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Rocktower 2010 - Rückblick auf alle Bands Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Loki Wehus und Majka Gerke
Montag, 5. April 2010
Gitarrist von The Devils Blood
Ostern in Lübeck bedeutet seit letztem Jahr auch Rocktower. Mit dem zweiten sogenannten „Easter Metal Festival“ etabliert sich damit eine Veranstaltung, die sich die Metal-Fans in ihre Kalender notieren sollten. Bei der Premiere im vergangenen Jahr präsentierten die Veranstalter in der Musik- und Kongresshalle (MuK) neun Bands auf einer Bühne. Dieses Jahr konnten sie die Veranstaltung entscheidend vergrößern. So gewannen sie insgesamt 20 Bands für den vierzehnstündigen Musikmarathon und holten mit dem Treibsand, dem Veranstaltungsort der alternativen Szene Lübecks, eine zweite Location ins Boot.

Eigentlich nur wenige Meter auseinander gelegen, sind es doch Welten zwischen der etwas biederen MuK und dem immer etwas abbruchreif wirkenden Treibsand. Aber beim Rocktower verschwammen die Grenzen komplett. Hervorragend organisiert und durchgeführt, lief die ganze Veranstaltung fast wie von selbst.

Den Auftakt in der MuK machte Nastrandir aus Lübeck. Sie brachten mit ihrem Mix aus Pagan und Viking Metal die zu der frühen Stunde noch recht spärlich anwesenden Leute zum Moshen. Praktisch vom ersten Ton an begann die erste Reihe der Fans mit dem Headbangen und ließ die Band nach fünfundvierzig Minuten nur ungern ziehen.

 

Deutlich Gitarrenlastiger zeigten sich die fünf Schweden von RAM. Mit krachendem Sound und der manchmal etwas zu schrillen Stimme von Sänger Oscar Carlqvist zeigte die selbsternannte beste „Kick-Ass“ Band der Welt traditionellen Heavy Metal, der beim Publikum aber eher verhaltene Reaktionen auslöste.

   

Auch Enforcer, ebenfalls aus Schweden, konnte das Publikum noch nicht komplett begeistern. Bot die Truppe mit Sänger Olof Wikstrand für die anwesenden Damen zwar einen echten Hingucker, sprang er doch wie weiland David Lee Roth in seinen besten Van Halen Zeiten mit nackter Brust und in glänzenden schwarzen Hosen und Nietengürtel über die Bühne, konnten sie mit ihren Songs wie Midnight Vice oder Into the Night nur eingeschworene Fans überzeugen.

 

Cursed Anguish eröffnete den Reigen im Treibsand. Die fünf Metaller aus Lübeck treiben seit 1999 ihr Unwesen in der Black-Metalszene. Gleich zu Beginn bekommt der randvolle Raum den Hass und Zorn der Jungs zu spüren, den sie in ihren Texten verarbeiten. Der Sänger und Gitarrist verwandelte seinen dunklen Gemütszustand in eine wütende Stimme und zeigt den Zuhörern die Abgründe einer einsamen Seele. Unterstützt wird er von einem fast apathisch wirkenden Keyboarder, der dieser drückenden Atmosphäre den nötigen Schliff gibt. Der Drummer ballerte den Rhythmus in Richtung Publikum und beim dritten Song gab auch die Menge richtig Gas und fing an zu moshen. Cursed Anguish macht Laune auf mehr, denn hier steckt Potential drin. Nach Angaben einiger Zuhörer konnte das Treibsand dem Sound der Band nicht ausreichend gerecht werden. Für diese fünf Jungs kann die Hölle aber nicht groß genug sein.

 

Die ersten Luftgitarren wurden schließlich bei Ruffians in der MuK rausgeholt. Die Kalifornier, die seit 2004 wieder in Originalbesetzung unterwegs sind, waren für viele der erste Höhepunkt des Festivals. Songs wie I believe oder Day of the Champions und das großartige Schlagzeugsolo von Luke Bowman bei Run for cover brachte die Halle zum toben.

