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Von Stephanie Gerlich
Donnerstag, 2. Juli 2009
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Und doch haben Sie diesen Artikel angeklickt, um mehr zu erfahren. Neugier hat gesiegt. Was sollte hier verschwiegen werden? Die Fragen stellt sich in den Medien täglich - quasi als Pendant zu der Frage, was berichtet werden muss.

Muss die Öffentlichkeit über alles Bescheid wissen? Und in welchem Umfang, in welcher Art und Weise? Drei Beispiele, die eigentlich kaum einen gemeinsamen Kontext haben als ihre Reflektion in den Medien, sollen hier angesprochen werden. Gemeinsam ist ihnen, dass ihre Publizierung Fragen und Probleme aufwirft. Ethik, Pietät, Rücksicht und Feingefühl spielen dabei eine Rolle. Aber das Schlagwort lautet Pressefreiheit. Es gibt reihenweise Länder auf der Welt, in denen es um die Pressefreiheit weit schlechter bestellt ist als in Deutschland. Aber was darf und muss an die Leserschaft, den mündigen Leser und Bürger, gebracht werden, und was nicht?

Der Tod vom „King of Pop“ Michael Jackson
Zweifelsohne war Michael Jackson zu Lebzeiten jemand, der sich gerne fürs Blitzlicht inszeniert hat. Wenige Menschen glauben, dass sein Gesicht nur durch Operationen nach einem Unfall bei einer Fotosession chirurgisch verändert wurde und einer Hautkrankheit namens Vitiligo seine helle Farbe verdankt. Aber darf man am Tag nach seinem Tode titeln mit „Das monströse Genie“ ? Die Metamorphose des Gesichts hat vielleicht etwas Gruseliges, aber in Anbetracht der Situation ist eine solche Überschrift eher reißerisch als angemessen (siehe Quersprung von Oliver König ). Aber wen hat die Headline so wütend gemacht? Vermutlich nicht Jacko selbst, denn er hat sie nicht gelesen. Seine Familie unterdessen scheint recht beschäftigt mit den Ansprüchen auf das Sorgerecht für seine Erben und der optimalen Vermarktung des Begräbnisses. Hollywood überschlägt sich gerade in rührender Betroffenheit. Um den Verstand gebracht: die Fans in Trauer. Dabei kannten nur die allerwenigsten von ihnen den Star persönlich. Die überwiegende Mehrheit kannte nur einen: Jacko, wie er sich vor den Medien gab. Die Presse hatte ihn zum Star gemacht. Was man vom King of Pop weiß, hat man in Magazinen gelesen. Doch das Idol ist sterblich, sein Tod genau wie sein Leben - Futter für die Presse. Zu Lebzeiten hatte Jackson daran verdient, nun sind es die anderen, die aus seinem Tod Kapital schlagen, egal wie schmutzig.

Der Schweigepakt und die Wiki-Gemeinde
Und wieder war es Spiegel Online , wo dieser Tage ein interessanter Artikel zum Thema „Reden ist Silber“ zu lesen war. Ein Journalist, der in Afghanistan entführt worden war, ist nach Monaten der Geiselhaft frei gekommen. Sein Blatt, die New York Times, hatte seine Entführung in Absprache mit zahlreichen anderen Redaktionen geheim gehalten. Durch den völligen Mangel an medialem Interesse war der Reporter für seine Kidnapper weitgehend wertlos geworden. Allein die Community von Wikipedia, wo man von der Geschichte Wind bekommen hatte, war entsetzt. Man muss doch über alles schreiben dürfen! Ungeachtet von Gefahren für Leib und Leben! Auch des Lebens eines Dritten. Nun wird niemand jemals herausfinden, was passiert wäre, wenn die Nachricht des Kidnappings um die Welt gegangen wäre. Die schönste Nachricht ist doch, dass der Journalist und auch seine Begleiter am Leben geblieben sind. Der interessante Punkt an dieser Story ist, dass es auch in diesem Haifischbecken eine Form von Ethos gibt. Diejenige Redaktion, die aus der Reihe geschert wäre und die Nachricht der Entführung als Einzige gebracht hätte, hätte damit die Auflage erhöhen und rasante Umsätze in flauen Zeiten machen können. Doch alle haben sich an das Versprechen gehalten – sogar die transparente Wikipedia-Community hat eine Verbreitung der Nachricht unterbunden. Ein Verstoß gegen ihren Grundsatz der völligen Pressefreiheit oder ein vernünftiger Akt der Selbstzensur, der letzten Endes Menschen vor einem brutalen Tod bewahrte? Sicher ist, dass Journalisten oft mehr wissen als sie schreiben – manchmal weil sie auf den richtigen Moment der Veröffentlichung mit maximalem Profit warten, gelegentlich aber auch weil sie sehr wohl ein Gefühl für Ethik besitzen. Pressefreiheit bedeutet nicht, dass über alles geschrieben werden muss.

Ein Festival ohne Berichterstattung
Die meisten Veranstalter sind recht dankbar, wenn in den Medien über ihr Event berichtet wird. Selbst negative Presse bedeutet immerhin Aufmerksamkeit – darf man nie vernachlässigen. Es gibt aber auch solche, die wollen die schreibende und knipsende Zunft nicht so gerne auf ihrem Gelände sehen. Berichterstattung nicht erwünscht, Presse-Akkreditierungen schon gleich gar nicht. Man ist alternativ und unkommerziell. Unkommerziell bedeutet hier auch: Presse = Sensationsgeilheit = Penunse – Rubel rollen – pekuniäre Interessen. Auch ohne Promotion ist das Festival so gut besucht, dass es aus allen Nähten platzt und seiner Gästezahlen kaum noch Herr wird, Nebenwirkungen wie der Run auf die Toiletten stellen sich automatisch ein. Was bleibt, ist der Nachgeschmack, dass es hier etwas gibt, das in der Öffentlichkeit nicht besprochen werden soll. Sofort denkt man an Negatives. Über die schönen Seiten eines Festivals gibt es ja kaum etwas zu verschweigen. Ausufernde Gästezahlen bekommt man üblicherweise mit Limitierungen beim Ticketverkauf in den Griff. Alte Regel: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Was ist da also das weltanschauliche Problem?

Drei Beispiele für die Untiefen von Pressefreiheit und Ethik/ Moral/ Feingefühl. Es bleibt die Frage: Worüber muss man berichten? Wo hält man sich zurück? Aus Sicht des Kontostandes ist die Antwort simpel: Wo die anderen zurückschrecken, ist Aktivität angesagt. Die Bild-Zeitung schwört auf dieses Prinzip und ist seit Jahren erfolgreich damit. Verantwortung ist anders, bedeutet ein tägliches Abwägen zwischen den Interessen und Belangen Einzelner und dem Recht auf Information der Masse. Michael Jackson ist tot, David Rohde lebt, und das ungenannte Festival findet sicher auch nächstes Jahr wieder statt. Das Für und Wider des Publizierens tangiert auch die Unser Lübeck-Redaktion oft genug. Entscheidungen können nie pauschalisiert werden, jede Situation ist ein Einzelfall und muss wie einer behandelt werden. Pauschale Antworten gibt es deshalb hier und heute nicht.

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Kommentare von Lesern

Na, dann mal los!

Von Leonie, am 06.07.2009 um 07:06
 
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