
Astrid Färber (Hedda Gabler)
Es ist kein Stück zur Erbauung Arbeitsloser, obschon es gerade auch deren aktuelle Realität trifft. Dazu ist es zu düster und beklemmend. Gezeigt werden die Langeweile und Perspektivlosigkeit einer Frau ohne Lebensaufgabe sowie der Reiz von Gewalt und Machtmissbrauch als Ausweg, der sich wiederum als Irrweg entpuppt. Nebenbei wird an der Kälte der patriarchalischen Karrierewelt und an der Konsumgesellschaft Kritik geübt. Die Vater-Tochter-Beziehung dieses starken, unangepassten Frauencharakters aus dem Fin de siècle ist der gruselige, geheimnisvolle Hintergrund in der Inszenierung. Der Regisseur Klaus Hemmerle betont den Horror der kleinbürgerlichen Katastrophe, das Schicksalhafte. Die Handlung: Die Generalstochter Hedda Gabler hat den Wissenschaftler Jörgen Tesman geheiratet. Sie haben eine schicke Stadtvilla in Oslo bezogen und sich dafür und für Heddas Konsumwünsche hoch verschuldet, mit der Aussicht Tesmans auf eine Professorenstelle. Die Beziehung zwischen den Eheleuten erweist sich als reines Zweckbündnis und Hedda liebt ihren Mann nicht, seine Arbeit und seine Familie interessieren sie nicht. Tesman hat Hedda vor allem wegen ihrer Schönheit geheiratet und versteht sie nicht. Als der ehemalige Geliebte Heddas und Konkurrent Jörgens, Eilert Lövborg, und dessen derzeitige Partnerin, die verheiratete Thea Elvsted, in Oslo auftauchen, gerät die bürgerliche Fassade der Tesmans ins Wanken. Jörgens Professur ist ebenso gefährdet wie die Ehe. Hedda intrigiert gegen Lövborg und Thea, sie gewinnt Macht über Lövborg und zerstört sein Leben Stück für Stück. Am Ende stirbt Lövborg durch die Pistole, die Hedda ihm gegeben hat. Es ist aber nicht der heldenhafte Selbstmord, die große Tat, die sie sich erhofft hat. Sie selbst erschießt sich, als sie auch noch erfährt, dass der Richter sie mit seinem Wissen um die Herkunft der Tatwaffe erpressen kann und sie immer von ihm abhängig sein wird.
Die angenehm schlichte Bühne (Johanna Maria Burkhart) ist ein Designer-Wohnzimmer, gehalten in Himmelblau (Sehnsucht/ Freiheit?), im Zimmer dahinter, abgetrennt durch eine transparente Wand, steht ein Klavier. Große Spiegel befinden sich an den Seiten und hinten. Auch die Kostüme (Yvonne Forster) entsprechen (groß-)bürgerlicher Lebensweise und sind zeitlos modern.
Das 1891 uraufgeführte Stück des Norwegers Henrik Ibsen ist offensichtlich nur stark zusammengestrichen spielbar, so musste beispielsweise die witzige Rolle der Tante Juliane ganz dran glauben (Dramaturgie: Michael Birkner). Die erste Hälfte des Abends wirkt schauspielerisch, vor allem bei den beiden Frauen, etwas hölzern und aktivistisch. Im Film nennt man so etwas "overacting". Stellenweise wird hilflos über die Bühne gestöckelt. Das mag an Regie und Dramaturgie ebenso liegen wie an Premieren-Nervosität und dem Unwohlsein von Susanne Höhne (Thea), mit dem der Intendant persönlich zuvor die zehnminütige Verspätung entschuldigt hatte. Es gibt einige unstimmige Momente wie z. B. einen sehr langen, erotischen Kuss zwischen den Frauenfiguren, den man ihnen nicht „abnimmt“.

