Von Witmarsum über Lübeck nach Bad Oldesloe - Zum 450. Todestag von Menno Simons Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Michael Lohrer
Mittwoch, 23. November 2011
Menno Simons
An einem frühen Morgen im Oktober. Nach einer Fahrt durch die schier endlose friesische Landschaft taucht das Ziel im Nebel auf. Witmarsum – ein scheinbar unbedeutendes Dorf. Nicht weit vom Abschlussdeich des Ijsselmeeres in den Niederlanden.

Etwa zwei Kilometer außerhalb des Dorfes erhebt sich ein Monument mit einer seltsamen Inschrift, die erinnert an Mennos "Ausgang aus dem Papsttum", seinen Austritt aus der römisch-katholischen Kirche im Jahre 1536. Sicher ein einmaliges Monument. Hier in diesem Ort wurde 1496 Menno Simons geboren und er ist der Grund dafür, dass heute viele Menschen auf allen Kontinenten dieses Dorf kennen und Besucher aus der ganzen Welt dorthin reisen, wo alles begonnen hat.

Ortswechsel – in Bad Oldesloe unweit von Lübeck führt ein Hinweisschild am Berliner Ring in die Segeberger Straße zur „Mennokate“ Altfresenburg. Nach kurzer Strecke erreicht man das alte Haus. Hier starb Menno Simons 1561 nach einem unruhigen und bewegten Leben. Irgendwo in der Nähe befindet sich sein Grab, im Haus ist ein kleines Museum eingerichtet und der Ort erinnert an diesen bedeutenden Kirchenführer aus der Reformationszeit. Auch hier lohnt ein Besuch. Die Linde vor dem Haus soll von Menno selbst gepflanzt worden sein.

Linde vor der Mennokate in Bad Oldesloe, Foto (c) H. Janzen

Wer war Menno Simons?

Schon als Kind beschloss er, einmal Priester zu werden, studierte Theologie in Utrecht, wurde 1524 zum Priester geweiht und dann Priester im benachbarten Pingjum. Er lebte in einer unruhigen Zeit. Längst waren aus dem fernen Wittenberg die Nachrichten von dem ehemaligen Mönch Martin Luther gedrungen. Alles was bis dahin unumstößlich fest zu stehen schien, wurde in Frage gestellt. Bis dahin hatte er auch noch nie eine Bibel in der Hand gehabt. Das schien zu gefährlich zu sein. Beim Lesen der Bibel kamen die Menschen darauf, dass vieles ganz anders war, als sie dachten.

Zölibat - in der Bibel wird den Bischöfen empfohlen verheiratet zu sein. Auch von der kirchlichen Hierarchie ist dort nichts zu finden. Auf vieles hatte Martin Luther schon hingewiesen und längst war er mit dem Aufbau einer neuen Kirche beschäftigt. Daneben gab es in diesen chaotischen Zeiten Menschen, denen die Reformation nicht radikal genug erschien. Sie stellten die Praxis der Kindertaufe in Frage, lehnten den Kriegsdienst ab und verweigerten den Eid, weil ein richtiger Christ ohnehin nicht lügt. Seit 1525 verbreitete sich diese Gruppe von Zürich aus Richtung Deutschland. Ähnliche Gedanken führten auch zur Bildung neuer Gruppen in den Niederlanden und von dort nach Norddeutschland. Die Gedanken dieser Bewegungen schienen alle bisherigen Ordnungen zu gefährden. Darum wurden diese Täufer, wie man sie wegen der Praxis der Wiedertaufe nannte hart verfolgt.

Inzwischen hatte eine gewalttätige Gruppe der Täufer in Münster ein furchtbares Terrorregime errichtet, das 1535 mit Gewalt beendet wurde. Von nun an wurde die junge gewaltlose Täuferbewegung überall aufs Härteste unterdrückt und verfolgt. Das heute bei den Amischen in Nordamerika heraus gegebene Buch Der Märtyrerspiegel beschreibt anschaulich die entsetzlichen Leiden dieser Menschen.

Zurück zu dem jungen Priester Menno Simons. Die Standhaftigkeit der täuferischen Märtyrer mit der sie Psalmen und Lieder singend in den Tod gingen brachte ihn endgültig auf die Seite der Täufer. So wollte er sein: standfest im Glauben und bereit zu einer konsequenten Nachfolge. So schließt er sich 1536 den Täufern an und lebt seitdem als Verfolgter sein Leben. Die führenden Täufer Frieslands bitten ihn, die Leitung der Gemeinden zu übernehmen. Daher tragen die Taufgesinnten immer mehr seinen Namen, zuerst Mennisten, dann bis heute Mennoniten. In der Schweiz und den Niederlanden heißen sie Taufgesinnte.


