„Lasst uns (...) Euer Ohr bestürmen“: Die erste HAM.LIT in Hamburg Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Britta Koth
Sonntag, 7. Februar 2010
Medienbunker
HAM.LIT – das war eine Nacht lang junge Literatur und Musik in Hamburg. Am vierten Februar traf sich im Medienbunker in der Feldstraße das Konzentrat der „derzeit aufregendsten jungen deutschsprachigen Literatur und Musik (...)“

Eine Essenz, die aus 18 jungen AutorInnen bestand, die parallel auf drei Bühnen gelesen haben. Gustav & Band aus Wien und der Hamburger Gisbert zu Knyphausen waren ebenfalls zu hören. Nicht nur von bekannten auch von bisher unveröffentlichten Autoren konnte man Eindrücke bunkern. Gleich mit zu entdecken war die Schwierigkeit, bei diesem Power-Reading Aufmerksamkeit auf Dauer zu bündeln und sie und/ oder sich aufrecht zu er- oder halten.

"Was gibt’s, daß diese schweißbetriefte Eil
Die Nacht dem Tage zur Gehülfin macht?“
(William Shakespeare, Hamlet, Erster Akt – Erste Szene)

Wie war das jetzt? Finn-Ole Heinrich, Ballsaal, 19.30 Uhr, dann Kristof Magnusson, gleich im Anschluss, also 20 Uhr, ebenfalls Ballsaal, dann Turmzimmer, Donata Rigg, 20.30 Uhr – oder lieber Jan Wagner, wieder Ballsaal, auch 20.30 Uhr oder hoch ins Terrace Hill zu Alexander Gumz – nein, das ist der Moderator – zu: Stefan Beuse, oder ist der dann schon vorbei? Wie lang sind die Pausen? Was hört man auf dem Gang: Leer wird es werden im Turmzimmer, wenn die Konkurrenz so stark ist, nämlich dann, wenn im Ballsaal Clemens Meyer liest, und Friederike von Koenigswald... – oder ist das gar nicht zeitgleich? Um 21.30 – oder war das 21 Uhr? Doch jetzt liest da ja schon jemand – wer? Wo? Wenn dies der Ballsaal ist und das „Uebel & Gefährlich“ und es fängt an, dann ist das Finn-Ole Heinrich. Oder umgekehrt:: Wenn das Finn-Ole Heinrich ist, dann ist das hier der Ballsaal. Zeit der Witze heißt sein Text und – ja, dann ist es wohl Herr Heinrich. Die Freundin seines Protagonisten hatte einen Unfall, hat ein Bein verloren, und er holt sie und ihren Rollstuhl aus der Klinik ab in die gemeinsame Wohnung. Dort witzelt sich Susann durch den Alltag. Während das „Ich“ sich quält mit Selbstvorwürfen, weil es nicht mehr zurecht kommt mit dieser einbeinigen Freundin, lacht sie ihr schepperndes Lachen, witzelt, sie habe seit der Amputation neun Pfund abgenommen und kommt offenbar mit ihrer Behinderung besser klar als das nichtbehinderte Ich. Das sagt über jemanden, der zu einem geliebten Menschen so auf Distanz geht, nur weil der behindert ist: „Ich mag so einen Menschen nicht – ich bin so ein Mensch.“ Der Text klebt hautnah am Geschehen, hautnah an den Personen und hautnah an den ehemaligen „Buttermilchbeinen“ von Susann bis plötzlich: Jasper Lüdemann ins Spiel kommt und Kristof Magnusson beginnt, Das war ich nicht zu lesen. Jasper Lüdemann ist Banker und nimmt niemals Urlaub, mit seinem Blackberry turnt er in London rum und erzählt: „Zwischen 30 und 40 muss man brennen!“ Er hat es aus dem Back-Office in den Händlersaal einer Großbank in Chicago geschafft. Dass er jetzt gefeuert ist, sieht er, als ein Typ mit Krawatte vor seinem Monitor sitzt, eben weil kein anderer in seinem Händlersaal jemals eine Krawatte trägt, muss das der Typ sein, der seinen Arbeitsplatz für seinen Nachfolger neu einrichtet. Weiter geht es zu Maike Urbansky, und: Ja, das ist immer noch Kristof Magnusson, er erzählt von einer Übersetzerin, die in ein Haus auf dem Land zieht: Sie musste sich „jetzt nur noch daran gewöhnen, dass es hier richtig schön war.“ Bis zu ihrer Flucht aus Hamburg war sie mit Arthur liiert, den sie in der Haushaltswarenabteilung bei Karstadt kennen gelernt hatte und ihre Beziehung war in etwa so aufregend, wie die Pfeffer- und Salzmühlen, die sich ihre Freunde mit zunehmendem Lebensalter gegenseitig zu Weihnachten schenken, diese Freunde, die alle immerzu ins Alte Land fahren, weil...ach, da ist Donata Rigg und sie erzählt über den Bruder, den „ewigen Bruder“, den man bewundert hat, von dem man wollte, dass er groß bliebe, auch wenn er große Fehler machte und komische Sachen, wie Urin auf die Treppe träufeln, um sein Revier zu markieren und Dark Metal hören. Dieser Vorbild-Bruder wohnte in vielen WG-Zimmern und einmal wohnte er bei einer Psychologin im Ruhestand, die Katzen hatte und einen Garten, bei der er versehentlich einen falschen Strauch beschnitten hatte, woraufhin die Psychologin rief: „Ich habe den Holunder schreien hören!