Premiere "Zehn kleine Dichterlein oder: Die Trennung der Geschlechter" Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Gerda Vorkamp
Montag, 2. Juni 2008
Manfred Upnmoor
Das war schon kein Kändler Light Dinner mehr (s. Dorit Meyer „Dorn und Röschen“), sondern Kändler Heavy (denn von „Dark“ kann hier wohl wirklich keine Rede sein), und wen die Vorstellung einer eben solchen bei Kerzenlicht angesichts des tollen Wetters abgeschreckt haben sollte, hat im Juni noch viermal die Gelegenheit, sich zwei Stunden von Manfred Upnmoor bestens unterhalten zu lassen.

Unter zwei Voraussetzungen: Man muss Spaß am Spiel mit der Sprache haben und die ganze Zeit auf dem Quivive sein, denn es ist zu schade, hier etwas zu verpassen, was bei einem solch artistischen Jonglieren mit Worten schon leicht passieren kann. Aktives Zuhören ist angesagt oder sprechen wir lieber vom Auf-Hören? Kommen wir dem Ursprung der Worte doch mal auf die Schliche oder zumindest ihrer Mehrdeutigkeit. Dieser Aufgabe widmet sich der Abend auf höchst illustre Weise, aber was ist schon eine Aufgabe? Eine Pflicht? Oder lässt man, im Gegenteil, etwas sein? Heißt das, man lässt es so bestehen, wie es ist, oder hört man doch mit etwas auf oder auf etwas oder wie oder was?

Halt, beginnen wir am Anfang und warum da nicht mit einem „Intermezzo“ von Hugo Ball, gefolgt von „Gadji beri bimba“: Dada, wie es manche sicherlich kennen und lieben, am Ende mit ausgebreiteten Armen auf wiederkehrender kleiner Terz abwärts dargeboten (nanu, wieso kommt mir gerade „urbi et orbi“ in den Sinn?). Schon heißt es Ballade, nein, Ball ade! Wenden wir uns Kändler zu und Wowo, dem Schwerpunkt dieser so leichtversfüßig daherkommenden Darbietung. Vielleicht hat es sich inzwischen auch schon bis in weniger kleinkunstbeflissene Kreise herumgesprochen, dass „Wowo“ die einzig mögliche Frage auf die Antwort „Dada“ ist und der Hannoveraner Friedhelm Kändler der erste Wowoet überhaupt, wenn nicht gar der einzige bislang. Oder sollte Manfred Upnmoor bereits in seine Fußstapfen getreten sein? Ich habe gegen Ende der Vorstellung jedenfalls nicht bemerkt, wann Kändler aufhört (schon wieder!) und Upnmoor anfängt und das ist jetzt durchaus als großes Kompliment gemeint. Überhaupt kann ich Manfred Upnmoors Leistung gar nicht genug würdigen, derartige Texte, bei denen man sich nur allzu leicht vertüdern kann, wo jedes Wort, jede Silbe, jede Betonung, ja manchmal sogar jeder Buchstabe (wenn nämlich derer immer weniger werden, was urkomisch ist) einfach sitzen muss (selbst im Stehen oder Liegen), überwiegend auswendig in einem knapp zweistündigen Soloprogramm so zu präsentieren, als geschähe das alles mühelos und wäre keine Kunst. Es ist eine Kunst, „Kleinkunst“ großartig auf die Bühne zu bringen, und das mit nur spärlichen, aber einfallsreichen, witzigen und liebenswerten Accessoires. Besonders angetan haben es mir dabei die beiden Märchenfiguren Franz und Ferdinand auf ihrem Weg nach Grönland als auch – die Spannbreite des Programms lässt sich erahnen – Manfreds unerwarteter Wechsel zur Damenbekleidung. Welche Frau sieht in eng anliegender Abendgarderobe schon so sexy aus? Hier wird die Ge-schlechter-trennung doch recht angenehm durchbrochen und ge-besser-t, aber was es sonst so damit auf sich hat, soll hier gar nicht verraten werden. Auch die Bedeutung des Früchtekorbes, der Zugabe, mit der das Publikum doch endlich etwas zugeben kann (wo doch einige vorher schon gestanden, also sich erhoben haben, nur um sich widersetzen [wieder setzen?] zu können), also über Sinn und Zweck mancher Einfälle möge sich doch bitte jedeR selbst vor Ort informieren und sich das nicht aus zweiter Hand erzählen lassen.

Apropos zählen: Was passiert denn nun, wenn zum Einschlafen keine Schäfchen, auch keine zehn Negerlein, sondern zehn kleine Dichterlein gezählt werden? Das hat jetzt wenigstens die kleine Schar der herzlich Applaudierenden erfahren, die das wundervolle Wetter auch nach der Vorstellung durchaus noch zu genießen weiß.

www.theater23.de

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