| Tobias Sommers „Dritte Haut“ oder: Der Schimmel-Writer |
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Dienstag, 10. Januar 2012
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Wer sich diesem Ich-Erzähler anvertraut, sollte allen Mut
zusammennehmen: Es geht durch fiktionale Finsternis, zerstörte Zeiten,
kollabierte Kausalitäten – und schimmelige Räume. Zu Sommers phantastischem Roman-Hotel bekommen die LeserInnen zwar
den Schlüssel, aber im Folgenden betreten sie unaufhörlich Grenzland. Und
riskieren ihre Haut...
„Der Mensch hat drei Häute:“, heißt es vor dem dritten Kapitel des Romans. „Er wird mit der ersten geboren, die zweite ist sein Kleid, und die dritte ist die Fassade seines Hauses.“ Gezeichnet: Friedensreich Hundertwasser. Der ist es auch, den Herr Sommer gleich das Motto für den gesamten Roman zeichnen lässt:“...die absolute Unbewohnbarkeit, die uns noch bevorsteht“ stammt aus Hundertwassers Verschimmelungsmanifest und setzt einen gleichzeitig bedrohlichen wie befreienden Akzent. Denn Hundertwassers Text fließt weiter in die Sentenz: „...so werden wir erst nach Überwindung der totalen Unbewohnbarkeit und der schöpferischen Verschimmelung das Wunder einer neuen, wahren und freien Architektur erleben. Da wir jedoch die totale Unbewohnbarkeit noch nicht hinter uns haben, da wir uns leider noch nicht im Transautomatismus der Architektur befinden, müssen wir vorerst einmal die totale Unbewohnbarkeit, die schöpferische Verschimmelung in der Architektur so rasch wie möglich anstreben.“ Stützen wir LeserInnen uns also auf die wenigen Koordinaten, die zu finden sind: Im Rahmen eines sozialen Projektes übernimmt der Ich-Erzähler im Jahr 2002 ein Hotel an der polnischen Grenze. Die Räume sind verfallen – und auch ansonsten entspricht das Haus nicht dem, was man von einem Hotel gewohnt ist: Der schizoide Hotelier nimmt nicht jeden Gast auf – er gewährt lediglich jenen Zutritt, von denen er glaubt, ihre Geschichte könne ihm auf die Spur seiner gespenstischen Krankheit führen. Dass jede dieser Geschichten tatsächlich Spuren in ihm hinterlässt – dafür sorgt ein Strichsystem auf seinem Arm, das, wenn komplett, wie ein Barcode eingelesen werden kann, um schließlich vollkommene Aufklärung über seine pathologische Persönlichkeits-Textur zu geben. Die Gäste, die einchecken dürfen, sind entsprechend strange: Sie treten nicht als klar umrissene Figuren auf, sondern als Prismenwesen im Bewusstseins-Puzzle des Protagonisten, das – psychotisch-plausibel – keinen homogenen psychischen Raum sondern eine bizarre Dualität präsentiert. Die LeserInnen sind so japsend und jaulend auf der Jagd: Sind die Personen, was sie vorgeben zu sein? Ist die Kategorie „Person“ eine überhaupt brauchbare Koordinate? Legen Raum und Zeit Orientierungsfährten, denen zu folgen sich lohnt? Geben Gespräche überzeugenden Aufschluss – oder legen sie lediglich Spuren in dunkle Bedeutungszonen? Während man sich durch das semantische Dickicht dieser Dichtung schlägt, geht der Hotelbesetzer selbst auf Jagd: Eingefleischter Vegetarier, schießt er provisorisch die Mahlzeiten für seine Gäste in den umliegenden Wäldern zusammen – und zerschießt damit auch gleich die restlichen Plausibilitäten einer konsistenten Persönlichkeitsstruktur. In diesem sommerlichen Wald Sinn-Beute zu machen, ist eine echte Herausforderung. Denn dieser Text ist fast ebenso unbewohnbar wie das Zimmer, über das sich der Gast gleich zu Anfang des ersten Kapitels beschwert, weil es verschimmelt ist. Eben das aber ist der Thrill: Das Wunder einer neuen, wahren und freien Literatur werden wir vielleicht erst nach Überwindung der totalen Unbewohnbarkeit und der schöpferischen Verschimmelung erleben. Die Sprachgewalt dieses Roman bietet ein hochwirksames, phantastisches Fungizid zu eben dieser Überwindung... Tobias Sommer, Dritte Haut, Roman, Septime Verlag
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Wer sich diesem Ich-Erzähler anvertraut, sollte allen Mut
zusammennehmen: Es geht durch fiktionale Finsternis, zerstörte Zeiten,
kollabierte Kausalitäten – und schimmelige Räume. Zu



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