Interview mit Victoria B. Robinson: "Mich reizen Themen, die ausgespart werden" Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Stephanie Gerlich
Montag, 5. Oktober 2009
(c) Patrick Miller
"111 Gründe, Männer zu lieben" lautete der Titel ihres ersten Buches, in "Schanzen-Slam" widmet sich Victoria B. Robinson nun dem schönen Geschlecht. Mit Unser Lübeck sprach sie über Männer, Frauen und natürlich die Schanze.

Unser Lübeck: Mit nicht einmal 30 Jahren haben Sie bereits zwei Bücher veröffentlicht, beide befassen sich mit Frauen und Sexualität. Wann haben Sie eigentlich angefangen zu schreiben?

V. R. Robinson: Ich kann mich kaum an eine Zeit erinnern, in der ich nicht geschrieben habe. Ich habe schon als Kind Bücher verschlungen und quasi sobald ich konnte auch selbst Texte verfasst. Ich hatte schon immer einen sehr intensiven Bezug zu Worten und liebe auch fremde Sprachen. Übrigens habe ich vor kurzem auch mein drittes Buch beendet, das im nächsten Frühjahr erscheinen wird. Insofern hoffe ich, dass die Zahl sich noch um ein paar Bücher erhöhen wird, bevor ich Ende nächsten Jahres meinen 30. Geburtstag feiere.

Unser Lübeck: Was reizt Sie an dem Thema Erotik, um darüber zu schreiben?

V. R. Robinson: Mich reizen Themen, die ausgespart werden, obwohl sie da sind. Ich möchte eher eine Realität abbilden, wie ich und viele in meinem Umfeld sie erleben, ohne dabei so entscheidende Bereiche wie Sexualität und Erotik auszulassen. Das wäre für mich nicht glaubwürdig und auch nicht sinnvoll.

Unser Lübeck: In "Schanzen-Slam" beschränkt sich die Handlung nicht auf Bettgeschichten der drei Protagonistinnen. Vielmehr soll der Leser drei junge Frauen kennen lernen, die zur Schanzen-Kultur gehören. Sind die drei Prototypen der Endzwanzigerin von heute?

V. R. Robinson: Zumindest entsprechen Lea, Paula und Tine Frauen, wie ich sie immer wieder erlebe. Nach den Feedbacks von Leserinnen zu urteilen, können sich sehr viele Frauen zu einem hohen Grad mit den Figuren identifizieren - eine Frau schrieb mir, sie hätte "Schanzen-Slam" fast wie "fremd-autobiographisch" erlebt. So sehr hätte sie ihre Geschichte in meinem Roman gefunden. Diese Frau war Anfang 20. Aber ich habe auch von älteren Frauen erfahren, wie sehr sie sich in bestimmten Situationen in diesem Buch wiedergefunden haben. Darüber freue ich mich natürlich extrem, ein größeres Kompliment könnte man mir in Bezug auf das Buch gar nicht machen!

Unser Lübeck: Was macht eigentlich "die Schanzen-Kultur" aus? Seit das liebe Geld in der Schanze eine größere Rolle spielt, hat sich dort viel verändert – wie sieht für Sie das "Original" des Schanzenviertels aus?

V. R. Robinson: Ein "Original" gibt es natürlich nicht, vielmehr befindet sich ja jeder Stadtteil immer im Wandel. Im Schanzen-Viertel haben nur innerhalb kürzester Zeit Investoren und Stadtplaner die Macht übernommen und waren schon sehr erfolgreich dabei, rigoros alles aus dem Viertel zu vertreiben, was sich in einem Touristenführer nicht gut machen würde. Politische Aktivisten, Künstler, migrantische Gruppen, Arbeiter-Familien können sich nicht mehr leisten, dort zu leben, werden aus ihren Wohnungen gekündigt, die Fixer-Treffs verschwinden, die freien Kunsträume. Alles wird schick und sauber. Was nicht schick und sauber ist, muss verschwinden oder darf höchstens noch als offizieller Nachweis existenter Subkultur bleiben. Natürlich ist nicht alles schlecht, aber es ist ein sehr bedenklicher Trend, bei dem Menschen und ihre Freiheit immer wieder hinter Profitinteressen zurückstehen müssen.

