„Feind ist, wer anders denkt“ - Ausstellung zur Geschichte der Stasi eröffnet Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Stephanie Gerlich
Freitag, 4. September 2009
Bernd Saxe und Dr. Helge Heidemeyer
“Firma Horch & Guck“ wurde sie in der DDR hinter vorgehaltener Hand gerne genannt – geläufiger ist „Stasi“. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) hatte viele Namen, ein Mysterium ist es für die allermeisten jedoch geblieben. Nun kann man sich in der Katharinenkirche mittels einer Wanderausstellung über den Apparat des SED-Regimes informieren, der Inbegriff des Überwachungsstaates und der sozialistischen Unrechtsherrschaft war.

Am 3. September wurde die Ausstellung eröffnet, neben Caroline Schwarz (Beauftragte für Minderheiten und Kultur des Landes S-H) waren auch Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe und Dr. Helge Heidemeyer anwesend.

Dr. Helge Heidemeyer vertrat die „Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“ Marianne Birthler. Als Leiter der Abteilung Bildung und Forschung der Behörde mit dem sperrigen Namen (die kurz BStU genannt wird oder nach ihrer Chefin „Birthler-Behörde“) war er an der Konzipierung der neuen Wanderausstellung „Feind ist, wer anders denkt“ beteiligt, die 2008 die frühere Ausstellung zur Stasi-Geschichte ablöste und umriss kurz die wesentlichen Bestandteile und Absichten der Schau.

Heidemeyers Hauptanliegen ist es, besonders die Bewohner der alten Bundesländer über dieses düstere Kapitel der DDR-Geschichte zu informieren. Auch 20 Jahre nach der Wende, der friedlichen Revolution der östlichen Landsleute, ist bei den Menschen diesseits der ehemaligen Grenze wenig Genaues bekannt über die Geheimpolizei, die in der Lage war, mit etwa 173.000 „inoffiziellen Mitarbeitern“ Hunderttausende zu bespitzeln und nicht selten die Unbeugsamen und Oppositionellen in die Enge zu drängen, mit Repressalien zu belegen oder sie schlicht zu inhaftieren.

So gliedert sich die Ausstellung „Feind ist, wer anders denkt“ in drei Themenbereiche: Zum einen informiert eine Zeitleiste über wichtige Ereignisse in der DDR-Historie. Schautafeln erklären, wie der Apparat des MfS funktionierte und operierte. Dieser Teil lässt die Täter nicht außen vor. Neben Hauptverantwortlichen wie Erich Mielke (Minister für Staatssicherheit) und Alexander Schalck-Golodkowski (Generalleutnant und Staatssekretär) werden auch einige „gewöhnliche“ Mitarbeiter im Dienste der Geheimpolizei porträtiert.

Schließlich verdeutlichen 13 „Biografen“ die Lebensläufe derer, die ins Visier der Stasi geraten waren. Ausgewählt wurden dazu, so Heidemeyer, absichtlich nicht nur prominente Opfer wie Wolf Biermann, Robert Havemann und Jürgen Fuchs, sondern Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft und jeden Alters. Ihre Lebensgeschichte, zusammen mit einigen Audio- und Videosequenzen, gibt der Ausstellung erst ihren persönlich berührenden Charakter. Es ist ohne diese Biografien schwer vorstellbar, was wohl in den (von DDR-Bürgerrechtlern beispielhaft geretteten) 112 Kilometern Schriftgut, 1,4 Millionen Fotos, 39 Millionen Karteikarten und 15.500 Säcken zerrissenen Materials steckt, das das Leben von Tausenden so einschneidend veränderte.

Die Vorstellung, dass ein bissiges Polit-Graffiti die Hoffnung auf einen Studienplatz ein für alle Mal beenden könnte, verdeutlicht mehr über die Arbeit des MfS und das Leben in der sozialistischen Republik ohne demokratische Legitimation, als es die nüchtern-sachlichen Schautafeln alleine könnten.

Um den Besuchern Fragen beantworten zu können, sind täglich zwei Mitarbeiter der BStU vor Ort. Sie helfen auch, Anträge auf Akteneinsicht auszufüllen, die dort kostenlos und unproblematisch gestellt werden können. Auf Wunsch werden auch kostenlose Führungen angeboten. Diese dauern ca. eine Stunde und können telefonisch unter 0451-122 4180 oder per Fax unter 0451-122 4106 vereinbart werden.

Der Besuch der Ausstellung „Feind ist, wer anders denkt“ ist ebenfalls kostenlos und Di - So von 10 bis 17 Uhr in der Katharinenkirche (Königstraße, Ecke Glockengießerstraße) möglich.

Es bleibt zu hoffen, dass möglichst viele Lübecker die Gelegenheit bis zum 27. September wahrnehmen, ihr Wissen zu erweitern über ein Stück Geschichte, das durch die Wiedervereinigung zum gemeinsamen hätte werden sollen. Nach 20 Jahren wird es langsam Zeit, ein Land zu werden mit einer gemeinsamen Historie ohne Ausblenden.

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