Astrid Färber (Hedda Gabler)
Der zweite Teil hingegen ist großartig flüssig und präzise gespielt, spannend bis zur Atemlosigkeit und dramaturgisch dicht. Da geht das Konzept auf, den fein gesponnenen psychologischen Realismus Ibsens durch Aktionen wie das Spagetti-Essen mit den Händen umzusetzen und damit etwas über die Charaktere und Beziehungen zu erzählen. Da treibt die monotone, dunkle Musik (Willi Daum als mumiensteifer General am Klavier) nicht nur Hedda, sondern auch das Publikum in Richtung Wahnsinn – beabsichtigt. Wenn Hedda am Schluss verzweifelt ihrem Vater in die Tasten greift und vergeblich Kontakt zu ihm sucht, rebellieren will, bekommt man plötzlich Mitleid mit dieser egozentrischen Figur. Die hochhackigen Schuhe, die ´zigfach auf der Bühne herumfliegen und die von beiden Frauenfiguren immer wieder anprobiert werden, sind ein wunderbares Symbol für die Suche nach Lebenssinn und Klarheit, für die beengende Frauenrolle und die Lust am Rollenwechsel. Sie zeigen auch die Widersprüche in Heddas Charakter, wenn sie zwei verschiedene Schuhe trägt. Nur das Trinken aus den Schuhen wirkt aufgesetzt.
Hedda, eine der schillerndsten großen Frauenfiguren der europäischen Theatergeschichte, ist für Schauspielerinnen wie für RegisseurInnen ein Brocken. Widersprüchlich, herzlos, kalt, äußerlich anziehend, egozentrisch, temperamentvoll, apathisch, gleichgültig, neugierig, ehrsüchtig und gefangen in Konventionen, freiheitsliebend… Ihr Spiel mit den Pistolen ihres Vaters ist ihr „Kick“ gegen die unendliche Langeweile, die sie empfindet. Schwer zu spielen, diese Rolle! Astrid Färber gibt ihr Bestes, aber zu unklar bleiben ihre Gefühle und Beziehungen im ersten Teil des Stückes. Erst im zweiten Teil kann Färber wirklich überzeugen. Ihre exaltierte, laute Hedda ist plötzlich auch manchmal weich und leise, die Figur gewinnt an emotionaler Tiefe und die wahnhaften Visionen von ihrem Vater werden ein glaubwürdiger Antrieb ihrer bösen Taten.
Thea Elvsted erscheint bei der vielseitigen Susanne Höhne als hektisch-lebhafte, sich emanzipierende Frau in einer beängstigenden Umbruchsituation. Toll gespielt wird Heddas Ehemann Tesman, den Dirk Witthuhn als dümmlich-naiven, glücklichen und gutherzigen Spießbürger darstellt – ein absoluter Gegenpol zu Hedda und auch zu dem einzigen wirklichen Wissenschaftler im Stück, Eilert Lövborg. Wie Tesman sich z. B. über die Pantoffeln von Tante Rina freut, das ist sehr komisch. Sein ständiges „- was?“ am Satzende nervt wunderbar. Auch die anderen beiden Männerfiguren werden sehr stimmig gespielt. Robert Brandt als Richter Brack gibt schön schleimig und präsent den geilen Bock, Götz von Ooyen hat von Beginn an starke Auftritte als liebender und intelligenter Lövborg, der von seinen Gefühlen und Süchten hin- und hergeschleudert wird. Feline Schleenvoigt hat in der undankbaren, zusammengestrichenen Rolle des Dienstmädchens Berte immer nur stumm aufzuräumen, was sie flink meistert.
Wer also sich nicht schrecken ließ von der anfänglichen Holprigkeit und sich einlassen konnte auf die Handlung, wurde im zweiten Teil umso mehr in den Bann gezogen. Das ist wohl bei fast allen Menschen im Publikum gelungen. Der Applaus war zwar lang, aber nicht gerade tosend. Am meisten beklatscht wurde neben Astrid Färber der Lövborg-Darsteller Götz von Oyen.
Weitere Aufführungstermine in den Kammerspielen, Theater Lübeck:
Mi 03/02/10, 20 Uhr; So 14/02/10, 18.30 Uhr; Fr 19/02/10, 20 Uhr; So 07/03/10, 16 Uhr; Sa 13/03/10, 20 Uhr








Fotos: Thorsten Wulff
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