Hobeln ohne Späne: Das Lübecker Literaturtreffen am 29. Januar 2010 Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Britta Koth
Sonntag, 31. Januar 2010
Günter Grass, (c) Helmut Preller
Sie wurde nach dem Datum ihrer Gründung benannt: Am 5. Dezember 2005 traf sich die Gruppe Lübeck 05 (auch Gruppe 05 oder Lübecker Literaturtreffen) das erste Mal. Der von Günter Grass ins Leben gerufene offene Autorenzirkel lehnte sich mit der Namensgebung an die Gruppe 47 an, die von 1947 bis 1967 bestand.

Weitere Gemeinsamkeiten sind spärlich: Im Gegensatz zur Gruppe 47 lesen beim Lübecker Zirkel nur bekannte junge Autoren, sie haben sich auf die Fahne geschrieben, das Bedürfnis nach politischer Einmischung in der jüngeren Schriftstellergeneration wachzuhalten und: Kritikern und Feuilletonisten ist die Teilnahme an den Werkstatttreffen der Gruppe nicht gestattet. Ein Einblick wird dem Publikum auch dieses Jahr gewährt. Acht AutorInnen lesen je zehn Minuten. Doch von Schweiß, Blut und Tränen des kreativen Werkstattgeschehens bekommt der Besucher nichts mit. Fast alle acht AutorInnen präsentieren gründlich gearbeitete Stücke von polierter Qualität, die, gefällig vorgetragen, hervorragende Unterhaltung bieten und überdies charmant und kurzweilig moderiert werden.

Tilman Spengler beginnt mit Sind Sie öfter hier? Ein Text, der sich mit Benimmregeln und Verstößen gegen den guten Geschmack befasst. Man erfährt, wie furchtbar Vortragende mancherorts empfangen werden: Während man an amerikanischen Universitäten begrüßt werde, als hätten dort alle ein Leben lang auf diesen Vortrag gehofft, seien es an deutschen Hochschulen die schwer aufzutreibenden Reisekosten, mit denen sich der Besucher zuerst konfrontiert sähe. Herr Spengler, phänotypisch eine misanthropische Melange aus Horst Janssen und einem großen Hirtenhund, entpuppt sich nicht nur als Anhänger guter Manieren – sein Vortrag über dieses kniggerige Thema ist knallkomisch, seine Wendungen oszillieren zwischen kabarettistischen Wortkunststücken und bitterer Beobachtungsgabe. Sie müssen oszillieren, denn: "Wer schreibt, der oszilliert auch", weiß Herr Spengler spöttisch zu berichten.

Norbert Niemann oszilliert dann aber gar nicht. Das Stück aus seinem Roman Willkommen, neue Träume hat einen bösen Techno-Sound, in dem die Gegenwartshämmer den Rhythmus stampfen: Arbeitstag auf Arbeitstag auf Arbeitstag vergeht, reisst das "Gewebe der Fristen" an einer Stelle, dann sieht man die Zeit, die ihre "eigenen Dogmen im Visier" hat. Die Gegenwart wird in dem Niemann-Text zu einer Illusion, die von neuer Gegenwart sofort zerstört wird, die, weil immer schneller in die Zukunft strebend, immer vehementer nachdrängelt. Es geht um die „Fieberkurven des Hic et Nunc“, um die Verwaltung und Verplanung auch noch des letzten Restes von Zeit. "Wie ein Rudel Ärzte das Krankenlager umstanden die Spezialisten das "Jetzt"". Und der Einzelmensch nimmt nicht einmal mehr Anteil – weil die Zeit nicht reicht. Die Zeit hat aber gereicht, um einen Eindruck von diesem packenden, kulturpessimistischen, von den Niemannschen Kiefern zermahlenen Text zu bekommen.

Dagmar Leupolds Textauszug tanzt zwischen explosiven Theorien des Terrorismus und einer naturschwärmerischen Tonlage, die reich ist an intensiven Bildern. Die Helligkeit der Nacht ist ein Briefroman, und die, welche hier miteinander korrespondieren, sind Heinrich v. Kleist und Ulrike Meinhoff – beide nicht berühmt für Friedfertigkeit. "Traum und Literatur", so Frau Leupold, "teilen die Lizenz, Chronologien über den Haufen werfen zu können." Kleist kann Ulrike daher fragen: "Hätte ich Kinder verlassen? Das ist der Brennpunkt!" Dabei kennt er die Wünschbarkeit einer solchen Idylle: "Ich habe sie ja oft genug ausgepinselt." Auch die botanische Idylle wird zum Thema: Die Lindenblüte wird beschrieben als "schönste Narkose der Welt"; "Sohlen bleiben im Lindensirup haften", die Menschen gehen benebelt und mit seligen Gesichtern. Beobachtungen, an die sich die Frage schließt: "Können meine Worte dasselbe leisten wie dieser Duft?" Leupolds Worte können das – mitten ins Schneegeschehen strömt der Honigatem einer Berliner Lindenallee.

Aus Dänemark kommt der nächste Autor, und mit seinem Manuskript ist – endlich einmal! – etwas faul. Erstens hat Knud Romers Roman noch keinen Titel und zweitens kennt er die Übersetzung ins Deutsche nicht: Er liest sie heute zum ersten Mal. Die Story: Micha ist mit seiner Familie auf einem Ozeandampfer, seine Zwillingsschwestern nerven, er sucht einen festen Ort, an dem alles ins Schwimmen geraten ist und findet es merkwürdig "in den Betten zu liegen und von einem Ozean umgeben zu sein." Beim Erwachen fühlt er sogar "Tang in den Haaren". Die Eltern fragen, ob er nicht wisse, dass er lediglich adoptiert sei? "Deine Familie, die Affen, wollen Dich zurück haben." Romers Micha ist offenbar heimatlos ohne Pathos und von lustigen Entwurzelungsgefühlen beseelt. Romers Werkstattwille tröstet über die Perfektion, die ansonsten an diesem Abend herrscht, ein wenig hinweg.

