Dieser Artikel gehört zur Themenseite "Umwelt"

Der lange Arm des Müllstrudels erreicht Lübeck... Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Viola Evers
Samstag, 19. März 2011
Gesammelte Müllwerke mitten auf der Trave
Da guck' sich einer dies an! Direkt vor der eigenen Haustür. Und das, wo wir doch alle Müll trennen und Gelbe Säcke benutzen. Wäre da nicht eine winterliche Eiskante gewesen, die das Treibgut mit einer kühlen Umarmung einbremste, hätte man diese Ansammlung von unidentifizierten Fluß-Objekten vielleicht gar nicht bemerkt. Es werden eben nicht nur Unmengen alter Fahrräder alljährlich aus der Trave gefischt...

Worüber gestern noch von weit, weit weg in internationalen Medien berichtet wurde, liegt jetzt also direkt auf unserer Trave. Und sie halten sich ganz keck für unbeobachtet, diese frechen kleinen Plastikteile, die sich zwischen Holzpalette und hanseatischem Traveschlick tummeln. Sollte man jetzt schon aktiv werden? Oder sich darauf verlassen, dass die Eiskante auf dem Photo bald schmilzt und den Müll endlich unbemerkt in der Ostsee verschwinden läßt, den Abfall, den man zum Beispiel auf der neuen Obertravenpromenade in den Fluß geworfen hat. Diese sehen wir, wenn, beim Spazierengehen an der Küste eh meist nur von Weitem. Und wenn man keinen Müll sieht, kann da eben auch nichts sein, sagt die dröge Nordlichtmentalität. Sofern wir nicht beim Strandspaziergang im Sommer auf das ausgewaschene und verblichene -Auslaufmodell einer Playmobil-Figur aus den 70ern oder auf die Plastikkappe einer Cola-Flasche mit Knibbelbild treten und uns so darauf aufmerksam machen, nimmt das Plastik eben den Weg über den Verzehr von Meeresfrüchten in den menschlichen Körper, kommt von der rechten Blutbahn ab, landet in den Organen und richtet so Unfug an.

Gab es früher nur zwei Artikel gleicher Art von unterschiedlichen Herstellern, so hat man heute zwischen zig Artikeln die Qual der Wahl. Ein Überangebot von Produkten (und Verpackungsmüll) ist ja ganz nett und so herrlich frei von Kompromissen, wenn einem die Waren auf den Leib geschneidert werden. Dass nebenbei der "Mini"-Trend eine neue polymere Blüte erlebt und - wie Plastik auch - in der Umwelt nicht totzukriegen ist, erschwert das Müllhaushalten noch mehr: Kleine Häppchen, hübsch und hygienisch einzeln verpackt und auf diese Weise schön mundgerecht gereicht. Dabei ißt man von den "Mini"-Produkten letztendlich viel mehr als von der 1:1-Ausgabe.

Selbst auf Reisen ist Mini ganz groß. Drogerien bieten auf Hosentaschenmaß geschrumpfte "Pröbchen" an: Handcreme, Rasierschaum, Duschgel...entweder mit der Absicht, den Marktwert zu testen oder Reisende auf Kurztrips beim Packen ihres Minimalgepäcks zu unterstützen. Da der moderne Mensch gern bequem und oft unterwegs ist, ist es natürlich praktisch, auf diese Art seinen gesamten Hausstand im Rucksack aufbewahren zu können. Die aus dem Boden sprießenden Geschenke- und Ein-Euro-Läden sind nur noch der Coup de Grâce für die heutige Umwelt. Dort gibt es Kleinkram aus aller Welt, aus Ländern, wo Plastik noch zum guten Verpackungston gehört. Viele kleine bunte Plastikdinge, die gern gekauft werden, da sie günstig sind. Und wenn sie doch nicht gefallen, tut das Wegwerfen bei dem Preis auch nicht so weh. Ein weiterer Coup für den Serienmörder Plastik.

Aber dafür ist der gelbe Sack am Ende der Woche praller. Dann lohnt es sich auch wenigstens, ihn auf die Straße zu stellen, wo dieser in Lübeck neuerdings schon wöchentlich abgeholt wird. Wie verführerisch! Dies verleitet dann auch zu mehr Müllproduktion. Würde er nur einmal monatlich abgeholt werden, würde sich der Verbraucher bestimmt mehrfach überlegen, zu welchen Produkten und Verpackungen er wirklich greift - bevor der Gelbe Sack plötzlich 80 % seines Wohnraums einnimmt.

