| "Jetzt nicht" - Michael Jäger und Wilhelm Mundt in St. Petri |
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Samstag, 28. Juli 2012
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Die Doppelausstellung Michael Jäger und Wilhelm Mundt - Jetzt nicht in der Petrikirche zu Lübeck zeigt zwei unterschiedliche Positionen der Bildenden Kunst – Malerei und Bildhauerei. Bei Hinterglasmalerei denkt man unwillkürlich an die bäuerliche Volkskunst oder an mittelalterliche Malereien mit sakralen Motiven. Weit gefehlt, denn Jäger setzt diese alte Kunstform in einen zeitgenössischen Kontext. Seine sechs, extra für die Schau konzipierten ca. 60 x 280 cm hohen Exponate zeigen ein explodierendes Feuerwerk von farbigen, abstrakten Figurationen. Geometrische Muster von Gittern, Streifen, Rauten und Rechtecken ergießen sich über die Bildfläche oder sind mit Farbflächen kombiniert. Diese abstrakten Kompositionen werden komplettiert durch vier großformatige, monochrome Bilder. Die Malereien hängen nicht, sondern lehnen an den Wänden und Pfeilern. Jägers farbintensive Hinterglasbilder erwecken Assoziationen an mittelalterliche Kirchen mit ihren farbigen Fenstern und den mit Heiligenfiguren geschmückten Säulen oder Pfeilern. Hinzu kommt, dass zu jener Zeit der Kirchenraum nicht bestuhlt war, sodass Gläubige sich während des Gottesdienstes anlehnen konnten. Ein weiterer Aspekt für die überaus gelungene Präsentation ist der ungewöhnliche Ausstellungsort. Denn anders als bei vielen Kirchen mit ihrer häufig überladenen Innenausstattung, ist der Kirchenraum von St. Petri weiß gestrichen und ohne jegliches Interieur. Jägers Bilder stehen somit in einem engen Dialog zu der historischen Kirchenarchitektur. Die Konzeption seiner Hinterglasarbeiten ist ein langwieriger Prozess: Quasi von „rückwärts“ trägt der Künstler Lack- oder Ölfarben in bis zu 18 Farbschichten auf Acrylglaspaneele auf – jede Schicht braucht ungefähr 24 Stunden für die Trocknung. Die von vorn nach hinten aufgetragenen Farbflächen bleiben entweder sichtbar oder verschwinden hinter vorgelagerten Schichten. In der Sichtfläche des Bildes - dem ersten Farbauftrag - spiegeln sich der reale Kirchenraum und die Besucher wider. Aus Mundts Werkgruppe Trashstone liegen klein- und großformatige Steine über den Kirchenboden verteilt. Darunter das 1000 kg schwere, silberfarbene Objekt Nr. 553, welches den Lübecker Kirchenraum dominiert. Erstmals in der Kunsthalle Düsseldorf gezeigt, erinnert der Stein mit seiner zerklüfteten Oberfläche an eiszeitliche Findlinge oder Meteoriten. Die Herstellung dieser aus Müll gefertigten Skulpturen ist arbeitsintensiv: Müll - bis auf organischen Abfall - wird durch Pressung komprimiert, gebunden und verklebt, bis er die von dem Künstler gewünschte Form hat. Anschließend mit Lagen von farbigem Kunststoff oder Polyesterharz umkleidet, geschliffen und poliert, wobei je nach Schleiftiefe die unteren Farbschichten durchschimmern können. Anhand der gestanzten Seriennummer kann der Künstler feststellen, welche Art von „Trash“ im Inneren verborgen ist. Im Fall der Lübecker Ausstellung entschieden sich die Kuratoren für silberglänzende Objekte, da diese besser mit den Hinterglasmalereien harmonisieren. Die Steine wurden als Rohlinge in ein Bad aus flüssigem Aluminium getaucht, mit der Flex bearbeitet und auf Hochglanz poliert. Die glänzende Oberfläche reflektiert Jägers Bilder und Besucher sowie den Kirchenraum mit seinen Terrakotta-Bodenfliesen und die Architektur. Nicht real, sondern als verzerrte Spiegelwelt. Für Mundt, der bereits 1989 seinen ersten Stein mit der Nummer 001 produziert hat, stehen nicht Sandstein, Marmor oder andere Gesteinsarten im Fokus, sondern der aus recyceltem Abfall gefertigte, künstliche Stein. Ein Stein, der im eigentlichen Sinn kein Stein ist. Sein ambivalentes Verhältnis zum Müll erklärt sich daraus, dass es für ihn als Künstler keinen Abfall gibt, sondern nur temporär nicht gebrauchte Dinge. Neben der zweifellos hohen Ästhetik der Objekte, käme - im übertragenen Sinn - seinen Abfallsteinen aber auch eine ökologisch-relevante Bedeutung zu: Vorhandener Müll belastet nicht mehr Deponien und Umwelt, sondern kommt als recyceltes Kunstobjekt in den gesellschaftlichen Kreislauf zurück. Ist Mundt als Bildhauer einzuordnen? Nicht ganz, er ist eher ein „Revoluzzer“ der Bildhauerkunst, denn das von ihm entwickelte Konzept bricht mit allen tradierten, bildhauerischen Konventionen. Als einer der innovativsten, zeitgenössischen Bildhauer erhielt Mundt deshalb 2007 von der Royal Academy in London für seine Werkgruppe Trashstone den Jack Goldhill Award for Sculpture. Mit Michael Jäger (*1956) und Wilhelm Mundt (*1959) ist es den Ausstellungsmachern gelungen, zwei der renommiertesten Künstler ihres Sujets nach Lübeck zu holen. Beide haben in den 1980er-Jahren an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert, Jäger bei Joseph Beuys und Mundt bei Tony Cragg. Und beide waren - häufig gemeinsam - bei zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen vertreten. Ein eingespieltes Team, wie die in der Doppelausstellung in Lübeck präsentierten Exponate beweisen: Objekte, die mit ihrer Farbigkeit und ihren facettenreichen Spiegelungen in einem kompositorischen Dialog stehen, aber auch miteinander und mit ihrer Umgebung kommunizieren. Die überaus sehenswerte Ausstellung Michael Jäger und Wilhelm Mundt - Jetzt nicht ist bis zum 26. August 2012 in der Kirche St. Petri zu Lübeck, Am Petrikirchhof 1, 23552 Lübeck zu besichtigen. Öffnungszeiten: Di – So von 11 bis 16 Uhr www.st-petri-luebeck.de Fotos: Unser Lübeck
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