (kein Nobel-Preis!) ausgerechnet nach China verschleppen – dann muss man hier auf alles, was man nicht fassen kann, gefasst sein.

Nun war ja das, was sich aus Lübeck nach München an Ihre Adresse und die der Akademie gerichtet hat und dadurch anschaulich wird, bisher eine innere Angelegenheit. Und wenn nun jener Herr F. von den „Lübecker Nachrichten“ in diesen die Münchner Akademie daran erinnert, dass München Thomas Mann 1933 auf „mieseste Art“ vor die Tür gesetzt habe, sich nie dafür entschuldigt und ihn – natürlich – auch nicht zum Ehrenbürger gemacht hat, hierauf Thomas Mann zum Lübecker erklärt und zwar „nicht nur von Geburt“, nein, er sei „ein waschechter Hanseat“ gewesen, wofür sein Essay „Lübeck als geistige Lebensform“ nur ein Beispiel sei und hinzufügt: „Über München hat Thomas Mann kein entsprechendes Werk hinterlassen.“, so werden Sie sich sicher vorstellen können, was am Holstentor „Concordia domi“ bedeutet und dass sich „foris pax“ nachher entsprechend von selbst versteht.


Kommentare von Lesern

Bitte! Herr Borchmeyer hat der Redaktion von 'Unser Lübeck' eine mail gesandt, in der er kurz nochmals auf das Verhältnis Th. Mann und München bzw. Akademie der Schönen Künste eingeht. Ich glaube, er wird sich ohnehin nach seiner Rückkehr zum Thema nochmals offiziell äußern, weil ja diverse 'offene Briefe' auf seinem Schreibtisch liegen. Wann das sein wird - keine Ahnung. Wir bzw. ich finden es weitaus interessanter, was aus der Sache wird, ob Gemeinsinn allen Beteiligten, Th. Mann eingeschlossen, schließlich Ehre machen wird. Wir glauben, dass es eigentlich nicht anders geht. Respektive. Haben Sie schon an der Umfrage zum Thema teilgenommen?

Von Martin Klingel, am 29.10.2008 um 15:03

Danke!
In erster Linie sollte ja auch wohl Herrn Prof. Borchmeyer etwas vermittelt werden. Interessant wäre nun zu erfahren, was bei ihm hinter der Mauer angekommen ist.
Wissen Sie darüber etwas, Herr Klingel?

Von Gerda Vorkamp, am 29.10.2008 um 14:06

Liebe Frau Vorkamp! Ehe Ihnen gar niemand antwortet, denn diese Gefahr besteht, antworte ich Ihnen, der Autor, der alle fünf Seiten wirklich gelesen hat. Es geht zwar nicht hanseatisch kurz und bündig!, leider, ist aber trotz dieses Mangels ganz einfach: was hier vermittelt werden soll, ist automatisch immer genau das, was tatsächlich vermittelt wird. Haben Sie also den Eindruck, Ihnen könne hier nichts vermittelt werden, dann ist das genau das, was Ihnen vermittelt werden soll.

Von Martin Klingel, am 29.10.2008 um 12:51

Hat irgendjemand alle 5 Seiten gelesen und kann mir - kurz und bündig! - erklären, was hier vermittelt werden soll?

Von Gerda Vorkamp, am 28.10.2008 um 17:45
 
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