Anlass für Robert Gernhardt, sich mit Lichtenberg
zeichnerisch zu befassen, war die Einladung zu einer Ausstellung im Rahmen von
Lichtenbergs 250.sten Geburtstag. Die Art des Beitrags war freigestellt – nur
gezeichnet sollte er sein. Einmal angefangen, ließ Gernhardt die Arbeit an den
Sudelblättern nicht mehr los und er schoss mit der Anzahl seiner Zeichnungen
weit über die geforderte Blattzahl hinaus. Das Ergebnis: dieses Buch. Was Gernhardt
besonders inspiriert hat, die ebenso wunderlichen wie wunderbaren Aphorismen
ins Bild zu setzen, ist die Tatsache, dass Lichtenberg oft und gern in Bildern
dachte. Wenn er schreibt: „Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte,
machte eine böse Entdeckung“, dann steckt darin, wie Gernhardt glücklich
vermerkt, bereits ein fast fertiger Cartoon.
Lichtenberg imponierte im Jahre 1770 auf einer Reise nach
England König Georg III. so sehr, dass dieser einen Brief an die
Universität Göttingen schrieb, welcher den Weg zu einer Professur Lichtenbergs
an der philosophischen Fakultät in Göttingen ebnete. Dort schrieb er, wann
immer er sich langweilte oder Muße hatte, nebenbei etwas in sein
„Schmierbuch“ z.B. so etwas: „Ja, was
ist der Mensch anders als ein verworrnes Bündel Röhren?“ Er räsoniert: „Daß die wichtigsten Dinge durch Röhren getan werden. Beweise erstlich die
Zeugungsglieder, die Schreibfeder und unser Schießgewehr (...).“ Liebe,
Kreativität und Tod als Röhrentätigkeiten – da hat man in der Tat volles Rohr zusammen, was den Menschen ausmacht. Doch wie setzt man das ins Bild? Robert
Gernhardt macht es sich schwer, denn er lässt die offensichtlich witzigsten
Aphorismen Lichtenbergs weg. Wenn der in seinen Sudelbüchern notiert: „Ein Buch
ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, dann kann freilich kein Apostel
heraus sehen“, um zu illustrieren, dass einem dummen Menschen auch mit einem
klugen Buch nicht zu helfen ist, dann illustriert Robert Gernhardt das einfach
gar nicht: „Wenn ich diese Szene nicht ins Bild gesetzt habe, dann deshalb, weil
jede Zeichnung in diesem Fall auf schlichte Bebilderung hinausgelaufen wäre
(...)“ Schlichte Bebilderungen sind es nun aber gar nicht, wonach Gernhardt
Sinn und Feder steht – stattdessen federt sein Bildsinn immer in eine Zone der
Interpretation, die mit Unerwartetem aufwartet. Wenn Lichtenberg schreibt: „Die
letzte Hand an sein Werk legen, das heißt verbrennen“, zeichnet Gernhardt einen
kohlefarbenen Kafka, der ein Zündholz an sein Manuskriptblatt hält.
Zündstoff liegt eine Menge in Lichtenbergs Reflektionen:
„Ich dank es dem lieben Gott tausendmal, daß er mich zum Atheisten hat werden
lassen“ lautet einer seiner Sudelsätze. Und: „Man wird bei allen Menschen von
Geist eine Neigung finden, sich kurz auszudrücken, geschwind zu sagen was
gesagt werden soll“, behauptet der
Physiker an anderer Stelle in naturwissenschaftlicher Vermessenheit. Gernhardt
illustriert das gerissen mit einem Tarzan, der zwischen Affe und Frau sitzend, grunzt:
„Ich Tarzan. Du Jane?“
Also: Um geschwind zu sagen, was gesagt werden soll: „Wer
zwei Paar Hosen hat, mache eines zur Geld und schaffe sich dieses Buch an.“
Robert Gernhardt: Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen - 99 Sudelblätter von Robert Gernhardt zu 99 Sudelsprüchen von
Georg Christoph Lichtenberg,
Fischer Taschenbuch Verlag, 217 Seiten
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