Vom Wesen der Schwelle - Sherko Fatahs „Ein weißes Land“ Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Britta Koth
Donnerstag, 12. Januar 2012
Fatah wagt großen Wurf und Entwurf in einem: Die Lebens-Reise eines jungen Arabers, ausgehend vom Bagdad der 30er Jahre, der zur Zeit des Zweiten Weltkrieges mit dem Gefolge des Großmuftis von Jerusalem 1941 nach Berlin aufbricht. Eine Geschichte, die sich ordentlich am Lauf der Historie festzuhalten scheint, die jedoch hinter ihrer Detailtreue eine narrative Suggestivkraft entfaltet, die Autor, Erzählung und Protagonist zu schimmernden Schwellenwesen machen.

Fatah selbst hat bereits eine schimmernde Geschichte: Geboren als Sohn eines irakischen Kurden und einer deutschen Mutter 1964, ist er in der DDR aufgewachsen. Wegen der Staatsangehörigkeit seines Vaters war es ihm auch von der DDR aus möglich, in den Iran zu reisen. Nach seiner Übersiedlung nach West- Deutschland 1975 studierte Fatah Philosophie und Kunstgeschichte („fruchtbar, aber ertragsarm“, so Fatah). Literatur interessierte ihn schon lange, mit Im Grenzland schrieb er seinen ersten Roman. Fatah erhielt eine Menge Preise, u.a. 2002 den Sonderpreis des Deutschen Kritikerpreises für das bemerkenswerteste Prosa-Debüt und 2007 den Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil.

„Wie ich es sehe“, so Fatah in einer biographischen Anmerkung  zum Jung & Jung Verlag, „gibt es eine Menge guter Geschichten, die uns vor lauter Lifestyle aus dem Blickfeld rutschen, man sollte versuchen, ein paar davon zu erzählen.”

Ein weißes Land erzählt die Geschichte von Anwar, einem jungen Mann aus Bagdad, 1921 geboren, Sohn eines Aufsehers in einer Dattelfabrik, der sich selbst als „überflüssigen Menschen“ sieht, der ohne Ziel und Richtung durch die Stadt treibt, getrieben allenfalls von der Sehnsucht nach den „Häusern der Reichen“ und der Schwester seines reichen und jüdischen Freundes Ezra. Es gibt noch kaum Linien auf dem weißen Blatt Anwar – ein gefährlicher Zustand, denn weiße Blätter finden schnell ihren Zeichner. Fatah zeichnet dafür nicht verantwortlich: Er schickt keinen auktorialen Erzähler, der weiß, wo es lang geht!


Die LeserInnen müssen sich Anwars trägem Tastsinn anvertrauen: Halbherzig nehmen sie mit ihm an faschistischen Schwarzhemden-Versammlungen teil; wie aus Versehen werden sie mit ihm zum Räuber und Mörder. Und indem sie mit ihm die Häuser von Bagdad emporklettern, haben sie auch eine metaphorische Mauer erklommen: Nicht aus eigenem Antrieb klettert Anwar unter der Leitung des dämonischen Malik an prachtvollen Palästen herum; er hängt zwischen Himmel und Erde wie ein Sinnbild der Unentschiedenheit. Anwar bleibt ein Mitläufer: „Ich tastete mich durch die tanzenden, tiefschwarzen Baumschatten an der Wand, als würde ich in dunkle Pfützen greifen. Und immer zog Malik an mir, immer wieder löste er den Griff meiner Linken, wenn sie gerade Halt gefunden hatte.“

Halt findet Anwar scheinbar, als der Großmufti ihn mit nach Berlin nimmt: Als Leibwächter erfüllt sich sein Traum von den Häusern der Reichen. Im nationalsozialistischen Berlin lebt er mal in einer Villa, mal im Luxus-Hotel, in dem er bei seinem Herrn auf der Türschwelle schlafen muss. Er gerät ins Zentrum der deutschen Macht und in die grauenhafte Maschine, die Krieg heißt. Er überlebt schließlich – soviel sei verraten. Aber bis zum Schluss bleibt er ein Schwellenwesen, das zwischen den Ländern, den Zeiten, den Überzeugungen, den Möglichkeiten und zwischen den Menschen verortet ist. Und damit auch ein merkwürdig moralisches Zwischen-Leben führt. Eine sehr moderne Erfahrung, schließlich schmerzen auch uns Jetzt-Zeit-Menschen oft die Knochen von der Last des Schwellenlebens...

Fatahs Werk teilt dieses Schicksal: Es ist keine historische Dokumentation und keine freie Erfindung, keine Biographie und kein moralisches Pamphlet. Es ist kein Abenteuerroman, denn es ist kein Held in Sicht. Auch ein klassischer Entwicklungsroman ist es nicht, weil von Entwicklung nicht die Rede sein kann.

Wie immer man dieses Werk auch nennen mag: Es ist eine gute Geschichte und sie ist gut erzählt. Eine Geschichte, die wir vielleicht gerade noch gelesen haben, bevor sie uns vor lauter Lifestyle aus dem Blickfeld gerutscht ist.

Sherko Fatah „Ein weißes Land“, Roman, Luchterhand, 480 Seiten




Fotos: © Olaf Malzahn

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