Darüber improvisiert ein gewohnt versierter Gitarrenvirtuose elegant
und überraschend in immer neuen, nie kalkulierbaren Sphären. Was wie die
Einspielung eines riesigen Orchesters klingt, ist die neueste
Produktion des legendären Jazz-Gitarristen Pat Metheny:
Orchestrion. Ein Solo-Projekt, bei dem der 55-jährige amerikanische
Ausnahme-Musiker auf ein musikalisches Ungetüm zurückgreift, das aus
dem 19. Jahrhundert stammt. Ausgehend von einem mechanischen Klavier,
welches er als Kind bei seinen Großeltern in Manitowoc, Wisconsin im
Keller entdeckte. Stundenlang fütterten er und seine Cousins das
Selbstspiel-Klavier mit lochgestanzten Papierrollen, bis ihnen vom
Bedienen der Vakuumpumpe, die das Instrument zum Leben erweckte, der
Schweiß ausbrach. Früher bespielten solche mechanischen Instrumente
ganze Hotelhallen und Ballsäle. Mit der Erfindung der Schallplatte
verschwanden das Orchestrion und seine Variationen von der Bildfläche.
Heute dienen Samples und Synthesizer für diesen orchestralen Sound,
denen sich auch Pat Metheny bis dato häufig für seine früheren
Kompositionen bediente.
Mit der Wiederentdeckung des Orchestrions hat sich Metheny einen
Kindheitstraum erfüllt. Von gewieften Technikern ließ er sich eine
Spieluhr des 21.Jahrhunderts basteln, ein mechanisches Gerät, dass mit
Hilfe modernster Technik akustische Geräusche von allerlei
Schlagwerkzeug bis Gebläse erzeugen kann. Besonders die Musikwerkstatt
von Eric Singers, die "League of Electronic Musical Urban Robots" hat
ihm eine Gerätschaft zur Seite gestellt, auf der Pat Metheny klingt,
als wenn ein ganzes Orchester virtuoser Einzelkönner seine Instrumente
bedient. Obwohl auch er nur zwei Hände hat, kann er gleichzeitig
Gitarre spielen und dazu mit dem Musikroboter ein Piano, ein Vibrafon,
Marimbas, Glocken, geblasene Flaschen, Bass, Schlagzeug und diverses
anderes Percussionsgerät zum Tönen bringen. Dabei klingen die fünf Kompositionen auf der Scheibe, die sich
zwischen 7 und 15 Minuten lang entwickeln, betont entspannt, aber nie
langweilig. Zwar gibt das Ochestrion bestimmte Kompositionsparameter
vor, aber darüber ermöglicht es auch ein schier
unendliches Improvisieren und Tüfteln an neuen Sounds und
Kombinationen.
Nicht umsonst braucht so ein charismatischer und
virtuoser Könner wie Pat Metheny die freilich vorhandenen Heerscharen
hervorragender junger Gitarristen nicht zu fürchten, denn noch immer
klingen seine Einspielungen zwar einerseits eingängig und populär, doch
sind sie auch komplex und unerreicht. Tempi werden innerhalb einer
Komposition permanent variiert und bewegen sich auch dann inkonstant, wenn man vordergründig gleich bleibende Geschwindigkeiten wahrzunehmen
glaubt. Mal flirtet er in einer Ballade wie
Entry Point inspiriert
von einem lässigen Bossa-Nova-Rhythmus, dann wieder läßt er es in der
ebenfalls balladesken Nummer
Soul Search locker swingen. Trotzdem ein
Album wie aus einem Guß. Pat Metheny schafft es, einen musikalischen
Bogen zu spannen zwischen fragilen Sehnsuchtsmelodien, fast schon
süßlichen Träumereien, jazzrockiger Muskelpracht, virtuos perlenden
Gitarrensolis und elegant schaukelnden Schachtelrhythmen. Ein großer
Wurf zwischen Mensch und Maschine, der neugierig macht, wie Pat Metheny
die ganze Geschichte live rüberbringt. Wie das klingt, läßt sich beim
Auftritt am 3.März in der Hamburger Laeiszhalle überprüfen und genießen.
Pat Metheny: Orchestrion, Nonesuch (Warner), 2010
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