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[West] Günter Grass und Friedrich Schorlemmer: Gut eingespieltes Ost-West-Duett Melde Dich an, um diesen Artikel auf deinem Merkzettel zu speichern. Artikel drucken Artikel als E-Mail versenden
Von Britta Koth
Dienstag, 17. Februar 2009
F.Schorlemmer, J.P.Thomsa, G.Grass
Musikhochschule, am 15. Februar: Eigentlich sollte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse zusammen mit Günter Grass und dem evangelischen Theologen und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer über Grass´ Tagebuch aus der Zeit der Wiedervereinigung diskutieren. Leider hatte Herr Thierse 40 Grad Fieber und konnte nicht kommen. Zu einer temperamentvollen Diskussion kam es trotzdem…

Wie schön, dass dieser Abend in der Musikhochschule stattfand, denn da ist man neben Voll-Tönendem auch den einen oder anderen Misston gewohnt. In der Debatte über Grass neues Buch "Unterwegs von Deutschland nach Deutschland. Tagebuch 1990" sprang für Wolfgang Thierse Jörg-Philipp Thomsa ein und moderierte das Gespräch sehr wohltemperiert. Friedrich Schorlemmer und Günter Grass gaben ein virtuoses Duett angeglichener Ost-West-Positionen. Günter Grass bewies in seiner authentischen Zeit-Zeugen-Prosa eine prophetische Weitsicht, wenn er den Raubtier-Kapitalismus als größten Feind nach der Wiedervereinigung ausmachte. Er demonstrierte fast Orakel-Qualität, wenn er die brandrote Gefahr des Klimawandels hat aufgehen sehen – kaum, dass die realsozialistische Bedrohung untergegangen war. Nur bei der Vision eines überstarken Berlin, umgeben von gesamtdeutschem Größenwahn, hat er sich eingestandenermaßen verschätzt. Der Grass-Bass war gewohnt volltönend und seine Forderungen, z.B. nach einer gemeinsamen Verfassung des Wiedervereinigten Deutschland, die es – laut Grundgesetz – geben müsste, erklangen in bekannt politisch-korrekter Koloratur.

Nur die Lese-Unterbrechungen aus dem Tagebuch haben die muntere Debatte zwischen dem Wittenberger Theologen und dem Lübecker Nobel-Preisträger gestört. Sicher, ein Tagebuch ist als Textsorte immer belastet mit Zumutungen von Intimität. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der ein Rezipient um der spannenden historischen Eindrücke wegen mit Schilderungen banaler Alltags-Ereignisse konfrontiert wird, bleibt ein Affront. Nur weil 1990 ein bedeutsames Jahr war, und weil ein scharfsichtiger Autor seine Eindrücke zu Recht festgehalten hat, muss kein Mensch wissen, ob es im August bei den Grassens Hering oder Flunder gegeben hat.

Eine heraus gelöste Sammlung politisch-prophetischer Betrachtungen z.B. wäre dem Thema besser bekommen. Der Misston der Eitelkeit – der jedes Tagebuch umgibt, das nicht post mortem verlegt wird – hätte das ansonsten gelungene Duett dann nämlich nicht gestört.

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