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[TV-Schau] Martin, hol schon mal den David: Über den Tatort „Vergessene Erinnerung“ Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Britta Koth
Dienstag, 2. Februar 2010
Martin Felser (Ingo Naujoks)
Am Sonntagabend sahen im Ersten 9,7 Mio. Zuschauer, wie Maria Furtwängler als Kommissarin Lindholm im Tatort in eine seltsame Situation nach der anderen geriet. Andauernd wurde sie zum Opfer: Erst ihrer eigenen Wahrnehmung, dann einer Wildsau und schließlich sogar fast das einer Drogendealerin. Merk-würdig war dieser Tatort dennoch nicht.

Charlotte Lindholm hat ja eigentlich alles im Griff. Wenn sie ermittelt, auf jeden Fall. Diesmal jedoch läuft alles schief – erst fährt sie in einen Graben, weil sie jemandem auf einer einsamen Landstraße ausweichen will, dann wird sie bewusstlos und findet sich mit einem Filmriss im Krankenhaus wieder. „Retrograde Amnesie“ lautet die Diagnose: Ihr fehlen zehn Stunden. Aber sie hat so vage Erinnerungsfetzen, die in ihrem Kopf herum treiben. Denen geht sie nach, entlässt sich selbst und es ist ihr – Überraschung! – Mitbewohner Martin, der sich um sie und ihren Sohn kümmert. Doch schon auf der Rückfahrt steigt sie aus und muss ihrem Ermittlungsdrang folgen. Martin und ihr Sohn David dürfen ohne sie weiter fahren. Sie wird von einer Wildsau attackiert aber im letzten Moment durch eine Schützin gerettet. Am Ende wird ihr Sohn entführt, sie wird jetzt von einer Drogendealerin mit der Waffe bedroht und diesmal wird sie im letzten Moment von einem Schützen gerettet. Der Zuschauer wird gleichzeitig von Sinnlosigkeit attackiert und von Langeweile bedroht – ihn aber rettet niemand.

Denn trotz der eigenwilligen Dramatik dieser Geschichte wollte keine Spannung ins Spiel kommen. Trotz des großen Bemühens um Gefühl trat rechte Rührung nicht ein. Lag es daran, dass der Plot zu preziöse daher kam? Möglich. Wahrscheinlich ist es aber einfach eine schlechte Idee, den Kühlschrank Lindholm unbedingt emotional aufheizen zu wollen. Das ist so ähnlich, als würde Clint Eastwood einen Streichelzoo leiten. Eher befremdlich als berührend. Jemand, die so frostig agiert wie die Kommissarin, ist einfach unüberzeugend, wenn sie soviel Seelenschmerz nach außen trägt. Denn wenn sie auf der idyllischen Polizeidienststelle, in der sie sich einnistet, einfach die Unterlagen auf den Boden wirft, weil sie ihren Schreibtisch frei haben will, zeigt sie nicht das Feingefühl, aus dem Altruismus erwächst.

Nicht nur den Dorfpolizisten, der ihren Krempel mit provinzieller Resignation aufhebt, macht sie zum Deppen, auch alle anderen behandelt sie mit der Sensiblität eines atlantischen Tiefdruck-Gebiets. Ihr Martin (Ingo Naujoks) ist dabei grundsätzlich General-Schussel und Faktotum in einem: Was vom Drehbuch als Darstellung einer familienpolitischen Großtat geplant war – nämlich eine alleinerziehende, beruftstätige Mutter zu zeigen, die dennoch nicht in Hektik aufgeht – wird auf seinem Rücken ausgetragen. Denn der arme, schriftstellernde Martin ist unglücklich in Charlotte verliebt und macht schon daher alles, was seine WG-Domina will. Wie Harry den Wagen, holt er schon mal den David.

Nach diesem Tatort wünscht man sich nur eines: Eine retrograde Amnesie.

Titelfoto: NDR/ Christine Schröder


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