Dieser Artikel gehört zur Themenseite "SHMF 2008 - Russisch gestimmt"

Pakava It im exklusiven Interview mit Stephanie Gerlich und Maxim Torbotrus Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Stephanie Gerlich
Samstag, 2. August 2008
Fotos: Tomas Schelp
Das Schleswig-Holstein Musik Festival ist geschätzt für seine klassische Musik. In diesem Jahr geht das Festival aber auch neue Wege in Richtung des jüngeren Publikums und präsentierte mit Pakava It eine Kombo, die sich auf keine Musikrichtung festlegen lässt. Unser Lübeck hat die Bandleader Sasha und Juri auf ein paar Worte über ihre Stadt und ihre Musik getroffen. Das Konzert am Abend war ein tanzbares Spektakel, bei dem das Wort „Weltmusik“ eine neue Bedeutung bekam.

Viel ist in Deutschland nicht bekannt über Pakava It, außer dass es sich um eine Band aus 8 Männern und einer Frau handelt, die fetzigen Brass-Sound liefern. Da wollten wir zuerst wissen, ob es sich bei den „Fanfaren von Moskau“ tatsächlich ausschließlich um überzeugte Moskauer handelt. Das bestätigten Sasha (genannt Admiral Nochin) und Juri sofort. Na ja, der Trompeter kommt eigentlich aus St. Petersburg, der Drummer aus Ufa, aber das zählt nicht so richtig. Die Antwort auf die Frage nach ihrer musikalischen Herkunft war dann schon umfangreich. Jede der neun hat seinen eigenen Weg zur Musik gefunden und fühlt sich unterschiedlichen Stilen mehr oder weniger stark verbunden. Tubist Sasha hatte beispielsweise eine klassische Ausbildung angefangen, diese aber frustriert verworfen. Die Posaunisten Fedor und Slawik sind ausgebildete Jazzer. Aber für alle gilt, dass ihre Musik aus dem Herzen kommt, sagt Juri. Das kann Sasha nur bestätigen. Das ist das Wichtigste, da kommt ihre Musik her: aus dem Herzen. Das sind für jeden von ihnen unterschiedliche Genres: Jazz, Rock, Klezmer, Ska, Latino oder russische Folklore – in ihrer Musik bringen Pakava It schließlich alles unter einen Hut, was aus ihren Herzen kommt.



Über die Band-Geschichte berichten Juri und Sasha, dass man im Jahr 2000 anfing, miteinander Musik zu machen. Die ersten Auftritte fanden in Moskau unter freiem Himmel statt. Um gegen den Abriss historischer Gebäude zu protestieren, die neuen Großprojekten weichen sollten, spielten die 9 auf der Straße, vor den Gebäuden. Die kommerzielle Seite war dabei völlig untergeordnet, betont Sasha. Es ging um die Aktion und darum, Zuhörer aufmerksam zu machen. Was hat euch dann von der Straße ins Studio und auf die Bühne getrieben, wollen wir wissen. Juri lacht. Ganz einfach – dann ist der Winter gekommen. Da war’s im Studio oder in den Clubs eben viel angenehmer, und Publikum war auch da. Das bringt uns zum nächsten Aspekt der Auftrittsorte. Wie lebt und spielt man in der teuersten Stadt Europas, in der eine riesige Lücke klafft zwischen bitterer Armut und Dekadenz der Superreichen. In dieser Frage sind sich Sasha und Juri uneins. Während Sasha findet, dass sich langsam eine solide Mittelschicht bildet im Publikum, sieht Juri die Unterschiede sehr deutlich. O-ton Sasha: „Wir spielen für die Dicken und die Dünnen.“ Aber letztendlich zählt für sie ihre Musik, eine gute Show und die Stimmung im Saal. Über ihre Musik würden wir gerne noch ein bisschen länger reden, aber die Bedienung drängelt, weil die nächsten Gäste auf den Tisch warten, den sie vor 5 Minuten reservieren ließen, und auch der Betreuer der Band wird unruhig, denn in ein paar Minuten steht Sound-Check auf dem Programm. Bleibt gerade noch genug Zeit um nachzufragen, wie es kommt, dass Pakava It letztes Jahr im Treibsand auftraten und nun beim sonst eher klassisch orientierten Schleswig-Holstein Musik Festival zu sehen sind. Sasha zuckt mit den Schultern. Sie spielen eben immer gerne auf Festivals jeglicher Art. Und wenn man ihnen ein solches Angebot unterbreitet, sind sie gerne mit von der Partie. Dass in Lübeck die Zuhörer eventuell ein „Klassik-Klientel“ sind, stört Sasha und Juri wenig. „Uns ist egal, was für ein Publikum da ist, Hauptsache, wir bringen es zum Kochen.“ Denn das ist für sie das Wichtigste an der Musik – die Freude, die aus dem Herzen kommt.

