Dieser Artikel gehört zur Themenseite "Emanzipation der Frau"

Charlotte Roche liest aus "Feuchtgebiete" Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Stephanie Gerlich
Samstag, 8. März 2008
Charlotte Roche
Ausverkauft! Schon Tage vor Charlotte Roches Lesung im Filmhaus waren alle Karten restlos weg. Die Lübecker sind also wissbegierig und belesen, besonders wenn es um Roches Romandebüt „Feuchtgebiete“ geht. Die ehemalige Viva- Moderatorin mit dem losen Mundwerk hat ein Buch geschrieben, das polarisiert.

Es sorgte schon nach wenigen Sätzen für ausgelassene Heiterkeit beim Publikum, aber auch bei einer gutgelaunten Charlotte Roche, die mit einer Stimme und einem Ausdruck las, bei dem man meinte, die Romanheldin leibhaftig vor sich zu haben.

Der Plot ist schnell erzählt: Hauptfigur Helen Memel, jugendliche 18 Jahre, liegt im Krankenhaus, weil sie bei der Intimrasur zu grob vorgegangen war - Diagnose: Analfissur. Da sie nun viel Zeit hat, über sich und ihren Lebenslauf nachzudenken, rekapituliert sie einige Vorkommnisse aus ihrem Sexleben. Liebesleben wäre hier der falsche Begriff – Helen ist wenig romantisch und was Sex angeht nicht gerade zimperlich. Da gibt es einiges zu berichten. Auf 200 Seiten befriedigt Helen so manches Bedürfnis, nur eben selten ein emotionales. Das Scheidungskind Helen wünscht sich nichts mehr als eine heile Familie – da schreckt sie auch vor zusätzlichen Schmerzen nicht zurück.

Mit deftigem Vokabular und bizarren Szenen erzählt Charlotte Roche eine Geschichte, die sie im Grunde genommen ziemlich ernst meint. Feminismus war der Grundgedanke und die Motivation, dieses Buch zu schreiben, lässt Roche die Zuhörer im Anschluss an die Lesung wissen. Helen hat es selbst auf den Punkt gebracht: „Meine Mutter hat auf meine Muschihygiene immer großen Wert gelegt, auf die Penishygiene meines Bruders nicht. […] Aus Muschiwaschen wird bei uns zu Hause eine riesenernste Wissenschaft gemacht.“ Ist das feministisch? Ja, ist es. 40 Jahre nachdem der BH-Zwang aufgehoben wurde, plädiert Charlotte Roche für Gleichberechtigung, auch bei Hygiene und Pornografie. So eine Botschaft lässt sich schlecht in einem Sachbuch sauber und ordentlich verpacken. Da muss man schon zu drastischeren Mitteln greifen. So drastisch ist Helen aber eigentlich gar nicht. Nur etwas unsicher, wie ihr Körper so ist – auch im Vergleich zu anderen. Wenn einem das nicht erklärt wird, muss man es eben selbst ausprobieren.

Wie schreibt man aber so einen Roman? Die Frage nach dem autobiografischen Element blieb bei der Fragerunde nach der Lesung natürlich nicht aus. „Das ist ja 'ne Unverschämtheit!“ gibt sich Charlotte Roche entrüstet. (Dabei hört sie die Frage sicher oft in letzter Zeit.) Und gibt unumwunden zu, dass einiges schon aus ihrem eigenen Leben entlehnt ist. Die geschiedenen Eltern, beispielsweise. Auf Nachfrage erläutert sie auch das Verhältnis der Familie zum Buch: angefangen vom unterstützenden Mann, als sozusagen als „Leser der ersten Stunde“ fungierte, über die getrennten Eltern, mit denen sie niemals über das Buch sprechen möchte (und so nie erfahren wird, wie sie es fanden), bis hin zu ihrer Tochter, die in ein paar Jahren sicher noch darauf angesprochen wird, was Charlotte Roche heute schon ein schlechtes Gewissen verursacht.

