Arm und Reich in Deutschland im Kino Koki Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Stephanie Gerlich
Montag, 28. Juli 2008
Klaus Bräuning BDI
Und da ist sie wieder – die Betroffenheit. Armut gibt es nicht nur in der Dritten Welt, sondern mitten in Deutschland. Massenhaft.

Laut dem Armutsbericht der Bundesregierung für 2006 sind es 13%. Die Realität sieht anders aus; zählt man überschuldete Haushalte und solche, die von Armut bedroht sind, hinzu, belaufen sich Schätzungen auf 20%, zum Teil gar 25%. Harte Zahlen, die der Dokumentarfilm „Nur einmal gut essen gehen – Arm und Reich in Deutschland“ mit Bildern von Betroffenen zum Leben erweckt.

Und da fängt die Misere an. Menschen werden hier gezeigt, denen das Wasser bis zum Hals steht. Arbeitslose, Rentner, Alleinerziehende, Immigranten, Jugendliche. Die üblichen Verdächtigen. Es dürfte kaum jemandem entgangen sein, dass diese Bevölkerungsgruppen naturgemäß zu den Verlierern der Sozialreformen gehören.

Der Film verstärkt die Bilder ihres Elends durch harte Schnitte und Einblendungen von Szenen des Nürnberger Opernballs. Hier die Armen, bei denen ihr Einkommen kaum fürs Essen reicht – dort die Reichen und Schönen, die ihre Einnahmen aus Kapitalerträgen (denn nur wenige Reiche in Deutschland verdienen ihr Geld mit eigener Hände Arbeit) sinnlos verprassen. Dazwischen Erläuterungen einer distanzierten Stimme im Nachrichtensprecher-Stil. Ein Wirtschaftswissenschaftler erläutert die stagnierende bis rückläufige Einkommensentwicklung der vergangenen Jahre, ganz ehrlich, ohne zu beschönigen, mit der trockenen Integrität eines Mannes, der nicht andeuten möchte, wo er selbst steht. Die Rechtfertigungen eines BDI-Sprechers zu den erschütternden Zahlen und der Höhe der Manager-Bezüge (ein prominentes Beispiel musste her- Dr. Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank ist dazu hervorragend geeignet) sorgen für eine klare Freund-Feind-Trennung.

Ja, es löst Bestürzung aus. Und Mitleid mit den Opfern. Und dann? Mitleid hat bisher noch jedem geschadet. Der Film bestätigt nur, was alle schon wussten: Armut trotz Arbeit ist in Deutschland ein Massenphänomen. Die Schuldigen sind neben einer unfähigen Regierung die Spitzenverdiener, die weder Schuld noch Reue zeigen. Wenn es doch nur so einfach wäre.

Schuldzuweisungen nützen ebenso wenig wie der blinde Aktionismus aller Parteien. Der eine glaubt an höhere Steuern für Spitzenverdiener – dabei sind die doch schon seit Jahren gegen jede Steuerreform immun; Kapital, das man ohnehin außer Landes schafft, muss nicht versteuert werden, egal wie viel es ist. Der andere streitet für einen Mindestlohn, der den Wunsch nach Vollbeschäftigung des Dritten vermutlich nicht in Erfüllung gehen lassen wird. Allen gemein ist die Kritik an der Globalisierung, die überall Heerscharen von Verlierern erzeugt hat – Arbeitslose in Deutschland hier, Arbeiter unter unvorstellbaren Arbeitsbedingungen in Asien und anderswo. Nun wird aber niemand das Rad der Zeit zurückdrehen können. Auch in Deutschland hat man sich jahrzehntelang über prächtiges Wirtschaftswachstum gefreut und den damit ermöglichten Konsum genossen.

Konsumieren – das möchte wohl beinahe jeder. Einmal gut essen gehen. Neue Schuhe kaufen, die aus echtem Leder sind. Kleidung, mit der man nicht als Zwangsmitglied des Prekariats erkannt wird. Hier liegt die Stärke des Films – er macht deutlich, dass die Betroffenen keineswegs nur am Konsum an für sich interessiert sind. Sie sind Menschen. Sie sind eben Herdentiere. Sie möchten dazugehören zum angesehenen Teil der Herde. Keine Alphatiere, sondern nur ganz normale Bürger, die man nicht aufgrund ihres Einkommens ausgrenzt und stigmatisiert. Ihre Armut hat sie auch sozial verarmen lassen, denn sie können nicht mehr teilhaben an den für sie unerschwinglichen Vergnügungen der anderen. Niemand muss in Deutschland verhungern, vorausgesetzt er legt seinen Stolz an der Tür des Sozialamtes ab und reiht sich in die Schlange vor der Ausgabestelle der „Tafeln“ ein. Ohne Geld keine Würde. (Die Frage, ob Würde käuflich ist, würde philosophisch glatt den Rahmen sprengen.)

Am Ende des Films „Nur einmal gut essen gehen – Arm und Reich in Deutschland“ bleibt außer seinen Zahlenkolonnen und der Betroffenheit auch noch ein Nachgeschmack von Larmoyanz. Schade, denn die ist gründlich fehl am Platz, wenn man über Stolz und Würde spricht.

(Die Autorin ist keineswegs hochmütig oder arrogant. Selbst Bitterkeit war hier nicht das Motiv. Sie lebt ihr studentisches Leben mit maximal 600 Euro im Monat, größtenteils selbst erarbeitetes Geld. Sie wünscht sich, auch bald mal wenigstens den Schwellenwert der Armut zu erreichen.)

Dieser Text ist mir etwas wert: [?]

Kommentare von Lesern

Betroffenheit versus Armenauthentizität: Bei 'es dürfte kaum jemandem entgangen sein, dass diese Bevölkerungsgruppen die Verlierer der Sozialreform sind'....muss ich doch stutzen. Das ist doch gerade das Problem, dass das Vielen entgeht. Da wird gesagt, dass man mit Hartz IV bzw. Grundsicherung hervorragend auskommt, wenn man das Geld nicht für Alkohol, Tabak und Drogen ausgibt. Die genannten Gruppen machen sich untereinander fertig, weil alle die Schuldigen für ihr Elend suchen und es ist nicht politisch korrekt, den Begriff 'Prekariat' ohne Gänsefüsschen zu benutzen, der von reichen Politikern kreiert ist, weil sie diese Menschengruppe, die sich gar nicht in einem Begriff zusammenfassen lässt, ja nicht einfach die Assis nennen dürfen. Ich verstehe leider bei diesem Artikel nicht, wem hier falsche Betroffenheit vorgeworfen wird, den Filmzuschauern, den Filmemachern? Den Reichen? Den Politikern? Es gibt sehr viele würdevolle Menschen im sogenannten 'Prekariat', Würde ist meiner Meinung nach auf jeden Fall nicht von Geld und Konsum abhängig, darum geht es nicht.

Von Silke Rehbein, am 19.11.2008 um 19:19

Danke für diesen engagierten, gesellschaftskritischen Artikel, der zugleich die Schwächen und Stärken des Films gekonnt darstellt!

Von Kirstin Hartung, am 01.09.2008 um 10:09
 
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