Robert Gernhardt "Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen“ Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Britta Koth
Mittwoch, 17. Februar 2010
„99 Sudelblätter von Robert Gernhardt zu 99 Sudelsprüchen von Georg Christoph Lichtenberg“ – so lautet der Untertitel einer Sammlung von Zeichnungen, mit denen der 2006 verstorbene Zeichner und Dichter einige der Aphorismen des 1799 verstorbenen Physikers ins Bild gesetzt hat. Auf diesen Blättern wird das zusammen geführt, was zusammen gehört, nämlich der wunderliche Witz Lichtenbergs mit dem himmelschreienden Humor Gernhardts. Was sich da zusammensudelt, ist blödelndes Bilderbuch und geistiger Höhenflug in einem.

Anlass für Robert Gernhardt, sich mit Lichtenberg zeichnerisch zu befassen, war die Einladung zu einer Ausstellung im Rahmen von Lichtenbergs 250.sten Geburtstag. Die Art des Beitrags war freigestellt – nur gezeichnet sollte er sein. Einmal angefangen, ließ Gernhardt die Arbeit an den Sudelblättern nicht mehr los und er schoss mit der Anzahl seiner Zeichnungen weit über die geforderte Blattzahl hinaus. Das Ergebnis: dieses Buch. Was Gernhardt besonders inspiriert hat, die ebenso wunderlichen wie wunderbaren Aphorismen ins Bild zu setzen, ist die Tatsache, dass Lichtenberg oft und gern in Bildern dachte. Wenn er schreibt: „Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung“, dann steckt darin, wie Gernhardt glücklich vermerkt, bereits ein fast fertiger Cartoon.

Lichtenberg imponierte im Jahre 1770 auf einer Reise nach England König Georg III. so sehr, dass dieser einen Brief an die Universität Göttingen schrieb, welcher den Weg zu einer Professur Lichtenbergs an der philosophischen Fakultät in Göttingen ebnete. Dort schrieb er, wann immer er sich langweilte oder Muße hatte, nebenbei etwas in sein „Schmierbuch“ z.B. so etwas: „Ja, was ist der Mensch anders als ein verworrnes Bündel Röhren?“ Er räsoniert: „Daß die wichtigsten Dinge durch Röhren getan werden. Beweise erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und unser Schießgewehr (...).“ Liebe, Kreativität und Tod als Röhrentätigkeiten – da hat man in der Tat volles Rohr zusammen, was den Menschen ausmacht. Doch wie setzt man das ins Bild? Robert Gernhardt macht es sich schwer, denn er lässt die offensichtlich witzigsten Aphorismen Lichtenbergs weg. Wenn der in seinen Sudelbüchern notiert: „Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, dann kann freilich kein Apostel heraus sehen“, um zu illustrieren, dass einem dummen Menschen auch mit einem klugen Buch nicht zu helfen ist, dann illustriert Robert Gernhardt das einfach gar nicht: „Wenn ich diese Szene nicht ins Bild gesetzt habe, dann deshalb, weil jede Zeichnung in diesem Fall auf schlichte Bebilderung hinausgelaufen wäre (...)“ Schlichte Bebilderungen sind es nun aber gar nicht, wonach Gernhardt Sinn und Feder steht – stattdessen federt sein Bildsinn immer in eine Zone der Interpretation, die mit Unerwartetem aufwartet. Wenn Lichtenberg schreibt: „Die letzte Hand an sein Werk legen, das heißt verbrennen“, zeichnet Gernhardt einen kohlefarbenen Kafka, der ein Zündholz an sein Manuskriptblatt hält.

Zündstoff liegt eine Menge in Lichtenbergs Reflektionen: „Ich dank es dem lieben Gott tausendmal, daß er mich zum Atheisten hat werden lassen“ lautet einer seiner Sudelsätze. Und: „Man wird bei allen Menschen von Geist eine Neigung finden, sich kurz auszudrücken, geschwind zu sagen was gesagt werden soll“,  behauptet der Physiker an anderer Stelle in naturwissenschaftlicher Vermessenheit. Gernhardt illustriert das gerissen mit einem Tarzan, der zwischen Affe und Frau sitzend, grunzt: „Ich Tarzan. Du Jane?“

Also: Um geschwind zu sagen, was gesagt werden soll: „Wer zwei Paar Hosen hat, mache eines zur Geld und schaffe sich dieses Buch an.“

Robert Gernhardt: Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen - 99 Sudelblätter von Robert Gernhardt zu 99 Sudelsprüchen von Georg Christoph Lichtenberg, Fischer Taschenbuch Verlag, 217 Seiten

     



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