Eisig ist König Philipp, mit klirrender Kälte gespielt von Götz van Ooyen: Ein böser Vater, der seinen Sohn opfert, weil ihn die Macht hat erkalten lassen – aber doch versehen mit einem Schmelzpunkt, wenn er wankt und hadert. Eine magische Melange aus Zartheit und Zorn zeigt Nele Ziebarth als seine Gattin Elisabeth: Angebetet vom eigenen Stiefsohn Don Karlos, umringt von Verrätern, oszilliert sie zwischen Pflicht und Neigung, zwischen Opfer und Diva. Auch Gutmensch, Freund Don Karlos´ und alter ego Schillers, der Marquis von Posa, erhält durch Thomas Gräßle das richtige Pathos, wenn er den Verkrustungen am Hof die Zähne zeigt, wenn er ruft: „Geh´n Sie Europens Königen voran. Ein Federzug von dieser Hand und neu erschaffen wird die Erde! Geben Sie Gedankenfreiheit!“
Ein Ruf, der nur ins Nichts gehen kann, sieht man die Mafia-Miene des Herzog Alba (ebenso mistig wie minimalistisch: Till Bauer) und die frettchenhafte Fratze eines Domingo (faszinierend fies: Andreas Hutzel). Die Hof-Damen als Heidi-Klum-Klone auftreten zu lassen, denen Form alles ist, macht Repräsentation wie Präsentation zu nichts als possenhaftem Posieren und ist damit ein Regie-Kunststück, das ebenso zündet wie die Idee, die Damen hin und wieder die Beine werfen zu lassen wie die Lipizzaner in der Spanischen Hofreitschule. Denn die geballte Dämonie der Inszenierung – zusammen mit der akustischen Aggression von Felix Hubers Musik – braucht diesen Humor, um nicht ebenso zu verkrusten wie die Etikette am Königshof.
Überhaupt: Diese Hofdamen! Die Mondekar und die Olivarez sind von bösartiger Eleganz (Chapeau Herr Thiele, Frau Beeli und Frau Wasle!) und himmlisch, was für einen sahnigen Schimmer Anne Schramm als Prinzessin Eboli in die Ebenholz-Welt der Bösewichte bringt – auch wenn sie hin und wieder zu fett aufträgt und dicht am Kitsch vorbeischrammt. Das gilt, hier nun zum Schluss genannt und doch zuallererst vom Prinzen selbst, von Don Karlos: Als Prinz ist Florian Hacke ein Kerl mit einer Spur von Schnösel, ein Infant mit infantilem Einschlag, bisschen Bursche, bisschen Benjamin v. Stuckrad-Barre; das ist gut so – aber: Er will zuviel! Er schauspielt, dass die Wände wackeln und es ist nun einmal so: Zuviel Action ermüdet auch den muntersten Zuhörer. Drama kommt auch bei weniger Dezibel rüber. Ist nichts Neues, aber mitunter nützen ja auch alte Wahrheiten. Siehe Friedrich Schillers „Don Karlos“ in den Lübecker Kammerspielen.



Fotos: © Thorsten Wulff
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