Es ist eben ein Buch, das so manches Tabu bricht, aber in einem Tonfall, der so gar nicht „politically correct“ ist. Erst nachdem man sich die Tränen vom Lachen aus den Augen gewischt hat, merkt man, dass Charlotte Roche recht hat: Warum macht alle Welt so einen Wirbel um Pornos, Prostituierte und parfümierte Intimwaschlotion?

Kommentare von Lesern

Diesen Buchtitel klickte ich an, weil ich überzeugt war, es handle sich dabi um ein ökologisches Landschaftsthema. Diesen Spass haben sich die Autorin und ihr Werbeberater(in) sicher gerne gegönnt. So landete ich also ungesucht beim Dauerrenner Sex.
Ich habe mal Landesplanung studiert und bin ökologisch orientiert, stieß hier aber auf ein ganz anderes Thema, daß jeden Mann mal berührt haben wird. Entsprechend groß ist dann wohl auch das Interesse. Es sprengt die beruflichen und fachlichen Scheuklappen, die man hierbei getrost vergessen kann.
Hallo Charlotte, wenn du von der Muschi-Pflege berichtest, gehört auch das Mäuschen dazu. Daß es im Unterschied zu deinem Bruder auch Männer mit einer gründlichen Mäuschenpflege gibt, wird hier leider nicht erwähnt, muß aber der Gerechtigkeit wegen gesagt werden. Sonst gehe ich auf keinen Feministen-Kongress mehr. Außerdem sollte dieses wichtige Thema nicht isoliert behandelt werden, denn zur Muschi gehört auch das Mäuschen. Wer will denn ewig pupertär und introvertiert bleiben? Das Begriffspaar Muschi und Mäuschen macht klar, um was es hier oft geht: eine Katze, die mit dem Mäuschen spielen will, um es nach befriedigtem Spielgenuß zu verschlingen. Nun, ganz so schlimm ist es ja nicht. Es soll aber nicht nur eine Angst vor dem Penis bei den Mädchen geben, sondern ebenso eine Angst vor dem Verlust des Penis bei Knaben. Dies ist bei den Eunuchen ja auch begründet. Gehört dies nicht ebenso in die Diskussion um die sexuelle Gleichberechtigung? Wir können die Sexorgane nicht ändern oder sollten dies zumindest nicht tun, wie manche Kastraten es erleben mußten. Auch von dieser Schmach mancher Männer zugunsten der Macht eines vergötterten Menschen am chinesischen Kaiserhof bis vor 65 Jahren soll dabei erwähnt werden - nicht nur die ebenfalls existierende sexuelle Verstümmelung bestimmter Mädchen bei einigen Naturvolksstämmen auf irgendwelchen Ozean-Inseln, die wir wahrscheinlich niemals kennenlernen. Auch damit wird doch nur etwas hochgespielt und in andere Proportionen gebracht, um es wichtiger erscheinen zu lassen, als es im Rahmen des Ganzen heute ist.
Vor allem wenn dann noch Fiktion und Realität vermischt werden. Wo spielt die Fantasie wohl eine größere Rolle als auf diesem Gebiet.
Eher als homosexuell oder monogam kann ich mich als monosexuell bezeichnen. Dabei habe ich dem Penis einmal ein ganzes Gedicht gewidmet, so wie Salomo im 'Hohelied der Liebe' dem Busen. Aber einen ganzen Roman zu Ehren der angeblich zu kurz gekommenen Muschi zu schreiben - ich weiß nicht recht. Das hätte man sicher auch billiger haben können, doch geht es im Literaturgeschäft ja um möglichst viel Geld - wie im TV um die Einschaltquote. Das ist mir einfach zu billig geworden. Ein Roman mehr in der Palette, gut, das ist immerhin besser als der Handel mit der 'literarischen Unsterblichkeit' einiger Weniger, wie Goethe und Thomas Mann. Also weiterhin ruhig gegenan schreiben, Charlotte! Wenn du bereit bist auf einige Abstrusitäten der Tradition zu verzichten und ich dich damit interessiere, kannst du mir dies ja ruhig schreiben.