Unser Lübeck: Am Anfang und (fast) am Ende des Buches steht ein Poetry Slam. Warum begeistern sich die drei Mädels ausgerechnet für Poetry?

V. R. Robinson: Erstmal begeistert sich ja nur Lea für Poetry Slams und schleppt die anderen beiden mit. Sie findet es toll, wenn andere ihre Gefühle mit Worten ausdrücken können, weil sie es selbst nicht kann. Und natürlich will sie den Moderator Dave sehen, mit dem sie sich ja seit einem Seitensprung eine gemeinsame Zukunft vorstellt.

Unser Lübeck: Während Lea, Tine und Paula wohl recht vorbildhaft für ihre Generation sind, sind einige der auftretenden Herren ja nicht so gut weggekommen, z.B. Durchhänge-Kiffer Kevin oder Porno-Style-Max, beide eher Rüpel im Bett. Was macht Männer denn wirklich sexy? Sind komplett rasierte Typen mit goldenen Vanillekondomen wie Macho Ole das Nonplusultra für die Mädels?

V. R. Robinson: Haha, ja, Ole ist sicherlich nicht der Prototyp, mit dem eine Frau unbedingt ihr Leben teilen will, aber für den Part, den er meisterhaft erfüllt, ganz gut zu gebrauchen. Für mich sind Männer sexy, die selbstsicher und klar sind. Die sich um ihre Männlichkeit keine Sorgen machen und deshalb auch ihre sanften Seiten zeigen können. Eine rasierte Brust birgt zudem immer das Risiko von sehr unangenehmen Stoppeln, das wäre also nicht meine erste Wahl. So ganz ohne Macken sind meine Frauen aber auch nicht, sie haben Ängste, Zweifel und zum Teil fragwürdige Wege, damit umzugehen. Zumindest anfangs sind sie auch nicht alle ganz ehrlich zu sich selbst und auch zueinander - das finde ich nicht vorbildhaft. Zum Vorbild werden sie vielleicht erst dann, wenn sie sich trauen, Risiken einzugehen, neue Dinge zu probieren, ihrer Intuition zu folgen.

Unser Lübeck: Muss frau den richtigen Mann finden, um ihr Leben auf Kurs zu bringen?

V. R. Robinson: Absolut nicht. Sie muss sich selbst finden, und dazu braucht es definitiv keinen Mann. Oder vielleicht braucht es einen und dann immer wieder einen Doppelgänger davon, damit frau merkt, dass sie am Ende selbst ihre Probleme lösen muss und nicht auf den Prinz in schimmernder Rüstung warten sollte, der das für sie erledigt. Aber eine stabile, liebevolle Beziehung schadet sicherlich auch nicht.

Unser Lübeck: Lea, Tine und Paula schaffen es letztlich, sich selbst zu finden – Kerl hin oder her - und ihrer Zukunft ein Ziel zu geben. Was haben Sie für die Zukunft geplant?

V. R. Robinson: Ich mache momentan eine dreijährige Ausbildung zum Life Coach und fliege dafür zehnmal jährlich in die USA. Ich werde weiterhin mit Jugendlichen arbeiten und mit Menschen jeden Alters, die Diskriminierungserfahrungen machen und Wege finden müssen, ihr Leben souverän zu meistern, zum Beispiel auch in Poetry-Workshops. Abgesehen davon schreibe ich weiterhin Bücher, mache Spoken Word Poetry, moderiere und engagiere mich immer da, wo ich Ungerechtigkeiten sehe. Familie hätte ich auch gerne, aber das kann auch nach meinem 30. Geburtstag passieren. Vielleicht nach dem fünften Buch oder so...

Wir danken Frau Robinson für dieses Interview und wünschen viel Erfolg auch mit Buch Nummer 3. Infos von und über die Autorin finden sich auf ihrer Homepage.

Zum Büchertipp "Schanzen-Slam"

Fotos: © Patrick Miller

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