Rundumschlag von Kunst und Kultur - Internationales Sommerfestival 2012 auf Kampnagel Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Holger Kistenmacher
Donnerstag, 9. August 2012
Es geht wieder rund (und bunt) zu, in den alten Gemäuern der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel. Zum Internationalen Sommerfestival hat Matthias von Hartz, der dieses Jahr zum fünften Mal aber auch letztmalig die künstlerische Leitung inne hat, hoch interessante und aktuell schwer angesagte Künstler aus allen Sparten der Kulturszene eingeladen, im August drei Wochen lang das Kampnagel-Gelände, die Hamburger Kunsthalle und die Stadt zu bespielen. Vertreten sind dabei Stars aus den Bereichen Tanz und Theater, der bildenden Kunst und Musik, sowie führende Köpfe aus Wissenschaft und Kultur.

Den Anfang macht dabei die kulturelle Hafenkonzertrundfahrt mit Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs: Die Ausgedehnten, die aufzeigen will, wie und wo Hamburg an seine Grenzen geht oder diese bereits überschritten hat. Ein kontroverses Projekt, wobei maritime Stimmung, schnoddriger Hamburger Humor und fröhliche Schanty`s nicht zu kurz kommen dürften.

Auf Kampnagel selbst beginnt es mit großer Tanzkunst. In deutscher Erstaufführung zeigt der französische Ausnahme-Choreograf Boris Charmatz seine neueste Produktion Levée de conflits – eine sich fortlaufend verändernde Körperskulptur aus 24 Tänzern.
Ein weiterer Weltstar der Tanzszene, Anna Teresa de Keersmaeker, ist mit ihrer Truppe „Rosas“ vom 17. bis 19.08 zu Gast. Sie zeigt und tanzt selbst mit im Stück „Elena´s Aria, das schon 1984 von ihr geschaffen wurde und stilprägend in die Geschichte des modernen Tanzes eingegangen ist.

Boris Charmatz: Levée des conflits

Innovativ, neu und witzig – so könnten die Attribute für das Projekt „Kiss & Cry“ von Michelé Anne De Mey und Jaco van Dormael aus Charleroi heißen. Sie zeigen eine Mischung aus Tanz, Theater und Film: Zwei Hände – eine weibliche und eine männliche – und ihre zehn Finger spielen die Hauptrolle bei dieser poetischen Lebensreise. Vor den Augen des Publikums ausgeführt, wird das Geschehen gefilmt und auf Großbildleinwand projeziert, dabei entsteht ein opulenter Bilderreigen in Kombination mit Tanz, Film, Text und Musik. Man darf gespannt sein.

Aus der Sparte Theater dürfte wieder mal die amerikanische Performance Gruppe „Nature Theater of Oklahoma“ für Wirbel und widersprüchliche Kritiken gut sein. Entweder man liebt sie oder hasst sie. Sie bringen die Episoden 3 und 4 ihres Theaterepos Life and Times zur Aufführung, in denen es um das banale Durchschnittsleben aus der amerikanischen Vorstadt geht - skuril und komisch.

Viel Beachtung dürfte auch das Theaterprojekt Die Priesterin des ungarischen Regisseurs Àrpád Schilling finden, der mit 15 Jugendlichen aus Transsilvanien und drei professionellen Schauspielern arbeitet. Dazu kommt das vielfach ausgezeichnete Theater-Kollektiv „Rimini Protokoll“ mit ihrer aktuellen Arbeit Prometheus in Athen. Mit ihrem Dokumentationstheater sind sie immer mitten drin in den dringendsten politischen und kulturellen Diskussionen der Gegenwart.

Eddie Palmieri
Einen sehr großen Raum nehmen dieses Jahr die Konzerte ein. Allein 11 Einzelkonzerte plus 2 Partys (zum Abschluss mit DJ Koze), sowie zweimal das beliebte Orchesterkaraoke stehen auf dem Programm. Headliner des Musikprogramms sind sicherlich der Salsa-Star Eddie Palmieri, der mit großem Orchester auf Kampnagel aufläuft, aber auch die englische Newcomerin Gemma Ray, die von vielen als die wahre Lana del Rey gesehen wird, wie auch die Reggae-Roots-Rocker „Irie Revoltés“, die mit ihren deutsch-französischen Protestlyriks schon so manche Demo angeheizt haben, dürften nicht zu verachten sein. Ganz große bildende Kunst wird ebenfalls gezeigt. Der deutsch-englische Star der Gegenwartskunst Timo Seghal, der zeitgleich auch bei der Documenta 13, wie in der Londoner Tate-Galerie präsent ist, wird eine seiner schwer zu beschreibenden Performancearbeiten zeigen. Dazu kommt der Spanier Santiago Sierra, der mit seinen Projekten zur Zerstörung Europas, diesmal am Thema griechischer Inseln für Diskussionsstoff sorgen dürfte. Seine lebensnahe angewandte Ausbeutungskritik in Skulptur und Konzept macht ihn sicherlich zu einem „düster leuchtenden Star der Kunstwelt“.

Obendrauf gibt es beim Sommerfestival wie immer viel Theorie, Debatten und Diskussionen mit Fachleuten aus den verschiedensten Richtungen. Im Mittelpunkt stehen Fragen der Ökonomie und des Wachstums, insbesondere deren Grenzen, die im Zuge von Euro- und Europa-Krise immer dringlicher werden. Bleibt zu hoffen, das die Gespräche noch genügend Platz für Spass und Freude bei hoffentlich schönen Temperaturen offenlassen, damit auch das wunderbare Außen-Gelände von Kampnagel wieder Mal bis tief in die Nacht genutzt werden kann.

Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg vom 9.-25. August 2012.
Mehr Infos zu Programm und Tickets unter www.kampnagel.de oder Tel.: 040/27094949

Fotos: Veranstalter

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