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Freitag, 12. September 2008
Wahre Schönheit?
„Ist Haerder schön?“ wollten die Lübecker Nachrichten wissen. Außer lokalen Größen der Architekturszene kamen auch Passanten zu Wort. "Unser Lübeck"-Autor Joerg Sellerbeck, Jr. wandte sich mit einem Leserbrief an die Zeitung, der hier quasi als Vorabdruck zu lesen ist.

Zur Gestaltung des neuen Haerder-Centers
Die äußere Erscheinung des Haerder-Centers lässt nicht erkennen, dass sich dahinter ein Einkaufszentrum mit individuellen Geschäften befindet. Geläufige architektonische Muster lassen ein drittklassiges Kaufhaus der 80er Jahre erwarten, dessen Betreiber mangels wirtschaftlichen Erfolges alle 10 Jahre wechseln dürfte. Die Bauaufgabe „Fassadengestaltung für ein Einkaufszentrum“ wurde folglich nicht erfüllt. Damit ist Lübecks historischer Kern um einen geistlosen Fremdkörper bislang unbekannten Ausmaßes reicher – ein riesiger Schuhkarton in langer Weile isotaktisch aufgeschlitzt. Beeindruckend diese gekonnte Rezeption überlieferter Gestaltungsmuster, so erfrischend deren neue Interpretation – nichtssagender kann sich die verantwortliche „Fachjury“ diese Fehlleistung nicht schönreden. Im Vergleich dazu verdiente der unbeliebte Vorgängerbau geradezu den Denkmalstatus.“
Joerg Sellerbeck, Jr.


Foto: Stefanie Gerlich


Unser Lübeck
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Kommentare von Lesern

Kleiner Tipp an Lübecks Stiftungen und alle, die so gern ein Hanse-Museum hätten: ihr müsst nicht bauen, in ein paar Jahren hat sich das Haerder-Center höchstwahrscheinlich erledigt und wird frei. Ich und andere finden, dass Ausstrahlung und Präsenz dieses Gebäudes die Nutzung als Kaufhaus sowieso ausschließen. Aber als Hanse-Museum ist es doch eigentlich perfekt! Wir glauben, dass es sich so annehmen lässt.

Von Solveig Müller, am 17.09.2008 um 13:00

Diese Aufregung ist vergleichbar mit dem Versuch, ein Essen zu reklamieren, das bereits aufgegessen ist. Einzig die Erinnerung an Kriegszeiten bietet eine Perspektive, wenn hier auch nicht auf die Architektur des 3. Reiches bezogen. Wenn hier von „Brutalität“ die Rede ist, welche Parallele liegt also näher? Ist sie nicht beträchtlich? Zumal jetzt, wo dieses 'Center' fertig ist, die Verwunderung darüber, „dass es möglich“ war, dieselbe Parallele bietet. Also: Wie war es möglich? Hat „Unser Lübeck“ nicht vor längerer Zeit mit „Dem Führer hätte es gefallen“ und „Koofmichels Olymp“ schon Artikel gebracht, die lange vor den offiziellen Krokodilstränen und der großartigen „Wie finden Sie´s?“-Kampagne der LN, neben treffsicherer Charakterisierung auch Abbildungen des fertigen Gebäudes beinhaltet hatten? Jeder, der in Lübeck auch nur für 5 Cent Einfluss oder entsprechenden Umgang hat, über das ganze Jahr allerdings gewohnheitsmäßig damit beschäftigt ist, die „kleinen Meckerer“, „Möchtegerne-Schreiberlinge“ und „Nestbeschmutzer“ zu ignorieren (voran die LN), fügt jenem ehrlichen Entsetzen vor der vollendeten Architektur-Tatsache mit seinem „Ach Gott, wie brutal!“ nur noch die entsprechende Portion Hohn hinzu: Na, wie gefällt Ihnen das, Bürger?. Erst wenn ganz offiziell gefragt oder gar untersucht werden sollte, wie es möglich war, dann hält es die Zeit für gekommen, laut zu fragen, wie war es möglich? Es war vor Baubeginn doch schon zu erfassen gewesen? Da das alles geprüft und genehmigt worden ist? Und wird im Sande verlaufen… Dafür kommt des öfteren die noch höhnischere Feststellung, dass es die Spezialität der Deutschen sei, speziell die der Lübecker, schwarz zu sehen, pessimistisch zu sein, ängstlich gar. Ja, wie das wohl kommt? Doch was bleibt ihm anderes übrig, wird er doch stets vor vollendete Tatsachen gestellt, vor wichtigen Entscheidungen geradezu entmündigt. Übrig bleibt nur der harte, härter ignorierte Querulant. Der größere Rest ist müde, unsicher, ungeübt, resigniert, enttäuscht, versteht nichts. Daher riesige Probleme mit Geltungsbedürfnis, mangelndem Selbstbewusstsein, Motivation, Fantasie, Bildung, Weltläufigkeit, ihr Herren Händler, Wechsler und Spekulanten. Resultat brutaler Ignoranz sind brutale Bauten. Jedes Regime hat seine Architektur bislang verwirklicht. Nun verwirklicht das Geldregime seine Bauten. Ist das so erstaunlich? Sowieso brutal auf „Event“ vermarktetes, vehement ins Abseits geratendes, missbrauchtes, verzerrtes, tragisch vermittelmäßigtes kulturelles Erbe steht ohnehin stumm, wo auch immer. Das meiste ist sowieso vergessen oder weggeworfen. Ist wirklich unklar, mit welcher Realität man sich abzufinden hat? Bietet dieser Bau nicht ebenso reichlich Ausdruck wie Eindruck? Ist er nicht doch ein Kulturbau? Als solcher architektonischer Ausdruck einer Wahrheit und Wirklichkeit? Hereinspaziert!

Von Walter Zweig, am 16.09.2008 um 11:30

Die Bombardierung Lübecks im Krieg hatte mir Tränen in die Augen getrieben, nachdem ich die Schutzräume verlassen hatte. Die brutale Haerder-Architektur ist für mich so erschütternd, dass ich wieder an die Kriegszeiten denken muss. Ist Lübeck nicht eine über die Jahrhunderte gewachsene einmalige, unverwechselbare Stadt? Spürt das denn keiner mehr? Neue Gebäude dürfen doch nicht so rücksichtslos in die Seele der Stadt eingreifen und sie entstellen!

Von Erika Schneider, am 15.09.2008 um 11:15

Mit Freude habe ich heute in den LN die scharfe Kritik von Björn Engholm gelesen: 'Der Haerder-Bau ist fast gewalttätig.'

Von Frank B., am 13.09.2008 um 20:45

Schön und gut, aber was will uns das Wackelvideo unter dem Artikel sagen?

Zu dem Gebäude selbst: muss ich mal hingehen und mich selber überzeugen, aber wenn ich unsere lieben Lübecker so nenne, meckern sie oft vorschnell. Ich kann mir gut vorstellen, dass über das Holstentor nach dessen Errichtung auch so gemotzt wurde ;)

Von aljen, am 13.09.2008 um 11:44

Ich finde es wohltuend, dass mal ein kompetenter Fachmann diese blanke Wahrheit über das unsägliche Gebäude ausspricht. Danke!

Von Kirstin Hartung, am 12.09.2008 um 18:55
 
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