Stefan Gwildis machte aus der MuK eine „Kathedrale der Gesänge“ Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Majka Gerke
Donnerstag, 1. November 2012
Sonntagabend kurz vor der Tagesschau. Vor der Lübecker MuK fallen die Temperaturen an diesem kalten Spätherbsttag Ende Oktober in den Keller. In der MuK dagegen ging sprichwörtlich die Sonne auf und brachte das zahlreiche Publikum zum Schwitzen. Sonnenspender Stefan Gwildis, fein gemacht in Smoking und weißem Hemd, die Füße in den obligatorischen Arbeitsschuhen, lud ein zu einem Abend voller Soul.

„Es ist schön, dass ihr heute Abend gekommen seid. Immerhin läuft gleich Tatort im Fernsehen - eine starke Konkurrenz“, sagte Stefan Gwildis mit einem schelmischen Lächeln und legte los.

Im Gepäck hatte der Hamburger Sänger nicht nur Lieder aus seinem neuen Album freihändig. Neben Songs wie Spiel das Lied in dir, Du bist wieder da, Halleluja oder das gefühlvolle Es ist mir egal, das er für seinen verstorbenen Bruder Ralf geschrieben hat, gab es natürlich auch ältere Songs wie Wunderbares grau, Du lässt mich nicht mehr los oder Wir haben doch jeden Berg geschafft. Passend dazu gab es kleine Anekdötchen aus seinem Leben. So plauderte er aus seiner Zeit als Arbeiter im Hamburger Hafen und servierte dazu gleich ein Lied (So was kann’s nicht lernen) oder ging in seiner Lieblingsrolle, der des Hohepriesters des Souls, auf – Halleluja.

Stefan Gwildis

Charmant und gut gelaunt wob er mit seiner rauen, kratzigen Stimme, die von sanft schmeichelnd zu rockig röhrend reicht, einen Klangteppich, der das Publikum mit Leichtigkeit einhüllte. So unnachahmlich wie Gwildis singt einfach kein anderer deutscher Sänger. Wenn er die Worte kaut und zieht, fragt man sich, wo er bloß diese Töne herholt.

Mittendrin begrüßte Gwildis einige Besucher, die verwirrt durch die mit 19 Uhr recht frühe Startzeit des Konzertes erst eine Stunde nach Beginn in den großen Saal schlüpften. „Macht nix. Wir fangen einfach noch einmal von vorne an“, meinte er nur. Als die Band als Marchingband quer durch den Zuschauerraum in die Pause marschierte, hatte der Abend einen ersten Höhepunkt.

Machte der erste Teil des Konzertes schon richtig Spaß, ging die zweite Hälfte richtig ab. Ein Knaller nach dem anderen riss die Lübecker endlich aus ihren Sitzen und machte aus der MuK eine Kathedrale der Gesänge. Gemeinsam mit seiner hervorragenden Band brachte er alle zum Mitschnippen und –wippen. Dabei war es egal, ob Posaunist John Welch perfekt als Percussionist agierte, Saxofonspieler Tim Rodig zur Klarinette griff oder Bassist Achim Rafain Seven Nation Army von den White Stripes spielte und dabei wie ein Besessener auf seinen Bass eindrosch – es passte einfach alles.

Bei Allen Anschein nach bist du’s – „Stück 403 aus dem Stefan Gwildis-Gesangbuch“ - stellte Gwildis wieder seine Beatbox-Fähigkeiten unter Beweis und zeigte eindrucksvoll, dass er eigentlich auch ohne Band über die Runden kommt.

Nach der deutschen Version des alten Marc Cohn-Songs Walking in Memphis, bei Gwildis heißt es Gestern war gestern, und dem Dauerbrenner schön schön schön endete nach über zwei Stunden ein toller Abend, der einfach Lust auf mehr machte. Wer will da schon Tatort gucken?






Fotos: © Jan Gerke

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