Rainald Goetz "Loslabern" Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Britta Koth
Donnerstag, 21. Januar 2010
Loslabern ist der zweite Band des Buchprojektes Schlucht und damit der zweite Versuch herauszufinden, was die Nullerjahre denn für eine Zeit gewesen waren. In drei Kapiteln nimmt Goetz uns mit auf die "Reise", zum "Herbstempfang 2008" – "Der Jüngling" begegnet uns und mit ihm viele, viele Unklarheiten, die zur Zeit, die zum Text, die zur Nuller-Welt gehören. Und zu einem Sprachfluss, in den alles – Geklärtes und Ungeklärtes – ungereinigt und ungefiltert zulaufen will oder soll und vielleicht auch kann oder muss.

Man darf vermuten, dass auch das Gehirn von Rainald Goetz über keinen Button mit der Funktion "Löschen" verfügt. Dennoch lautet sein erstes Motto in Loslabern: "alles, was man weiß, vergessen" HIRN. Was folgt, sind semantische und syntaktische Erst- und Unverdautheitseindrücke: "(...)LOSLABERN: Traktat, Traktat über den Tod, über Wahn, Sex und Text, und, erheitert von diesem soeben durch ihn hindurchgefahrenen Expressivitätsereignis: Bericht!, der Herbst 2008!, dem davon Angestoßenen sofort stattgegeben und es geschehen lassen, dass da also losgelabert würde(...)".

Und dann wirft Herr Goetz die Leser ins Gewimmel und Gedröhne der Buchmesse 2008, zwischen Unseld und Binswanger, zwischen Canetti und Feuilleton-Redakteure, er selber "grotesk hysterifiziert" von der Idee des Loslaberns als "Ethik der Schrift". Erst redet er das Einfach-So-Dahergelaberte den Umstehenden als höchste Schriftmoral ein, dann springt sein Hirn-Affe über zur Idee des Selbstmords, rast durch die Absurditäts-Äste des internationalen Börsen- und Finanzsystems, hockt kurz beim Tod des "Lebensmenschen" Jörg Haider und so nebenbei empfangen seine Exkurs-Synapsen ein paar Sequenzen über den Stern, die sofort heraus müssen: "(...) ich lese ja wirklich fast alles, bloß den Stern, der Stern, wie soll ich sagen, macht einfach keinen Spaß, schon beim Blättern wird man gezielt geistig abgetötet, das haben die Sternleute wirklich perfektioniert, diesen Geistesabtötungseffekt, allein durchs Blättern, von den Texten im Stern weiß ich deshalb nichts, zu den Texten im Stern bin ich noch nie vorgedrungen, wahrscheinlich sind die Texte unheimlich gut geschrieben (...) aber es ist beim Stern wie bei Springer, die Krätze der Geschichte geht nicht weg, der Stern ist und bleibt das wöchentlich neu erscheinende Hitler-Tagebuch, egal was drin steht." Wer da Thomas Bernhard in der Goetzschen, mal mehr mal weniger kohärenten Laber-Logorrhoe zu finden meint, hat richtig gelesen: Goetz verehrt den Meister aus Österreich und hat ihm auf Seite 186 das folgende nüchtern-fulminante Denkmal gelabert: "Das Beste aus 2008

Bernhard, Kalkwerk

Bernhard, Holzfällen

Bernhard, Alte Meister

Bernhard, Erzählungen 1

Bernhard, Erzählungen 2

Bernhard, In der Höhe

Bernhard, In hora mortis

Halleluja, Suhrkamp"

Viel Gehirn-Gewalt des Feuilleton-Addicts Goetz geht in konvulsivische Reflexionen über aktuelle Diskurs-Masse, viel eruptive Erzählkraft in das Ich und seine Zustände, die Hölle der Anderen und das panische Paradies des Miteinanders, viel pulsierende Impuls-Prosa handelt von der Schilderung egomanen Autorentums, das dennoch ans neuronal-neurotische Netzwerk "Kollegen" andockt. Durchschlagen werden die dichten Passagen von beleidigenden und/oder lustigen Lockerungen wie der folgenden sympathisch-rhythmischen Beschimpfung:

"Arschloch, Arschloch, Arschloch, Depp

Trottel, Arschloch, Blödmann, Arsch

Blödmann, Trottel, Arschloch, Depp

Arschloch, Volldepp, Blödmann, Trottel."

Nur mal so zum Beispiel.

Loslabern ist die nano-sekündlich neu erscheinende Illusion von "Egal, wie´s drin steht", fernab vom fertigen Gedanken, oft weg von wohlformulierten Sequenzen, in sicherer Entfernung zu uninspirierter Interpunktion. Die Polyphrasie eines Paranoikers, dessen Sprachfluss in euphorischen Phasen alles mitnimmt, was er kriegen kann. Ein Bewusstsein im artifiziellen Naturzustand – sozusagen in sündiger Unschuld. Oder, um mit dem Klappentext zu sprechen: "# totenhütte, sonnenschutz."

Wie also waren sie denn nun, die Nullerjahre? Nicht fragen - loslesen!

Rainald Goetz, „Loslabern“, 187 Seiten, Suhrkamp 2009 

Den ersten Teil von Schlucht bildet der Tagebuch-Essay Klage aus dem Jahr 2008.

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