Man darf vermuten, dass auch das Gehirn von Rainald Goetz
über keinen Button mit der Funktion "Löschen" verfügt. Dennoch lautet sein erstes Motto in
Loslabern: "alles, was man weiß, vergessen" HIRN. Was folgt, sind semantische und syntaktische Erst- und Unverdautheitseindrücke: "(...)LOSLABERN: Traktat, Traktat über den Tod, über Wahn, Sex und Text, und,
erheitert von diesem soeben durch ihn hindurchgefahrenen
Expressivitätsereignis: Bericht!, der Herbst 2008!, dem davon Angestoßenen
sofort stattgegeben und es geschehen lassen, dass da also losgelabert
würde(...)".
Und dann wirft Herr Goetz die Leser ins Gewimmel und
Gedröhne der Buchmesse 2008, zwischen Unseld und Binswanger, zwischen Canetti
und Feuilleton-Redakteure, er selber "grotesk hysterifiziert" von der Idee des
Loslaberns als "Ethik der Schrift". Erst redet er das Einfach-So-Dahergelaberte
den Umstehenden als höchste Schriftmoral ein, dann springt sein Hirn-Affe über
zur Idee des Selbstmords, rast durch die Absurditäts-Äste des internationalen
Börsen- und Finanzsystems, hockt kurz beim Tod des "Lebensmenschen" Jörg Haider und so nebenbei empfangen seine Exkurs-Synapsen ein paar Sequenzen über den
Stern, die sofort heraus müssen: "(...) ich lese ja wirklich fast alles, bloß den Stern, der Stern, wie soll ich sagen, macht einfach keinen Spaß, schon beim Blättern wird man gezielt geistig abgetötet, das haben die Sternleute wirklich perfektioniert, diesen Geistesabtötungseffekt, allein durchs Blättern, von den
Texten im Stern weiß ich deshalb nichts, zu den Texten im Stern bin ich noch
nie vorgedrungen, wahrscheinlich sind die Texte unheimlich gut geschrieben
(...) aber es ist beim Stern wie bei Springer, die Krätze der Geschichte geht
nicht weg, der Stern ist und bleibt das wöchentlich neu erscheinende
Hitler-Tagebuch, egal was drin steht." Wer da Thomas Bernhard in der Goetzschen, mal mehr mal weniger kohärenten Laber-Logorrhoe zu finden meint, hat richtig gelesen: Goetz verehrt den Meister aus Österreich und hat ihm auf Seite 186 das folgende
nüchtern-fulminante Denkmal gelabert: "Das Beste aus 2008
Bernhard, Kalkwerk
Bernhard, Holzfällen
Bernhard, Alte Meister
Bernhard, Erzählungen 1
Bernhard, Erzählungen 2
Bernhard, In der Höhe
Bernhard,
In hora mortis
Halleluja, Suhrkamp"
Viel Gehirn-Gewalt des Feuilleton-Addicts Goetz geht in
konvulsivische Reflexionen über aktuelle Diskurs-Masse, viel eruptive
Erzählkraft in das Ich und seine Zustände, die Hölle der Anderen und das
panische Paradies des Miteinanders, viel pulsierende Impuls-Prosa handelt von
der Schilderung egomanen Autorentums, das dennoch ans neuronal-neurotische
Netzwerk "Kollegen" andockt. Durchschlagen werden die dichten Passagen von
beleidigenden und/oder lustigen Lockerungen wie der folgenden sympathisch-rhythmischen
Beschimpfung:
"Arschloch, Arschloch, Arschloch, Depp
Trottel, Arschloch, Blödmann, Arsch
Blödmann, Trottel, Arschloch, Depp
Arschloch, Volldepp, Blödmann, Trottel."
Nur mal so zum Beispiel.
Loslabern ist die nano-sekündlich neu erscheinende
Illusion von "Egal, wie´s drin steht", fernab vom fertigen Gedanken, oft weg
von wohlformulierten Sequenzen, in sicherer Entfernung zu uninspirierter
Interpunktion. Die Polyphrasie eines Paranoikers, dessen Sprachfluss in
euphorischen Phasen alles mitnimmt, was er kriegen kann. Ein Bewusstsein im
artifiziellen Naturzustand – sozusagen in sündiger Unschuld. Oder, um mit dem
Klappentext zu sprechen: "# totenhütte, sonnenschutz."
Wie also waren sie denn nun, die Nullerjahre? Nicht fragen - loslesen!
Rainald Goetz, „Loslabern“, 187 Seiten,
Suhrkamp 2009
Den ersten Teil von
Schlucht bildet der Tagebuch-Essay
Klage aus dem Jahr 2008.
Seite 1 von 0