Was für ein Abend! Der Musik Unplugged Slam im Filmhaus Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Michael Pfirrmann
Montag, 22. Februar 2010
The Winner is Game Ove
Ein ausverkaufter Kinosaal, Mikrofone und Instrumente vor der Leinwand, ein gut gelauntes Publikum in erwartungsvoller Vorfreude: Das Slam-A-Rama-Team hatte am Freitagabend wieder zum Musik Unplugged Slam geladen - und alle musikbegeisterten Lübecker, die ein Ticket ergattert hatten, machten es sich in den Kinosesseln gemütlich.

Mit einem fröhlichen „Hallo Lübeck!“ begrüßte Gastgeber Tilo Strauss denn auch kurz nach 22 Uhr das Publikum. Das Prozedere war schnell erklärt: Die acht musikalischen Acts haben jeweils sechs Minuten Zeit, mit akustischen Versionen ihrer Eigenkompositionen Eindruck zu machen. Fünf willkürlich ausgewählte Freiwillige aus dem Publikum nehmen die garantiert subjektiven(!) Bewertungen auf einer Skala von 1 bis 10 vor. Diesmal in der Jury: ein Konzert-Booker, eine Klavierspielerin, ein DSDS-Fan, ein „Sprechmusikant“ und eine Mutter zweier musikalischer Töchter.

Eine Neuerung gab es: Um Gleichständen bei der Punktevergabe entgegenzuwirken hatten sich Moderator Tilo Strauss und der Herr über „Großrechner“ und Statistik Daniel Groß kurzfristig dazu entschieden, der Jury die Möglichkeit zu geben, auch Kommazahlen zur Bewertung der Darbietungen anzeigen zu können. Mit mehr oder weniger vereinten Kräften schafften es die beiden halbwegs, das wie gewohnt drohende Chaos wortreich abzuwenden. Publikum, Jury und Moderatorenteam waren nun bereit, sich den Herausforderungen des Abends zu stellen und es konnte losgehen!

Meike Schrader

Den Anfang machte außer Konkurrenz der „Featured Artist“: Die Hamburger Songwriterin Meike Schrader stellte vier ihrer wunderbar lyrischen deutschsprachigen Songs am Piano vor. Den Abschluss ihres kurzen Sets bildete mit dem Song Hamburg mein Hafen ihre persönliche Hommage an ebendiese Stadt. Auf den gespielten Protest im Publikum bei der Ankündigung des Stückes reagierte sie mit kritischen Bemerkungen über die bürgerferne Politik der Stadt - und lenkte so die Aufmerksamkeit auch auf die leisen kritischen Zwischentöne des Stückes.

Der Wettbewerb begann mit dem Lübecker Singer/Songwriter Fab The Gap. Der insbesondere auf YouTube sehr erfolgreiche Musiker hatte mit dem emotional vorgetragenen Titel Didn’t Have Time einen schweren Stand bei der Jury. Hätte er gewusst, dass es das Slam-A-Rama-Team diesmal nicht so genau nahm mit der Zeitnahme (wo war eigentlich die obligatorische Stoppuhr?), wäre das Publikum sicher noch in den Genuss eines zweiten Songs gekommen.

Genesa
Genesa und Testosteron
legten gleich mit der heißen Popnummer Masquerade los. Die feurige Genesa hatte sich extra für den Abend „geschminkt und schick gemacht“, was dem Publikum nicht entgangen war und so stand einer gelungenen Show nichts mehr im Wege - denn die Performance war ebenfalls klasse! Das zweite Stück begann ruhiger mit einer schönen Steigerung zum Ende hin - ein gelungenes Set, dass das Publikum mitriss. Die Jury war jedoch weniger beeindruckt und hielt sich weiter bei der Punktevergabe zurück - nicht ohne Protest beim Publikum zu ernten.


Der nächste Act Madieur Julex bot Sprechgesang mit Gitarrenbegleitung. Sichtlich nervös enterten Alex und Julia die Bühne - es war ihr erster Auftritt vor Publikum! Mit dem durchaus anspruchsvollen Song Mach Dich Frei stellten sich die beiden vor - einige typische Floskeln „Yeah!“ sorgten allerdings für Erheiterung im Publikum. So hatte sich Alex das sicher nicht vorgestellt - schaffte es aber in der Mitte des Stückes grandios, sich von seinem Text zu lösen und improvisierend auf das Gelächter einzugehen - ab diesem Zeitpunkt hatte er das Publikum auf seiner Seite. So kann es eben auch laufen! Viele Punkte von der knallharten Jury waren dafür aber leider nicht zu erwarten...