Von Helmut, am 01.04.2009 um 17:08

Auch als Mann konnte ich mich zeitweilig als einen 'Feministen' sehen. Bis ich feststellte, daß manche Femistinnen so weit gehen, dass sie in ihrer Begeisterung über das angebliche Ziel der Gleichberechtigung hinausschießen. Das finde ich dann ungerecht gegenüber Männern wie mich, die den Frauen mehr entgegengekommen als viele Feministinnen den Männern. Wenn es Schreie nach Gerechtigkeit gibt, dann soll deshalb auch mein Schrei dabei nicht überhört werden. Ein eigentlich selbstverständlicher Wunsch, auf den kein ehrlicher Mensch verzichten will.

Von Martin, am 01.04.2009 um 16:17

Was ich alles so über Autoren anscheinend heissbegehrter Romanschreiber zu hören bekomme, dreht sich mir schon im Halse herum. Um jeden Preis neu und originell zu sein zu wollen, gehört natürlich zu unsererer Zeit des schnellen Journalismus und der Wegwerf-Gewohnheit. Viele Menschen, die sich nach der Arbeit noch etwas Kulturelles ansehen wollen, sind aber gar nicht so, wie es sich viele Kulturmanager anscheinend vorstellen. Nicht alle Zuschauer und Leser sind so, sondern diese Kulturmanager sind so. Soll ich deswegen so sein, wie sie es sich wünschen? Wo kämen wir da denn hin in unserer vermeintlichen Demokratie, die doch nur Parlamentarismus mit einer Volkswahl im Jahr ist? Hier kann ich wenigstens mal meine eigene Meinung sagen. Wenn du dabei anderer Ansicht bist, melde dich also!

Von Luciano, am 31.03.2009 um 20:14

Charlotte Roche,s Darstellung, entsprechen einfach nur der Realität.

Von Klaus Augustin, am 10.02.2009 um 19:47

Das schreit ja auch nochmal nach einem Kommentar von mir, da ich mich für eine kunstpornobegeisterte Hardcorefeministin halte. Ich habe das Buch bis Seite 8 geschafft, mehr halte ich von diesem dummem Geschreibe nicht aus. Kann sein, dass ich im Rahmen des Roche-Hypes unglaubliche feministische Schlussthesen verpasse, aber ich glaube kaum. Ich finde Roches Auseinandersetzung mit Sexualität hochpupertär, skandalheischend und wenn das Scheidungskindgejammer auch noch feministisch sein soll....Tabus brechen, Hallo wach, wir leben im 21. Jahrhundert, wo nichts mehr schlimm ist. Es gibt einen Haufen viel viel besserer Bücher über gute Sexualität, die bestimmt nicht Inzest-Opfern zunahetritt.

Von Silke Rehbein, am 15.11.2008 um 01:12

Entschuldigung, aber habe ich das richtig gelesen?
Beim vorherigen Kommentator heisst es:'Inzest-Sexszenen wirklich erotisch und erregend rüberkommen'.
Das ist nicht nur pervers, sondern auch strafrechtlich verfolgbar.
Und eine zusätzliche Vergewaltigung an Inzest-Opfern.
Und so etwas bleibt hier im Blog stehen. Krank.

Von Carol, am 19.03.2008 um 23:32

Charlotte Roche ist eine sehr sympathische Frau und ihre TV-Interviews haben mich erst auf 'Feuchtgebiete' aufmerksam gemacht. Leider ist das Buch weder besonders humorvoll noch irgendwie erotisch ausgefallen. Angeblich will sie damit die letzten gesellschaftlichen Tabus brechen. Aber das haben Henry Miller ('Opus Pistorum') und Lilian Green ('Lustschrei') längst getan. Nur viel besser, da deren Natursekt-, Kaviar-, Anal-, Masturbations- und Inzest-Sexszenen wirklich erotisch und erregend rüberkommen.
'Feuchtgebiete' müsste man da im Vergleich wohl eher in 'Trockenzonen' umbenennen. Schade ... ich hatte mir mehr versprochen.

Von Betty, am 08.03.2008 um 15:01
 
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