Tilman Spengler, (c) Helmut Preller

Bevor Michael Kumpfmüller kommt, gibt es eine Pause – und das ist auch gut so. Denn in seinem Text Nachricht an alle – von der Kritik bereits mit Wolfgang Koeppens Das Treibhaus verglichen – fegt er brutal in die dunklen Ecken der bundesrepublikanischen Wirklichkeit: Eine Journalistin und ein Fotograf interviewen zwei 15-jährige Mädchen aus der Ukraine, sie trefffen sie an einem Ort, an dem alles auseinander fällt, auch das Vertrauen darauf, dass schon irgendwie alles gut wird in dieser Welt. Schrott liegt herum, "übrig gebliebene Ware, die vielleicht schon Müll war". Tatjana und Tamara heißen die beiden Aussteigerinen aus dem Milieu – doch damit verlässt Kumpfmüller das Klischee auch schon. Die Mädchen habe einen "flackernden Blick", sie sind traumatisiert, gejagt von "skrupellosen Häschern" sind sie nach wenigen Wochen "innerlich erloschen". Der Fotograf Eric sagt nach dem Interview, er fühle sich wie ein Schwein. "Wie ein Mann", sagt die Journalistin. Nach diesem unerbittlichen Vortrag wundert es nicht, dass Kumpfmüller in der Gruppe als der Poltergeist gilt.

Auch bei Gerhard Köpf geht es um Männer im Hinterzimmer, allerdings um fünf ältere, schrullige Herren, die philosophieren. Käuze in Pfeffer und Salz heißt das Buch, aus dem Herr Köpf vorträgt. Gepfeffert hinein geht es in einen bizarr-britischen Text: "Salinger ist gestorben – angeblich", beginnt Köpf und das ist ja ein brandaktueller Anfang. Ein schottischer Literatur-Professor macht sich auf, um das Grab des verschwundenen Salingers, das irgendwo in einer fernen Pampa liegen soll, zu fotografieren. Er verfährt sich, klopft an die Tür eines verfallenen Gehöfts, wird von einer alten Frau mit Weizen-Whiskey abgefüllt und muss sich von ihr anhören: "Kritiker und Professoren – beide gehören zur gleichen Firma." Man findet den Besucher am nächsten Tag tot im Roggen. Aber vielleicht war das Ganze ja nur eine Whiskey-Halluzination.

Die Autorin mit dem leicht zu verwechselnden Namen Eva Menasse (er wird zu leicht gedreht in Richtung Manesse, den Namen des Verlags) liest einen Ausschnitt des Kapitels Habgier aus ihrem Werk Lässliche Todsünden – ein Titel, den Günter Grass vorgeschlagen hat. Nora hat einen Hang zum Schämen, sie hat sich schon "schreiend geschämt" und sich nie daran gewöhnt, denn "keine Blamage war wie die andere". Auch diesmal gelingt es der jungen Journalistin bei einem Interview, eine einzigartige Strecke von Peinlichkeiten hinzulegen.Sie schafft damit eine furchtbar Fallhöhe zwischen dem Bild, das sie meint, den anderen zu bieten und dem, welches sie tatsächlich abgibt. Am Ende rennt Nora als "verschmierte Irre" auf eine Toilette. Die Welt ist eben kein Puppenheim.

Günter Grass ist Experte für diese Art Wissen und seine Gedichte aus dem 1960 entstandenen Band Gleisdreieck sind in gewohnter Weise kreativ-verstörend: In der Ballade von der zerbrochenen Vase zerfällt "ein Buch in Spagat", ein Schrank springt auf, erwürgte Krawatten hängen da, im "Ofenrohr krümmt sich der Tod", eine "Flasche schnappt sich den Korken" – kein Wunder eigentlich, dass das Bild "zurück in die Heide" will. Am Ende haben sich die Streitenden wieder vertragen und "das Bett zum Abschied zerschlagen". Das Liebesgedicht, das Grass vorträgt, heißt Blutkörperchen, die letzten Verse tragen den Titel Frost und Gebiss – sie öffnen dem Winter, der seit Stunden draußen steht und wartet, endlich die Tür, und "der Husten, das Einbein, hüpft" vor Freude.

Ein weiteres Anliegen des Lübecker Literaturtreffens betonte Prof. Wißkirchen in seinen einleitenden Worten: Der regionalen Verstreuung deutscher Gegenwartsliteraten soll entgegen gewirkt werden. Wie schwierig das ist, liegt auf der Hand. Denn Kunst wie Künstler oszillieren ja auch ständig: zwischen dem stillen Kämmerlein der Produktion und dem lauten Bahnhof der Präsentation muss man sie schnell einfangen. Heute Abend ist das gelungen.

Gründungsmitglieder der Gruppe Lübeck 05 sind – neben Günter Grass – Thomas Brussig, Michael Kumpfmüller, Katja Lange-Müller, Benjamin Lebert, Eva Menasse, Matthias Politycki, Tilman Spengler und Burkhard Spinnen. Nicht nur die Diskussion laufender schriftstellerischer Projekte in Form von Werkstattgesprächen steht auf dem Plan, auch die Erörterung der aktuellen politischen Situation.Die Gruppe Lübeck 05 wird von der Kulturstiftung Hansestadt Lübeck unterstützt.






Zeichnungen: (c) Helmut Preller


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