Der aus der Ukraine stammende und nun in Offenbach lebende Liedermacher Ganef entpuppte sich als ein Highlight des Abends. Er pflegt ein sympathisches Kleingauner-Image - mit rauchiger Stimme und gekonntem Gitarrenspiel bot er sehr gute Unterhaltung. Nun wissen wir, dass er sein Leben mit einem weiblichen Drachen teilt, den er aber eigentlich wohl doch ganz lieb hat. Publikum und Jury waren begeistert: Es gab mit 27,6 Punkten die höchste Bewertung vor der fünfzehnminütigen Pause.

Game Ove
Der Hamburger Singer/Songwriter Game Ove eröffnete den zweiten Teil des Abends. Nachdem er am E-Piano das Intro seines ersten Songs, das er eigentlich gar nicht spielen wollte, fertig hatte, fiel ihm auf, dass er noch Schuhe anhatte, obwohl er doch lieber in Socken spielen wollte. Game Ove inszenierte vor allem sich selbst. Seine betont chaotische Art kam bei Publikum und Jury gleichermaßen gut an - da war die Musik eigentlich Nebensache... Mit 29 Punkten sollte er die höchste Bewertung des Abends bekommen!

Die Reisepoetin Lucie Völcker trug kurz vor dem Abflug nach Australien noch eine musikalische Selbstreflexion vor - mit kraftvoll schöner Stimme unterwegs, um bei sich anzukommen! Man darf gespannt sein, welche Eindrücke von Down Under sie in neuen Songs verarbeiten wird. 22,5 Punkte gab es von der Jury mit auf den Weg.

Keinen weiten Weg hatte Katriana hinter sich - nachdem die Musikerin letztes Jahr bereits am ersten Musik Unplugged Slam erfolgreich teilgenommen hatte, traf sie dieses Mal nicht so richtig den Musikgeschmack der Jury. Dem Publikum gefielen ihre zwei persönlichen und emotional vorgetragenen Songs durchaus gut.

Sehr Hamburg-lastig, dieser Slam - auch das Duo (sideways) war aus der Elbmetropole angereist. Sonja (Gesang) und Thorben (Gitarre) präsentierten zwei melancholische Popsongs. Der zweite Song Half Empty war sogar eine Weltpremiere - von der Jury gab es dafür ordentlich Punkte: 23,3 - Test gelungen!

sideways

Nachdem Daniel seinem solarbetriebenen Großrechner auch dieses Ergebnis noch abgerungen hatte, stand die Finalrunde der besten drei Teilnehmer fest: Game Ove lag vorne, dicht gefolgt von Ganef und (sideways) hatten es auch geschafft. Ganef brachte einen ernsteren Song über seine Gefühle als Musiker, der zur Unterhaltung der Truppen in Afghanistan gebucht worden war und stellte so eindrucksvoll seine Bandbreite unter Beweis. Game Ove hatte sich für ein Lied über die Zeit entschieden: „Schlafen kannst du auch, wenn du tot bist“ Die Zeit nahm er sich dann auch, jede Sekunde wurde ausgekostet - selbstverständlich braucht auch das gepflegte Chaos Zeit, sich zu entwickeln! Jury und Publikum waren angesichts der Anarchie auf der Bühne begeistert. (sideways) machten daraufhin einfach da weiter, wo sie kurz zuvor in der Qualifikationsrunde aufgehört hatten: Schöner Akustik-Pop für die Emo-Fraktion.

Wer hat sich am Ende durchgesetzt? Das Chaos lauert bekanntlich immer und überall - Tilo Strauss und Daniel Groß, die Herren über Moderation und Statistik werden wissen, was ich meine! Natürlich erreichte am Ende Game Ove die höchste Punktzahl und wurde mit dem „Goldenen Frosch auf Blümchen“ geehrt. Ganef und (sideways) sahen mit ihrem „Goldenen Schwein mit Hammer“ aber auch nicht unglücklich aus. Es hat sich wieder einmal gezeigt, was für ein Highlight der Musik Unplugged Slam im Lübecker Veranstaltungskalender ist. Unterschiedlichste Musiker treffen aufeinander, alle haben Spaß und es wird bei der gebotenen Vielfalt nie langweilig. Locker und charmant führte Gastgeber Tilo Strauss durch ein Programm, dass keine Wünsche offen ließ.








Fotos: (c) Sascha Vendt


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