 

Die mittlerweile in die Tage gekommenen Herren von Asmodis aus Hamburg, die im Treibsand auf der Bühne standen, zeigen beim Festival, dass sie mit ihrem Powermetal immer noch kräftig auf den Putz hauen können. Schnelle Riffs und kurze, aber deutliche Soli zeugen davon, dass auch der Spaßfaktor nicht zu kurz kommt. Lediglich der mit Zigarette auf der Bühne stehende Sänger machte manchmal einen gelangweilten Ausdruck. Vielleicht ist das auch mit ein Grund, warum die zweite Band das Treibsand nicht so richtig zum wackeln bekam. Anhänger dieses Stils kamen aber auf ihre Kosten und wissen nun auch: „Death ist certain, Asmodis not“.

Ein weiterer Höhepunkt in der MuK war sicherlich die englische Band Blitzkrieg. Sänger Brian Ross, der als einziges Gründungsmitglied seit 1980 dabei ist, überzeugt mit gewohnt kräftiger Stimme. Die sehr schlagzeugbetonten Songs wie Dark City vom Absolute Power Album von 2002 oder My life is my own zeigten, dass Blitzkrieg es auch nach 30 Jahren im Geschäft immer noch voll drauf haben.



Dass sie absolut nicht zu den Senioren gehören, zeigten Savage Grace im Treibsand. Die Speed Metal Band aus den USA, die schon Anfang der achtziger Jahre auf der Bühne stand, startet gerade ein Comeback. Mit ihrem Sound fegten sie die Zuhörer fast davon. Schnelle Riffs und brilliante Leadeinsätze wechselten sich ab.

 

Mit Omen stand am späten Nachmittag eine eigenständige, ehrliche Power Metal Band aus dem US-Staat Texas auf der Bühne des Treibsands, die schon seit den Achtziger Jahren bekannt ist. Mit seinen tiefen, klaren, aber auch erschreckend hohen Gesangspassagen zwang Sänger George Call die Zuhörer zum Mitsingen. Kenny Powell, der fast haarlose Gitarrist zeigte an seinem futuristischen Instrument, trotz zuvor angebrochenen Fingers, sein Können mit schnellen Riffs und Soli. Besonders beeindruckend war das Instrument des Bassisten in Form einer riesigen Schlachtaxt. Man kann sie mögen oder nicht, aber eins ist sicher: die sympathischen Jungs aus Texas zeigten durch ihre Bühnenpräsenz und Publikumsnähe, dass sie immer noch Spaß an der Musik haben und brachten eine anfangs träge Masse in Bewegung.

   

Eine ganz eigene Stilrichtung kreierte sich zum Beispiel Kalmah aus Finnland. Die fünf durchgeknallten Finnen mischen Trash Metal mit klirrenden Synthesizerklängen und nennen das Ganze dann „Swamp Metal“. Neben Songs aus ihrem neuen Album Gauge spielten sie auch viele ältere Titel und zogen die erst noch zaghafte Menge in ihren Bann. Der erbarmungslose Sound und die beeindruckend aggressive Stimme des Sängers Pekka Kokko riss das Publikum schließlich mit.

  

Am frühen Abend leisteten The Rods auf der Bühne der MuK ihren Beitrag zum hanseatischen Metalspektakel. Nach einem guten Start fiel nach dem zweiten Song die Technik kurzzeitig aus und die Dynamik des Heavy Metal litt etwas darunter. Das Problem wurde aber schnellstmöglich bereinigt und die entgeisterte Menge wurde von der dreiköpfigen Band wieder mitgerissen. Sänger und Gitarrist David Feinstein ging nicht gerade glimpflich mit seiner „feurigen“ Gitarre um und zaubert saubere Soli zu Tage. Als dann auch der Drummer an seinem Set zeigte, dass er kein Zauberlehrling mehr ist, wurde einem klar, das ist Heavy Metal, wie es im Lehrbuch steht.

   

Ein absoluter Höhepunkt für viele Fans war der Auftritt einer ganz besonderen Band. Wer hier zu spät die Location wechselte, hatte Pech und musste von draußen zuhören. Denn auch Van Canto aus Deutschland sind anders als andere Metal-Bands. Sie präsentieren Heavy Metal A-Capella mit fünf Stimmen und einem Schlagzeug. Die Leadsänger Sly und Inga ergänzten sich hervorragend in ihren Stimmlagen und wurden unterstützt durch Bass Ike und den beiden „Rakatakas“ Ross und Stef. Die auf diese Art präsentierten Songs hoben die Musik auf eine ganz neue Ebene. Neben Cover von Nightwishs The Wishmaster und Rebellion von Grave Digger brachten Van Canto auch eigene Songs wie z.B. One to ten. Im vollbesetzten Treibsand kam diese Mischung außerordentlich gut an. Das Publikum erwies sich als äußerst textsicher und ließ die sechs Musiker nach einer Stunde nur sehr ungern ziehen.

