Es sorgte schon nach wenigen Sätzen für ausgelassene Heiterkeit beim Publikum, aber auch bei einer gutgelaunten Charlotte Roche, die mit einer Stimme und einem Ausdruck las, bei dem man meinte, die Romanheldin leibhaftig vor sich zu haben.
Der Plot ist schnell erzählt: Hauptfigur Helen Memel, jugendliche 18 Jahre, liegt im Krankenhaus, weil sie bei der Intimrasur zu grob vorgegangen war - Diagnose: Analfissur. Da sie nun viel Zeit hat, über sich und ihren Lebenslauf nachzudenken, rekapituliert sie einige Vorkommnisse aus ihrem Sexleben. Liebesleben wäre hier der falsche Begriff – Helen ist wenig romantisch und was Sex angeht nicht gerade zimperlich. Da gibt es einiges zu berichten. Auf 200 Seiten befriedigt Helen so manches Bedürfnis, nur eben selten ein emotionales. Das Scheidungskind Helen wünscht sich nichts mehr als eine heile Familie – da schreckt sie auch vor zusätzlichen Schmerzen nicht zurück.
Mit deftigem Vokabular und bizarren Szenen erzählt Charlotte Roche eine Geschichte, die sie im Grunde genommen ziemlich ernst meint. Feminismus war der Grundgedanke und die Motivation, dieses
Buch zu schreiben, lässt Roche die Zuhörer im Anschluss an die Lesung wissen. Helen hat es selbst auf den Punkt gebracht: „Meine Mutter hat auf meine Muschihygiene immer großen Wert gelegt, auf die Penishygiene meines Bruders nicht. […] Aus Muschiwaschen wird bei uns zu Hause eine riesenernste Wissenschaft gemacht.“ Ist das feministisch? Ja, ist es. 40 Jahre nachdem der BH-Zwang aufgehoben wurde, plädiert Charlotte Roche für Gleichberechtigung, auch bei Hygiene und Pornografie. So eine Botschaft lässt sich schlecht in einem Sachbuch sauber und ordentlich verpacken. Da muss man schon zu drastischeren Mitteln greifen. So drastisch ist Helen aber eigentlich gar nicht. Nur etwas unsicher, wie ihr Körper so ist – auch im Vergleich zu anderen. Wenn einem das nicht erklärt wird, muss man es eben selbst ausprobieren.
Wie schreibt man aber so einen Roman? Die Frage nach dem autobiografischen Element blieb bei der Fragerunde nach der Lesung natürlich nicht aus. „Das ist ja 'ne Unverschämtheit!“ gibt sich Charlotte Roche entrüstet. (Dabei hört sie die Frage sicher oft in letzter Zeit.) Und gibt unumwunden zu, dass einiges schon aus ihrem eigenen Leben entlehnt ist. Die geschiedenen Eltern, beispielsweise. Auf Nachfrage erläutert sie auch das Verhältnis der Familie zum Buch: angefangen vom unterstützenden Mann, als sozusagen als „Leser der ersten Stunde“ fungierte, über die getrennten Eltern, mit denen sie niemals über das Buch sprechen möchte (und so nie erfahren wird, wie sie es fanden), bis hin zu ihrer Tochter, die in ein paar Jahren sicher noch darauf angesprochen wird, was Charlotte Roche heute schon ein schlechtes Gewissen verursacht.
Es ist eben ein
Buch, das so manches Tabu bricht, aber in einem Tonfall, der so gar nicht „politically correct“ ist. Erst nachdem man sich die Tränen vom Lachen aus den Augen gewischt hat, merkt man, dass Charlotte Roche recht hat: Warum macht alle Welt so einen Wirbel um Pornos, Prostituierte und parfümierte Intimwaschlotion?