Vollmondgedanken Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Karin Rohner
Donnerstag, 21. Januar 2010

Und wieder such ich das Wort für Mond ...

So richtig hellsichtig wurde ich erst,
als du mir weismachtest,
besagter Vollmond leuchte nicht in Eigenregie.
Das übernähme, wie üblich, die Sonne.
Was also sucht der, den sie Mond nennen,
dort oben?
Leuchtet nicht – wärmt nicht ...

Wahrscheinlich war das Wort Mond zuerst da
und bezeichnete etwas Großes, Einmaliges,
das irgenwann starb.
Heimatlos hing der Name im Raum,
bis jemand ihn leichtfertig aussprach
beim Anblick jenes trägen Trabanten –
nennen wir ihn Mond –
auch wenn er es nicht verdient.

Vielleicht geht mir eines Nachts ein Licht auf,
und der wahre Name des Leuchtfaulen
fällt mir in den Schoß.

Am Ende müsste ich alle Himmelskörper neu benennen –
ob fremd oder selbst leuchtend –
aber das wäre nicht mein Kapitel!

Kommentare von Lesern

Klar, es gibt immer wieder noch Ungedichtetes, das gedichtet werden muss. Aber merkwürdig ist es doch, wenn aus der Erkenntnis, dass der Mond nicht 'in Eigenregie', also durchaus willentlich leuchtet, sondern angeleuchtet wird, nicht nur ein Aha-Erlebnis resultiert, sondern ihm ganz gemütlich Trägheit vorgeworfen und gefragt wird, was er da oben zu suchen habe, sein Name sei ihm zu Unrecht zugewiesen worden.

Ist die durch große und einmalige Erkenntnis leuchtende Poetin in anderen Dingen aufgeklärt? Selbstverständlich erkennen wir die Bescheidenheit an, mit der die nach solcher Erleuchtung und diesem Wissensstand nun notwendig gewordene Umbenennung aller Himmelskörper jetzt vorgenommen werden muss bzw. müsste - ob fremd oder selbst leuchtend - das Kapitel eines anderen ist bzw. wäre. Da sind die Konjuktive beruhigend!

Denn bei aller Poesie ist die fortgesetzte Anwendung und Einübung dieses mystisch-melancholischen Denkmusters auf das Universum - ob fremd oder selbst leuchtend - nicht ganz unproblematisch. Nämlich insofern es dort zwar noch mehr träge Trabanten gibt, die nicht in Eigenregie leuchten und nach dem Schema nichts 'Großes und Einmaliges' sein können, auf das 'Mond' passt, aber anderswo doch Dinger, die die Bedingung des Leuchtens in Eigenregie durchaus erfüllen, jedoch noch träger sind als die trägen Trabanten und irgendwo fix herumstehen, abhängen und nur zu faul waren zu sterben - bisher Sonnen genannt - wären das also Monde? Und das ist nur ein Problem!

Wichtiger: ist das Denkmodell übertragbar? Wo noch könnte früher etwas 'Großes und Einmaliges' gewesen sein, in dessen Anfang das Wort war? Was könnte durchaus gestorben sein? Was trägt stattdessen das Wort als seinen Namen? Wenn es das Wort 'Mensch' wäre? Wo bleibt das dazugehörige Große und Einmalige, wenn sich behaupten lässt, das, was da den Namen trägt, sei träge und werde zufällig irrtümlich Mensch genannt, bloß angeleuchtet also, denn in Eigenregie leuchte es nicht? Richtig, weil es nicht das entsprechend Große und Einmalige zu bieten hat, wird es als minderwertig erkannt. Und hat ja dann dort auch nichts zu suchen, wo entsprechend in Eigenregie leuchtendes Großes und Einmaliges hingehört.

Leider ist die Sonne ja eine gewöhnliche Taschenlampe, eine Art Leuchtagentur, die jeden trägen Hans und Franz Trabanten für die, denen man es noch nicht weisgemacht hat, wie einen Menschen erscheinen lässt. Die richtige Hellsichtigkeit greift aber immer mehr um sich. Bis man zu Recht sagen kann, es war einmal etwas Großes und Einmaliges da. Es starb. Was da jetzt oben ist, verdient den Namen nicht mehr.

Aber die Erleuchtung käme auch reichlich spät, die hatten wir schon. Die Sonne brachte es an den Tag. Zuvor war es groß und einmalig und leuchtend. Sein Name war in aller Munde. Es war nicht unser Kapitel. Als er starb hoffte man, er werde uns nicht wieder in den Schoß fallen.

Von Klingel, am 26.01.2010 um 15:43

Ein schönes Gedicht - noch schöner hätte ich es gefunden, wenn es nach 'Schoß' geendet hätte. Das Wort ist himmlischer als 'Kapitel', das nach 'Akteneinsicht' klingt. Ansonsten: Vielen Dank, Frau Rohner!

Von Britta Koth, am 21.01.2010 um 21:27
 
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