Als die drei Herren von Raven die Bühne der MuK eroberten, füllte sich die Halle langsam, aber stetig. Jetzt kamen die absoluten Veteranen des Heavy Metal an die Reihe, wurde die Band doch schon 1975 in England gegründet. Sänger und Bassist John Gallagher drehte völlig auf und lieferte eine perfekte Show. Dem stand Gitarrist Mark Gallagher in Nichts nach. Seine Soli kamen gewaltig, die Riffs hart und laut. Unterstützt wurden sie durch Joe Hasselvander, der seine Drums wie ein Berserker bearbeitete. Bei Songs wie Crash! Bang! Wallop!, One for all und All for one zeigte sich das Publikum erstaunlich textsicher und feierte seine Helden euphorisch.



Aggressiver Death-Metal von Endstille aus Kiel trieb die Fans um 20 Uhr in den Sand. Vier geschminkte, dunkle Gestalten verwandelten den Treibsand in ein Kriegsgebiet. Die Band zeigte, dass das Ende nicht still ist, sondern gewaltig und laut. Die brachialen Riffs und das Schlagzeug zerstörten jegliche Harmonie und der neue Sänger der Band schrie sich die Seele aus dem Leib, wenn er sie nicht schon verkauft hat. Der Song Bastard klang neben den hemmungslosen Passagen fast schon wie eine Ballade. Die erste Reihe musste eine „Biertaufe“ über sich ergehen lassen, bevor es zum nächsten akustischen Kampf kam. Es „flogen“ Hände und Haare durch den Raum und spätestens jetzt wusste man, dass die Hölle kein stiller Ort sein kann.

 

Entombed
in der MuK spielte Death Metal, gemixt mit Blues und Rock’n Roll. Die Jungs aus Schweden um Sänger L.G. Petrov waren vor allem eins – laut. Und das kam beim Publikum an, denn hier wurde gemosht wie verrückt und so manche Luftgitarre wurde geschwungen.

 

Auch unsere niederländischen Nachbarn waren vertreten und lieferten mit The Devils Blood eine außergewöhnliche und facettenreiche Band. Ihren Einfluss haben die sechs Musiker aus dem Psychedelic Rock der Siebziger und bedienen sich auch aus den Bereichen des Progressive Rock. Ihr gemeinsames Markenzeichen ist ein mit Schweineblut beschmierter Körper. Passend zu dem blutigen Ambiente war die Bühne mit rotem Licht bestrahlt, mit Kerzen geschmückt und der Rauch von Räucherstäbchen vernebelte die Luft. Headbangen war hier nicht wirklich angesagt, aber die melodischen Klänge der drei Gitarristen und die, wie in Trance wirkende Sängerin, hypnotisierten die aufmerksamen Zuhörer mit schier endlosen Klangpassagen und leider unverständlichem Gesang. Alles in allem eine etwas zu perfekte Show.

  

Zu später Stunde und als weiteres Highlight kam die junge Münchner Band Equilibrium auf die Bühne der MuK. Mit ihrem melodischen Mix aus Folk, Viking, Pagan und Black Metal begeisterten sie vor allem die jüngeren Zuschauer. Mit ihrem neuen und charismatischen Sänger Robse und dem neuen Drummer Hati ist der Band ein wirklicher Fang geglückt und das Publikum moshte quasi vom ersten Ton an.

           

Powerwolf boten mit ihrem Auftritt im Treibsand ehrlichen Power-Metal und stellten sich selbst als dunkle Priester dar, die das Evangelium verkünden wollen. Die Bühnenshow wurde mit Weihrauch und Myrrhe eröffnet, die Band gab sich publikumsnah und repräsentierte sich als richtiger Stimmungsmacher. Die deutsch-rumänische Zusammenkunft hatte einiges zu bieten. So genoss der Sänger gar eine klassische Gesangsausbildung. Ihm gefiel die Hansestadt Lübeck augenscheinlich so gut, dass er mit dem Publikum mit Weißwein in einem goldenen Kelch  darauf anstieß. Fans des Genres halten Powerwolf für eine der besten Power-Metal Bands überhaupt.