Menno war rastlos unterwegs. Amsterdam, Emden, Köln, Bonn, Danzig, Wismar – Stationen seines Weges. Das hatte zwei Gründe. Einmal wurde er von den Regierenden nirgendwo lange geduldet. Auf seinen Kopf war eine Prämie ausgesetzt. Zum anderen bereiste er die verschiedenen Gemeinden, um dort Ordnung zu schaffen. In dieser jungen Bewegung, die ein Historiker den „Linken Flügel der Reformation“ genannt hat, kamen ja sehr unterschiedliche Menschen zusammen. Sie hatten alle entdeckt, dass ein Christ selbst in der Bibel lesen kann und seinen eigenen Weg ohne Bevormundung von oben gehen darf.

Nun waren es aber oft theologisch nicht gebildete Laien und manche Zusammenhänge waren sehr kompliziert. So entstanden in diesen aufgeregten Zeiten unterschiedliche Gedanken und Auffassungen. Lehren wie die Dreieinigkeit Gottes, das Geheimnis wer Jesus Christus war, wie man mit Menschen umgehen soll, die den Glauben verleugnet hatten und viele mehr. Dadurch entstanden verschiedene Gruppierungen, die Einheit der Gemeinden war gefährdet und damit ihr  Bestehen.

So hielt sich Menno Simons im Jahre 1546 in der Hansestadt Lübeck auf und führte Gespräche mit anderen Täufern und ebenso 1552 bis 1553. Ein Mandat gegen die Täufer zwang ihn, Lübeck zu verlassen und nach Wismar weiter zu reisen. Von 1554 bis zu seinem Tode 1561 konnte er dann unbehelligt in Wüstenfelde bei Oldesloe leben. Hier schützte ihn der Gutsherr Bartholomäus von Ahlefeldt und Menno konnte eine Druckerei betreiben, wo seine wichtigsten Schriften gedruckt werden konnten - unter anderem sein Fundamentenbuch. Als er am 13. Januar 1561 starb, war er einer der wenigen dieser Bewegung, der ein friedliches Ende fand. Sein Todestag jährt sich 2011 zum 450. Mal. Sein Grab ist nicht mehr auffindbar, weil alles im Dreißigjährigen Krieg zerstört wurde.

Mennoniten heute

Die Mennoniten gehören zu den historischen Friedenskirchen. Weltweit gíbt es mehr als 1,3 Millionen Mennoniten mit ganz unterschiedlicher Prägung. Da sind die auffälligen Amischen in Nordamerika mit ihrer besonderen Kleidung, die deutschen Mennoniten in Krefeld, Hamburg oder Berlin, die sich äußerlich nicht von anderen Zeitgenossen unterscheiden. Da gibt es im Rheinland und Westfalen große Gemeinden, die aus Russland zugewandert sind und ganz eigene Lebensregeln haben und die ländlichen alten Gemeinden in Baden-Württemberg, der Pfalz und im Elsaß. Insgesamt gibt es in Deutschland etwa 40.000 Mennoniten, aber eher 100.000 Menschen Mennonitischer Abstammung.

Seit mehr als 400 Jahren gibt es Mennoniten in Schleswig–Holstein und Hamburg. Friedrichstadt an der Eider hat eine der ältesten Gemeinden Deutschlands. Die Lübecker Gemeinde ist nach dem Zweiten Weltkrieg durch Zuwanderer aus den Ostgebieten entstanden. Daneben gibt es viele Mennoniten in den USA und Canada, sowie Südamerika. Viele Mennoniten sprechen Deutsch, dann englisch und einen gemeinsamen Dialekt, das Plautdietsche, es wird sowohl in Russland, wie Paraguay, Canada und Deutschland verstanden. Viele Namen weisen auf den niederländischen Ursprung hin. Etwa die Hälfte der Mennoniten leben in Afrika und Asien und sind nicht europäischen Ursprungs. So hat sich das Bild der Mennoniten in den letzten 100 Jahren entscheidend gewandelt. http://www.mennoniten.de

Die Mennokate in Bad Oldesloe, Foto (c) H. Janzen

Titelbild: Menno Simons aus dem Buch „Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen“, herausgegeben von Ludwig Bechstein
Bild 2:  Mennokate in Bad Oldesloe, Foto (c) H. Janzen
www.mennokate.de
Bild 3: Abraham de Cooge, Kupferstich 1650: Menno Simons, Bildunterschrift: "Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. (1. Korintherbrief 3)"
Bild 4: Jacobus Burghart, Kupferstich von 1683: Menno Simons, Bildunterschrift: "Auf diesem Kupferblatt kannst Du zwar Leser lesen, von was für einem Angesicht er sei gewesen. Willst Du aber seines Geistes Gaben sehen, so musst Du unparteiisch in seine Schriften gehen. Da wirst Du zweifelsfrei den Finger Gottes merken, der diesen werten Mann beliebte zu stärken und kräftig beizustehen. Er war ein treuer Knecht im Werke seines Herrn und lebte schlecht und recht."
Bild 5: Die Mennokate in Bad Oldesloe, Foto (c) H. Janzen
www.mennokate.de

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