In Schwabing, dem Künstlerviertel von München, war 1892 die
Secession zu Hause, eine Gruppe, die mit der Tradition der deutschen Kunst gebrochen hatte. Franz von Stuck war einer der Begründer und Hermann Obrist ein Wegbereiter des Jugendstils. Namhafte Maler wie Kandinsky und Paul Klee bildeten die neue Künstlergruppe
Der Blaue Reiter. Es gab in Schwabing eine Gruppe ernsthafter Revolutionäre, die sich aus Künstlern und bekannten Schriftstellern zusammensetzte und die gegen den damaligen patriarchalischen Geist in Deutschland rebellierte. Die erotische Befreiung der Frau war eines ihrer wichtigsten Themen.

Café Stefanie
In der Münchner Kneipe
Simplicissimus trafen sich die Schwabinger Künstler täglich, ebenso in dem Café
Stefanie, dem „Reichstag von Schwabing“. Hier diskutierte oder feierte man zu jeder Tages- und Nachtzeit. Erich Mühsam – ein früherer Mitschüler Thomas Manns und ein genießerischer Poet – sorgte dafür, dass die erotische Tänzerin Isadora Duncan dort auftrat und zu später Stunde ihre Hüllen fallen ließ. Mühsam meinte, man könne in München das ganze Jahr über feiern: Es begänne mit der Eis-Saison und dem Karneval, im Sommer lüden die herrlichen Biergärten zum Verweilen ein und es endete mit dem Oktoberfest auf der Theresien-Wiesn. München war eine romantische und künstlerisch hoch entwickelte Stadt ohne Großindustrie und dramatische Klassenunterschiede.
Das erste Künstlerkabarett
Die elf Scharfrichter wurde 1901 in München eröffnet. Es wurde zu einem Ort, an dem man die Tugenden des wilhelminischen Bürgers verspottete. Bruno Walter saß am Klavier, Frank Wedekind und Erich Mühsam sangen Lieder nach Texten von Hofmannsthal und Dehmel. Das
Scharfrichterlied, gesungen von elf scharlachfarbenen Masken, wurde zur Hymne von Schwabing.

Otto Gross
Die schillernste Figur der Schwabinger Runde war Dr. Otto Gross, Psychotherapeut und ein ehemaliger Lieblingsschüler Freuds. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Frauen von ihren sexuellen Ängsten und Zwängen zu befreien. Mit ihrem Einverständnis wurden sie seine Geliebten. Während Freud die Frauen durch lange Sitzungen und oftmals unnötige Operationen behandelte, schaffte es Gross in Kürze, die Patientinnen zu erotisch selbstbewussten und liebesfähigen Frauen zu machen. Seine zwei Lieblingspatientinnen waren die ungleichen Schwestern Frieda und Else v. Richthofen. Beide heirateten früh, um der patriarchalischen Struktur ihrer Herkunftsfamilie zu entfliehen. Frieda heiratete Ernest Weekley, einen Hochschuldozenten aus Nottingham. Sie bekam mit ihm zwei Kinder und wurde nicht glücklich. Immer, wenn sie angeblich ihre Eltern in Deutschland besuchte, ließ sie sich in Schwabing von Otto Gross therapieren. Frieda, die vor der Therapie einen schlampigen und unsicheren Eindruck hinterließ, blühte zu einer erotischen und selbstbewussten Frau auf. Gross erklärte Frieda, er habe schon immer von der „Frau der Zukunft“ geträumt und in Friedas Person seien seine Träume Wirklichkeit geworden. Er bat sie, mit ihren Kindern zu ihm nach München zu kommen. Es kam aber ganz anders: Frieda verliebte sich in einen Schüler ihres Mannes, in D.H. Lawrence, den späteren Verfasser der
Lady Chatterley. Mit ihm ging sie nach Schwabing – er war weniger radikal und verlässlicher als Otto Gross. Lawrence glaubte an die Ehe und an das häusliche Leben, während Gross, obwohl er verheiratet war, beides ablehnte.

Else und Frieda Richthofen
Fridas Schwester Else, eine Intellektuelle, verdiente sich schon früh als Lehrerin ihr Studium. Dadurch – und durch ihre spätere Arbeit – geriet sie in den Kreis Max Webers, den großen Heidelberger Soziologen. Er verliebte sich in sie. Es blieb aber nur bei einer kurzen Affäre, da Else mit der Frau von Max Weber eng befreundet war. Auch Else heiratet sehr jung den Sozialökonom Edgar Jaffé. Wie ihre Schwester Frieda bekam auch sie zwei Kinder und wurde nicht glücklich. Mit Otto Gross hatte sie von Anfang an sexuelle Beziehungen, die man als „therapeutisch“ bezeichnen kann. Seine Frau war eine Freundin von ihr – dennoch bekam Else mit Gross ein Kind. Von ihrem Gatten lebte sie getrennt und zog bald wieder nach Heidelberg, wo sie, nach dem Tod von Max Weber, seinen Bruder Alfred heiratete. Heidelberg war ein geistiges Zentrum dieser bewegten und frauenbewegten Zeit.
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