     

Der lang ersehnte Act der Trolle aus Finnland kam zu später Stunde und für viele nicht früh genug. Einige waren wahrscheinlich nur deswegen hier. Trotzdem war der Platz vor der Bühne der MuK nicht ausgereizt. Man merkte aber sofort, dass die fünf Jungs von Finntroll nicht erst seit gestern auf der Bühne stehen und mit ihrer Mischung aus Black- und Death-Metal mit traditionellen Instrumenten und Klängen eine eigene Metalstilrichtung kreiert haben. Ihr „Trollish-Metal“ ist unter anderem durch einen treibenden Rhythmus gekennzeichnet. Die Bühne harmonisierte sehr gut mit der Musik und man merkte am Publikum, dass das Warten sich gelohnt hatte. Der Sänger Mathias Lillmâns überzeugte mit seiner Stimme und man glaubte nicht, dass so ein schmächtiger Körper ein solch gewaltiges Organ darstellen kann. Ein technisches Mikrophonproblem unterbrach den energetischen Klanggewaltaustausch des Sängers für eine kurze Zeit. Nach Trollhammeren ist dieser kleine Patzer aber wieder vergessen und die Menge tanzte und moshte munter weiter.

          

Roxxcalibur
aus Rheinland Pfalz schlossen den Abend im Treibsand. Die selbsternannte "Tribute to NWOBHM Band" spielte ihre Lieblingsmusik in allen Facetten. Sie covern hauptsächlich Songs von eher unbekannten Bands dieses Genres, wie z.B. Bleak House, ARC oder Jameson Raid. Das machten sie zu der späten Stunde auch ganz hervorragend und beendeten damit ein erfolgreiches Festival.

 

Weit nach Mitternacht zogen die letzten Fans von dannen und ein müdes und nicht immer nüchternes Volk trollte sich heimwärts. Nun bleibt abzuwarten, ob auch im nächsten Jahr der Osterhase in schwarzem T-Shirt und Kutte nach Lübeck kommen wird. Man darf gespannt sein, was die Veranstalter für 2011 in petto haben.

Fotos: © Olaf Malzahn und Manfred Steger


Kommentare von Lesern
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Anthony Drago, 06.04.2010 11:57
Wir möchten hier einmal fragen, wer hier solche inkompetenten Kritiken von sich gibt? Erstens ist ASMODIS keine Power- sondern Thrashmetal Band. Zweitens ging das Publikum total auf die Jungs ab (und der Laden war voll) und drittens wirkte der Sänger keineswegs gelangweilt. Der hat sich die Seele aus dem Leib gesungen, genau wie der Rest der Band sich selbige aus dem Leib gespielt hat. ASMODIS haben 17 jahre lang nicht zusammen gespielt und haben trotz in die Jahre gekommen den Jungspunden und Grunzmetallern gezeigt wo der Hammer hängt. Metallische Grüße Anthony und Richard
Manfred Steger, 08.04.2010 11:44
Bei der Kategorie der Musik kann man sich noch streiten, aber die anderen Aussagen sind ein objektiver Tatsachenbericht. Wenn ein Sänger ein Bier nachdem anderen und einige Glimmstängel verschlingt, währenddessen ins Mikrophon prustet ist die Kritik am Sänger gerechtfertigt. Mag es der Lebensstil oder die Reunion sein, die Euch Asmodis näher bringt, nach außen wirkten Sie sehr distanziert.
JET, 08.06.2010 16:23
Wenn RUFFIANS schon der erste Höhepunkt des Festivals waren, warum fiel die Besprechung so kurz aus? Zudem, das war nicht Luke Bowman an der Drums, der ist schon ein Jahr nicht mehr dabei. Sondern der neue Drummer,ex-Laughing Dead Scott McKenzie, - nur zur Info.Ein bißchen kompetentere Recherche wäre schon angebracht!
 
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