"Die Kurve" - der stille Wahnsinn ist wieder da Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Stephanie Gerlich
Samstag, 27. Juni 2009
Vor beinahe 50 Jahren, genauer am 26. März 1960, feierte "Die Kurve" von Tankred Dorst ihre Uraufführung am Theater Lübeck unter der Regie von Hansjörg Utzerath. 49 Jahre und drei Monate später ist diese Farce voller Morbidität beim theater stiller wahnsinn lübeck noch frisch wie am ersten Tag.

Es war das erste Theaterstück, das Tankred Dorst geschrieben hatte. Es folgten noch viele weitere – Dorst gilt als einer der am häufigsten gespielten Dramatiker an deutschen Bühnen. Zu den Höhepunkten seiner Regie-Arbeit gehörte 2006 die Nibelungen-Inszenierung bei den Richard-Wagner-Festpielen in Bayreuth. Sein Erstling "Die Kurve" ist jedoch von einer Mischung aus heiterer Leichtigkeit und schwarzem Humor geprägt, die dem Wagner abging.

Damit ist es das ideale Stück für eine Gruppe wie das theater stiller wahnsinn, das "Die Kurve" am Freitagabend in der KulturRösterei auf die kleine Bühne brachte. Die Reihen waren voll besetzt, denn das Trio ist bekannt für seinen Hang zum Wahnsinn, hatten sie doch 2007 erst Macbeth aufgeführt.

Etwas abseits der Zivilisation leben die Brüder Anton und Rudolf in den Bergen. Gleich neben ihrem Haus macht die schmale Straße einen Knick. Wenn ein warmes Lüftchen weht und die Süden ganz im Süden steht, übersieht schon mal ein Fahrer die Kurve und landet dann in den Rhabarberstauden. Überlebt hat den Abflug noch keiner. Dann kommt das ungleiche Brüderpaar zum Einsatz. Während Rudolf den Wagen repariert und zum Verkauf herrichtet, kümmert sich Anton um das Opfer. Zu der Beerdigung im kleinen Kreise hält er die Grabrede – 24 hat er schon ausgearbeitet, ständig sucht er nach Verbesserungen und schreibt Eingaben an den Ministerialdirigenten Kriegbaum.

Denn jedes Mal macht ihm der Tod der Fremden zu schaffen. So sinnlos scheint er, so verschwendet das Leben des Unschuldigen. Die Rolle des feinfühligen Phrasendreschers Anton steht Guido Surma hervorragend. Da ist dieser subtile Irrsinn in seinem verwirrten Blick, wenn er sich über die Toten und die Versäumnisse der Regierung in Person des Ministerialdirigenten ereifert. Die Mitschuld am tragischen Ableben der unbekannten Autofahrer steht ihm ins Gesicht geschrieben. Die Begeisterung über seine verantwortungsvolle Aufgabe als Grabredner ebenso.

Passend dazu: die Nüchternheit von Jörn Heinemeier als Rudolf – schlichter Blaumann für schlichtes Gemüt. Da prallen zwei unterschiedliche Auffassungen von Moral aufeinander. Aber es könnte ewig so weitergehen, würde nicht eines Tages Dr. jur. Erich Kriegbaum (gespielt von Manfred Upnmoor, so elegant bis skurril wie wir ihn kennen) schwungvoll in den Rharbarberstauden landen und als Erster den Absturz überleben. Was für Anton als Erfolgserlebnis beginnt, endet in einem Drama.

"Darf man töten, wenn es die Erhaltung unserer Lebensgemeinschaft erfordert?" fragt der Ministerialdirigent, aber da hat das skurrile Unheil schon seinen Lauf genommen. "Die Kurve" hat das theater stiller wahnsinn liebevoll mit einfachen Mitteln inszeniert. Eine kleine Bühne, ein handgenähtes Bühnenbild in fröhlich-bunten Farben und drei Reifen – mehr braucht es nicht, um Dorsts Farce auf den Punkt zu bringen. Eine klare Empfehlung für alle Freunde des schwarzen Humors. Eine Vorstellung gibt es noch vor der Sommerpause, weitere folgen ab September.

"Die Kurve": theater stiller wahnsinn lübeck in der KulturRösterei


28. Juni 18 Uhr
19. September 20 Uhr
20. September 18 Uhr
10. Oktober 20 Uhr
11. Oktober 18 Uhr



Fotos: (c) Stephanie Gerlich

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