In der Nahrungsmittelindustrie wird beim Verpackungsdesign ja durchaus schon auf Papier und Pappe wieder zurückgegriffen. Oft leider nur als schmückendes Beiwerk. Dies hat mittlerweile auch einen oh so nostalgischen Touch und suggeriert dem Kunden, dass Lebensmittel in einer von Pappe dominierten Verpackung hausgemachter und natürlicher seien. So übersieht man dann auch gern den Rest der unsterblichen Hülle, die überwiegend doch aus Plastik besteht, aber kaum registriert wird. Der gute Wille war eben da. Warum besteht dann aber die Verpackung nicht gleich komplett aus Papier? Der Mensch müßte sich dann möglicherweise öfter in Bewegung setzen, weil die Ware nicht so haltbar wäre wie in Plastik verpackt. In einer Spaßgesellschaft mit straffem Zeitmanagement hat Mutter Natur dann schnell verloren. Wer hat da noch Zeit, sich Gedanken über das Haltbarkeitsdatum und das Zeitmanagement des eigenen Gemüses zu machen?

Calling Dr. Duck! Plastikmüll in Lübeck...

Man versteht ja durchaus, dass Cremetiegel und andere Artikel für die Morgentoilette aus Plastik bestehen. Wem auf gekacheltem Boden schon mal eine Parfumflasche aus der lotionglatten Hand gerutscht ist, der kann ein schmerzverzerrtes Lied singen von der Gefahr der Scherben, die noch längere Zeit nach dem Einschlag auf dem Badezimmerboden lauern. Aber warum gibt es dann trotzdem noch Deoroller aus Glas mit Plastikkappe? Drei Zentimeter mehr an Glasmaterial, die zur Abbaubarkeit fehlen. Wundersam und wunderbar allerdings, dass viele klassische Hautcremes aus ihren Metalldosen noch nicht in Plastikdosen zwangsrelokalisiert wurden. Dann drängt aber sich gleich die Frage auf, warum Brötchentüten aus Papier Sichtfenster aus Plastikfolie brauchen? Wohl, damit das Brötchen vor dem Verzehr und dem Eintreten in die ewigen Freßgründe wenigstens noch eine letzte schöne Aussicht genießen kann.

Unter dieser sich immer enger zuziehenden Frischhaltefolie hält die Umwelt die Luft an. Und wenn der Welt-Meeresspiegel nicht durch globale Erwärmung ansteigen wird, dann doch vielleicht durch die Verdrängung, die der in den Ozeanen verklappte Plastikmüll erzeugt. Nach Schätzungen des Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU) enden jährlich 20.000 Tonnen Plastikmüll allein in der Nordsee. Davon sind mittlerweile 600.000 km³ auf den Meeresgrund gesunken.

Lassen wir uns überraschen, ob es in Lübeck neben dem Museumshafen und dem Kaisertor bald noch ein weiteres bewundernswertes und erklärungsbedürftiges Highlight auf Stadtrundfahrten rund um die Lübecker Altstadtinsel geben wird: Kunterbunter Plastikmüll, aufgetürmt an historischen Brückenpfeilern und in der Travemitte in aparten Inselformationen treibend, die der Ausflugsdampfer mit sanfter Bugwelle umschifft. Dann ist es Zeit, auch die Ansichtskarten neu zu gestalten und seinen Lieben daheim einen "Gruß aus der Plastestadt Lübeck" zu schicken.

Kommentare von Lesern
Neuer Kommentar

 
 Ihr Kommentar
Name:
E-Mail:

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)
Ich möchte bei Anworten benachrichtigt werden:
Titel:
 
Bitte den Anti-Spam-Code aus dem Bild eingeben.

3.26 Copyright (C) 2008 Compojoom.com / Copyright (C) 2007 Alain Georgette / Copyright (C) 2006 Frantisek Hliva. All rights reserved."

Dieser Text ist mir etwas wert: [?] oder

Merkzettel

Melde Dich an und merke Dir deine Termine und Artikel.

Termine

heute um 10:00
  Cornelia Funke
heute um 15:00
  Öffentliche Führung (ab 5 Pe...
heute um 17:00
  Vortrag der Förderergesellsc...
heute um 17:00
  Musizierstunde Violine
heute um 18:15
  Spuren
alle Veranstaltungen
Anzeige

Meldungen

Umfrage

Was ist euch unser Lübeck wert?
 

Buch-Rezension

Bernhard Aichner - Totenfrau
Brünhilde, auch genannt Blum ist eine junge und erfolgreiche Unternehmerin und die Hauptfigur in dem neuesten Thriller Totenfrau von Bernhard Aichner. Doch die junge Frau ist nicht Inhaberin einer soliden Boutique – ihr Geschäft ist ...
mehr...
Anzeige

Newsletter

Bleib auf dem Laufenden mit aktuellen Informationen und Veranstaltungstipps.
Name:
E-Mail:

Diesen Artikel bookmarken bei Mr. Wong Diesen Artikel bookmarken bei Webnews Diesen Artikel bookmarken bei Yigg Diesen Artikel bookmarken bei Linkarena Diesen Artikel bookmarken bei Digg Diesen Artikel bookmarken bei Del.icoi.us Diesen Artikel bookmarken bei Yahoo Diesen Artikel bookmarken bei Google

Unser Lübeck auf


Unser Lübeck wird unterstützt von



Möchten auch Sie das Projekt Unser Lübeck mit einer einmaligen oder monatlichen Spende unterstützen?
Hier finden Sie weitere Informationen.