“ Der Bruder hat das Abitur im Rausch gemacht und nun, erfährt man, lebt er – wo? Im Wald? „Adieu, ewiger Bruder“, sagt Frau Rigg und es drängeln sich Photographen zwischen die Sitze, vor das Pult, schieben ihre Kameras den AutorInnen vors Gesicht und alle sehen aus wie Björn oder Benny von Abba, Ann Cotten kommt, die Moderatorin Ella Carina Werner freut sich, dass Lyrik soviel Zuhörer findet – Lyrik? Ein Blick ins Programmheft: tatsächlich, das ist das Turmzimmer, 21 Uhr, Ann Cotten, sie liest über trübe und unklare Gefühle, die man doch sehr klar empfindet, über Schönheit, die ein Abweichen ist und stellt die Frage, „...ob Du überhaupt noch bist – oder nur ein träumender Kuchen – viele fragen sich das zur Zeit.“ Oder ob man die Ratio wohl begehren könne. Die Ratio lebt allein, mit nur noch einer Hüfte. Man kann die Ratio nicht begehren und in das „Leid, Leid, Leid“ und das Geheul von Hühnern kommt Herr Meyer – nein, nicht er, das war nur im Vorbeigehen, Daniel Falb im Terrace Hill ist Programm-Punkt, aber bei ihm ist es zu voll, in der hintersten Reihe stehen sie gequetscht, trinken Astra und es ist offenbar lustig, denn gelacht wird, wieder runter zu Frau von Koenigswald, sie kommt schon und liest über einen One-Night-Stand mit einem Pepe, Paco, Pablo, die Person weiß es nicht, sie weiß aber: „Geschichten, die anfangen wie diese, werden keine“, dann steigt sie, die Person, ins Taxi und eilt zu einem Termin, Schnitt – eine Villa am Schlachtensee, Martin und Niko becircen erst, dann fesseln sie eine alte Dame, stecken ihr einen Gummiball in den Mund, rauben ihr Geld, ihre Gemälde, aber das alles ist ein Fake mit falschen Polizisten, nur die Schläge, die sie der alten Frau ins Gesicht geben, die waren doch echt, oder nicht? Clemens Meyer ist auch noch nicht ganz fertig – was hat er gesagt? Und wo kann man eigentlich rauchen, wenn man nicht auf dem Weg zur Dachterrasse ausgesperrt werden will, weil die Feuertür zuschlägt oder euthanasiert werden möchte im Karzinom-Room hinter Saloon-Türen, die feurig nach neuen Opfern schnappen, während man selbst schon im Rauch zugrundegeht...kein Ort, nirgends, also runter, raus, vor den Bunker, in den Nebel, wieder hoch: Der Fahrstuhl ist so schön! Und DALIBOR schon dabei, am Werk, was will er sagen? „Alle Poesie ist Materie – oder: Ich werde Koch!“ „Nun, warum auch nicht?“ fragt sich das Ich, das nichts dagegen hat, dass die Gesellschaft von einer Saftpresse ausgepresst wird, auch nicht, dass jedes Gedicht einen positiven Kern hat, um den negative Gedanken kreisen, dass es Leute gibt, die unter dem sogenannten Retroversis-Zwang leben, die mit „Tarne den Rat“ und „Lebe nie bei Nebel“ kein Problem haben, weil man sie vor- und rückwärts lesen kann, weil sie Palindrome sind, Palindrome müssen nicht zwangsläufig nur aus Buchstaben bestehen, es gibt auch Musik-Palindrome und Zahlenpalindrome, Paranoiker sehen überall, überall – ob rück- oder vorwärts, satanische Botschaften oder welche aus dem All. Und überhaupt: Diese ganzen Querverweise muss man ja erst mal raffen, die muss man ja erst Mal in die richtige Reihenfolge bekommen, die muss man ja erst mal raffen...Nicht gesehen und gehört: StefanBeuseTilmanRammstedtVerenaRossbacherFriederikeTrudzinskiMichael
EbmeyerPatrickFindeisBenjaminMaackMonikaRinckJanWagnerGustav&Band
Gisbertv.KnyphausenUlrikeAlmutSandig.

"Das starke Gift bewältigt meinen Geist. (...) Der Rest ist Schweigen.“ (William Shakespeare, Hamlet, Fünfter Akt – Zweite Szene)






Fotos:Oliver König



Kommentare von Lesern

Ja die Texte von Finn Ole sind klasse.
Wünsche Ihm er hat sich jetzt gefunden.
Den seine Filmdrehbücher waren klasse.

Von Lutz, am 08.02.2010 um 13:26
 
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