Spaß gemacht hat uns auch dieses kleine Interview. Wir danken Juri und Sasha, die sich mitten im Tour-Stress Zeit für uns genommen haben und Jonas Holland-Moritz, der als Künstler-Betreuung des Schleswig-Holstein Musik Festivals das Treffen organisierte. Beim Sound-Check haben sich dann alle Bandmitglieder für ein paar Fotos versammelt.

Was sie mit „zum Kochen“ meinten, zeigten Pakava It dann 2 1/2 Stunden später beim Gig im Schuppen. Ihre unbeschreibliche Mischung aus verschiedensten Musikrichtungen brachte sogar das sonst so verhaltene Festival-Publikum mindestens zum rhythmischen Füße-Wippen. Sogar Tanzende waren in den ersten Reihen auszumachen. Das ist schon ein Rekord für Lübecker Verhältnisse. 120 Minuten gaben eine Frau und acht Männer auf der Bühne einfach alles, mit den skurrilsten Show-Einlagen. Auch nach acht gemeinsamen Jahren als Band sind sie noch lange keine choreografiegesteuerte Kombo. Stilistisch findet sich für Pakava It definitiv keine Schublade – das braucht eher einen ganzen Schrank.

Die Grundlage bildet eingängiger Ska, der spannende Übergänge findet zum Jazz und schließlich in Salsa-Rhythmen übergeht. Wo andere Bands einen Bassisten haben, arbeiteten Pakava It gerne mit der Tuba, Gitarrist Juri wechselt die Instrumente gelegentlich von der E-Gitarre zum Banjo und schließlich zur akustischen Gitarre. Zugleich halten sich die Bandleader Juri und Sasha stets im Hintergrund. In der ersten Reihe sitzt die Perkussionistin Anna, neben ihr produzieren zwei Saxophone, eine Trompete und zwei Posaunen den typischen Brass-Sound von Pakava It. Auf Gesang verzichten sie, dafür wechseln sich in Jazz-Manier teils improvisierte Soli unter den Blechbläsern ab. Zusammen ergibt das ein lustiges, tanzbares Chaos, dem man kaum widerstehen kann. Dabei kommen die neun so natürlich und ungekünstelt rüber wie wohl kein anderes Ensemble beim Schleswig-Holstein Musik Festival. Eine erfrischende Begegnung mit lebendigen, lebensnahen Musikern aus Russland, die in der Welt zu Hause sind. Heinz Strunk hätte gesagt: „Geil abgeliefert!“

Fotostrecke:



Fotos: (c) www.tomasschelp.de

Kommentare von Lesern

Der Artikel in den LN ist nicht nur undifferenziert, der ist schlichtweg bösartig.

Von inge, am 06.08.2008 um 16:00

Liebe Stefanie Gerlich,
Du schreibst mir aus der Seele. Nach dem Artikel in den LN über 'Gruppensex im Schuppen 6' unter Bezug auf den Auftritt von Pakava It, den ich nun überhaupt nicht nachvollziehen konnte, ist mit Deinem Votum die Welt für mich wieder in Ordnung. Ich möchte mich für Deinen Bericht ganz herzlich bedanken.
Klaus Mählmann
Sprecher des Lübecker SHMF Beirats

Von Klaus Mählmann, am 06.08.2008 um 11:43

So weit ich weiß, gibt es Sicherheits-Vorschriften. Die Veranstalter dürfen nur eine bestimmte Anzahl von Karten verkaufen. Die haben keine Schuld.

Von Michael, am 03.08.2008 um 17:35

Gestern Abend in der Halle 400 in Kiel: Die 'beste Gute-Laune-Musik' wo gibt. Tolle Band!

Von Monika, am 03.08.2008 um 10:35

Mir wurde 14 Tage vor dem Konzert in der Hotline und im Klassik-Kontor gesagt, dass das Konzert ausverkauft sei. Meine Freundin hat eine Karte bekommen und fand das Konzert spitze, aber im Schuppen war noch sehr viel Platz, hat sie gesagt. Ich bin traurig, dass die Organisation hier Mist gebaut hat und ich deswegen nicht dabei sein konnte.

Von Doris, am 03.08.2008 um 08:46
 
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