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Jazz Baltica 2008 - Teil 3 Sonntag Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Thorsten Hingst
Samstag, 12. Juli 2008
Ornette Coleman
Den Finaltag der diesjährigen Jazz Baltica läuten auf der Open-Air-Bühne das Kieler Statt-Quartett und das Trio des Pianisten Martin Ehlers ein. Mainstream-Jazz und altbekannte Standards zum Picknick im Park bei schönstem Sonnenschein.

Das Restprogramm in der großen Konzertscheune erstreckt sich über das weite Feld des Jazz, vom Souljazz über klassischen Mainstream hin zur Avantgarde. Stefano di Battista, italienischer Altist und gutgelaunter Antreiber einer Formation, die bei ihrem Konzert den Energielevel von Beginn an deutlich hochschraubt und ihn nie wieder senkt. Mit halsbrecherischem Tempo jagt di Battista durch die Changes. Trompeter Fabrizio Bosso steht ihm in nichts nach und jagt wieselflinke Läufe scheinbar mühelos hinterher, während Greg Hutchinson mit seinem Powerdrumming den Elvin Jones gibt, in deren Band "Jazz Machine" di Battista einst spielte. Mal mit leicht säuselndem, dann wieder gehörig röhrendem Sound federt Babtiste Trotignons Hammond B-3 die Klangkaskaden der Bläser ab, ebnet den Weg in mal funkigere, dann wieder ruhigere Gefilde. Diese Band hat enormen Spaß an ihrer Performance und reißt das Publikum mit sich.

Keine leichte Aufgabe für den amerikanischen Tenorsaxophonisten Donny McCaslin, dem Irrwisch Stefano di Battista nachzufolgen. Im letzten Jahr noch Saxophonist im Dave Douglas Quintett kehrt McCaslin in diesem Jahr mit eigener Band wieder, und er hat seinen damaligen Chef als Gastsolisten mit im Gepäck. Neben McCaslin und Douglas stehen mit David Binney am Altsaxophon, Ben Monder an der Gitarre, Scott Colley am Bass und Adam Cruz am Schlagzeug nur New Yorker Hochkaräter auf der Bühne. Langgedehnte Improvisationen prägen einen Sound, der in seinen Bann zu ziehen versteht. Anders als bei Stefano di Battista fasziniert hier nicht die ungebremste Kraft der Musik, sondern ihr sorgsam konstruierter Aufbau, Schwebezustände werden evoziert und wieder aufgelöst. Eine seltsame Form von Jazz, die für den erweiterten Mainstream vielleicht richtungsweisend ist in ihrer Stringenz.

Die Musik des Sax Summit: Joe Lovano Saxophone & Flöte, Dave Liebman, Saxophone & Flöte, Ravi Coltrane, Saxophon, Phil Markowitz, Piano, Cecil McBee, Bass und Billy Hart, Schlagzeug, knüpft an John Coltranes Spätphase an. Die Dringlichkeit und Bedeutungsschwere der traneschen Musik wird hier allerdings nie erreicht. Trotz eines perfekten Zusammenspiels der Akteure vermag es die Musik nicht, ihren anachronistischen Beigeschmack abzuwerfen. Der revolutionär, spirituelle Geist, der die Avantgarde der sechziger Jahre durchzog ist heute so nicht mehr nachvollziehbar.

Die abschließende Abendveranstaltung wird durch das Quartett des Vibraphonisten Joe Locke eröffnet. Auch er war schon im letzten Jahr zu Gast in Salzau und seine Auftritte mit Bobby
Joe Locke
Hutcherson und dem Trio da Paz sind noch in guter Erinnerung. Nun also ein neues, eigenes Pojekt namens "Sticks & Strings". Mit dabei sind der Bassist Jay Anderson, die Schlagzeuglegende Joe LaBarbera und der Gitarrist Jonathan Kreisberg. Als Gast ist der italienische Saxophonist Rosario Giuliani geladen. Postbop-Stilistik trifft bei dieser Formation auf die progressive Stilistik eines David Friedman oder Mike Mainieri. Musikalisch Neues aber hat Joe Locke nicht dabei. Das ist perfekt gespielter Jazz, der stets gehörig swingt, kompositorisch überzeugt, spieltechnisch anspruchsvoll ist, aber nur selten Nachhaltigkeit besitzt. Immer hat man das Gefühl, die musikalischen Wendungen schon vorwegnehmen zu können. Überraschung Fehlanzeige.

Dann endlich steht er leibhaftig auf der Bühne, Ornette Coleman. Einer der wichtigsten Saxophonisten der Jazzgeschichte, gewandet in ein taubenblaues Jacket, das legendäre weiße Selmer-Saxophon im Anschlag. Begleitet wird er wie stets von seinem Sohn Denardo am Schlagzeug und gleich zwei Bassisten, Tony Falanga am Kontrabass und Charnett Moffett am E-Bass sorgen für die tiefen Tönen. Klang wird Musik, Musik wird Klang. Man wähnt sich im Auge eines tonalen Hurrikans, spürt die Ruhe, die Beseeltheit der Musik, während um einen herum die Noten Achterbahn fahren. Anleihen bei Stravinsky und Bach fügen sich zwanglos ein in dieses Klangerlebnis, Disparitäten sind aufgehoben. Ein grandioses Konzerterlebnis. Einzig Joe Lovanos Versuche auf diese Klangreise mitzugehen sind zum Scheitern verurteilt. Er vermag es nicht, sich in die Coleman'sche Welt einzufügen, erkennt dies aber selbst und reduziert sein Spiel auf das Nötigste. Tosender Applaus folgt einem epiphanischen Konzerterlebnis, das man nicht so schnell vergessen wird.

Die 18. Jazz Baltica war ein rundum gelungenes Festival. Neutöner trafen auf eher konservativ agierende Musiker, Legenden auf junge Himmelsstürmer, Exzentriker auf Spaßvögel und Impulsgeber auf Werteverwalter. Das alles in der abgeschiedenen Ruhe auf Gut Salzau am Selenter See, familiär vertraut, unter der Ägide eines künstlerischen Leiters Rainer Haarmann, dem man jederzeit ansieht, wieviel Herzblut er in "seine" Sache steckt.

Am ersten Juliwochende 2009 findet die nächste Jazz Baltica statt. Diesen Termin sollte man sich schon jetzt vormerken.

Titelfoto: (c) Heiderose Batz
Foto: nadworks creative commons


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